Fernsehpionier Kirch

Fernsehpionier Kirch

Der Münchener Filmhändler Leo Kirch ist nach langer Krankheit gestorben. Er schuf das größte Medienimperium Nachkriegsdeutschlands – und verlor es wieder. Nachruf auf eine Legende.

Düsseldorf Es ist ein trauriges Märchen, das der große italienische Regisseur Federico Fellini in seinem Film "La Strada" erzählt. Der Jahrmarktartist Zampano kauft die einfältige Gelsomina ihrer Mutter ab. Künftig muss sie dem großen Zampano assistieren. Sie reicht ihm die Ketten, die er sprengt, erträgt seine Launen. Später gibt es Streit. Zampano setzt das arme Mädchen im Gebirge aus. Es stirbt. Erst im Verlust bemerkt der sadistische Zampano, dass er das Mädchen wohl geliebt hat. Er bricht zusammen. Ende.

Wenn Leo Kirch in Plauderlaune war, erzählte er mit leiser Stimme und dem fränkischen Zungenschlag seiner Heimat von "La Strada". Dieser Film war für ihn nicht irgendein Film. Mit ihm legte Kirch den Grundstein für eine der faszinierenden Gründergeschichten aus den Kindertagen der Bundesrepublik. Der junge Doktor der Betriebswirtschaft Leo Kirch gründete 1955 in München seine erste Firma, die Sirius-Film. Für 25 000 Mark, die er sich bei der Bank geliehen hatte, erwarb er die Rechte an "La Strada". Er erachtete den Film als tauglich für die Ausstrahlung im noch jungen Medium des Fernsehens.

Vor allem das neu gegründete Zweite Deutsche Fernsehen profitierte in der Folgezeit von Kirchs wachsendem Filmstock. Cineasten haben errechnet, dass man rund 15 Jahre lang rund um die Uhr Kirch-Filme hätte senden können – ohne eine Wiederholung. Zum Filmschatz gehörte viel amerikanische Massenware, aber es waren sämtliche Klassiker darunter. Leo Kirch selbst sprach nie über die Kriegsstreifen, die seichte Unterhaltung, mit der er in der Masse sein Vermögen machte. Er lobte die feinen, sensiblen Filme und gab so mehr von sich preis, als die unzähligen Kirch-Porträts in den Archiven.

In ihnen wird fast immer das Zerrbild des "Medienmoguls" entworfen. Ein gewissenloser Schuft, der mit allen Mitteln politischen Einfluss zur Steigerung der Rendite suchte. In diesen Tagen liegt so der Vergleich nahe: ein deutscher Rupert Murdoch also. Kirch, der nach einem Autounfall seiner Frau und seines Sohnes in den siebziger Jahren einen Diabetes-Schock erlitt, musste sein seitdem schwer geschädigtes Augenlicht meist mit dunklen Brillengläsern schützen. Das erhöhte noch den Eindruck eines Dunkelmannes. Bis heute wird gemutmaßt, er sei der mysteriöse Geldgeber Helmut Kohls in der CDU-Spendenaffäre gewesen. Fest steht lediglich, dass er Kohl bei der Begleichung der Geldstrafe mit einer Million Mark half.

Sein öffentliches Bild zu korrigieren, gelang Kirch nie. Dabei war der Medienunternehmer gerade kein "Citizen Kane" wie der Pressezar in Orson Welles' gleichnamigem Streifen, einem anderen von Kirchs Lieblingsfilmen. Der Citizen Kirch war vielmehr im englischen Wortsinne ein Bürger, dem Werte wichtig waren, der aber auch Werte schaffen wollte. Ein Kaufmann, auf dem Höhepunkt seines Erfolgs fünffacher Milliardär, jedoch auch ein gläubiger Katholik, Menschenfreund und Mäzen der Künste, der den Bau der Neuen Pinakothek in München ermöglichte.

Kirchs Talent war die Fähigkeit, Menschen für sich einzunehmen: Kunden, Künstler, Intendanten, auch Politiker. Als in Deutschland nur in den Kategorien des öffentlich-rechtlichen Fernsehens gedacht wurde, entwarf er seine Idee des Privatfernsehens, vor allem Abspielstationen für seine Filme suchend.

Ihm nahestehende Unionspolitiker, allen voran sein persönlicher Freund Kohl, witterten jedoch die Chance, dem "Rotfunk" ein privates Programm entgegenzusetzen. Das Ergebnis ist bekannt: Die einstigen Kirch-Stationen Pro Sieben/Sat.1 und Co. sind Unterhaltungssender, einflussreich waren sie nie.

Kirch griff auch nach der Aktienmehrheit im Axel Springer Verlag. Ihn lockte die Werbekraft der "Bild"-Zeitung für seine TV-Ambitionen. Doch er scheiterte, verlor gleichzeitig bei der erfolglosen Einführung des Bezahlfernsehsenders Premiere Milliarden. Interview-Äußerungen des damaligen Deutsche-Bank-Chefs Rolf Breuer über eine mögliche Kirch-Insolvenz brachten sein Reich endgültig zum Einsturz. In einem "Spiegel"-Interview versuchte Kirch Gelassenheit auszustrahlen: "Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen." Doch in Wahrheit stand er verbittert vor den Trümmern seines Lebenswerks.

Seine Prozesse gegen Breuer beschäftigten bis zuletzt die Gerichte. So hatte Kirch, nach Herzoperation und Fußamputation im Rollstuhl, im März seinen letzten öffentlichen Auftritt in einem Gerichtssaal. Er konnte nur noch flüstern. Jetzt starb Leo Kirch im Alter von 84 Jahren im Kreis seiner Familie in München.

(RP)
Mehr von RP ONLINE