Ferguson / St. Louis: Schwarze Bevölkerung, weiße Polizei

Washington : Schwarze Bevölkerung, weiße Polizei

Der Fall des getöteten Michael Brown (18) zeigt, wie brisant das Thema Rassenbeziehungen in den USA noch immer ist.

Michael Brown war auf dem Weg zur Wohnung seiner Großmutter, als ein patrouillierender Ordnungshüter ihn anhielt. Es war helllichter Tag, ein Samstagmittag in Ferguson, einem Vorort von St. Louis im Bundesstaat Missouri im mittleren Westen der USA. Brown bedrohte keinen, er trug keine Waffe. Der Mann im Streifenwagen nahm Anstoß daran, dass der 18-Jährige, ein angehender College-Student, statt auf dem Bürgersteig in der Mitte der Straße lief, begleitet von Dorian Johnson, einem Freund.

Was folgte, über das gibt es zwei Versionen, die eine von Johnson, die andere von der Polizei. Nach der einen soll Brown nach kurzem Wortwechsel mit dem Beamten davongelaufen sein. Er soll die Arme erhoben haben, nachdem der erste Schuss gefallen war, was den Polizisten nicht davon abhielt, noch mehrere Male zu feuern. Eine Hinrichtung, sagt Johnson. Nach der anderen Darstellung soll Brown, gut 1,90 Meter groß, den Uniformierten in seinem Auto angegriffen, ihm einen Fausthieb versetzt und versucht haben, dem Mann die Dienstpistole zu entreißen. Schüsse aus Notwehr, sagt die Polizei.

Was immer die untersuchenden Detektive des FBI herausfinden werden, wieder einmal erlebt das Land einen Moment, der schlaglichtartig deutlich macht, wie brisant das Thema Rassenbeziehungen noch immer ist. Wer nach der Wahl Barack Obamas gehofft hatte, dass nun eine Ära beginnt, in der Hautfarben keine Rolle mehr spielen würde, der sieht sich einmal mehr eines Besseren belehrt. Und einmal mehr stehen die Ordnungshüter im Mittelpunkt der Kritik.

Es bleibt der alte Verdacht, dass sie "racial profiling" betreiben, Afroamerikaner und Hispanics sehr viel öfter ins Visier nehmen als Weiße. Im Bundesstaat Missouri ist die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen mit dunkler Haut von einer Streife gestoppt werden, fast doppelt so hoch wie bei Menschen mit heller. Obwohl es, auch das belegt eine Statistik aus dem vergangenen Jahr, wahrscheinlicher ist, dass man bei gefilzten Weißen Verbotenes findet. Greg Howard, ein afroamerikanischer Kommentator, bringt spitz auf den Punkt, was viele Schwarze über die Gesetzeshüter denken. "Für uns sind die Cops weniger Mitglieder der Gemeinschaft, der Wahrung des Friedens verpflichtet, sondern eher Soldaten einer Miliz." Mit ihren halbautomatischen Waffen und kugelsicheren Westen, ihren Helikoptern und Drohnen wollten sie in Cowboymanier Gefahren ausschalten, statt ihrem Viertel zu dienen.

Das Beispiel Fergusons macht deutlich, was sich alles nicht geändert hat in der Ära Obama. 21 000 Einwohner, eine Satellitenstadt am Nordrand der Mississippi-Metropole St. Louis, das ist Ferguson. Früher war das klassisches Mittelschichtenmilieu, 1970 noch fast ausschließlich von Weißen bewohnt. 1980 hatte jeder Siebte dunkle Haut, danach verstärkte sich, was Amerikaner "white flight" nennen: der Exodus der weißen Mittelklasse, die mit dem Zuzug zumeist ärmerer Afroamerikaner ihren sozialen Status bedroht sah. 2010 bildeten Schwarze eine 69-Prozent-Mehrheit in Ferguson, was die kommunalen Gremien aber nicht annähernd widerspiegelten: Der Bürgermeister und fünf der sechs Gemeinderatsmitglieder sind Weiße. Von den 53 Polizisten wiederum sind gerade mal drei Afroamerikaner.

Vor allem die amtliche Reaktion auf die Schüsse heizt den Kessel zusätzlich an. Bislang weigert sich der örtliche Polizeichef, den Namen des Todesschützen preiszugeben - man fürchte einen Racheakt. Die schwarzen Bewohner Fergusons nehmen die Geheimniskrämerei als Beleg dafür, dass die Behörden in ihrer Arroganz glauben, ihnen keine Rechenschaft schuldig zu sein. Mit anderen Worten, dass sie nach wie vor als Bürger zweiter Klasse gelten. Mit Protestmärschen, verstärkt durch Prominenz aus ganz Amerika, versuchen sie die Herausgabe des Namens zu erzwingen.

Elzie Granderson, ein CNN-Kolumnist aus Chicago, kommentiert es mit Sätzen, die jede Menge angestauten Frust erkennen lassen. "Ich habe es satt, marschieren zu müssen, damit ein Mörder in den Knast kommt", schreibt Granderson. "Im Übrigen habe ich es satt, dass ich mir Sorgen machen muss, mein 17-jähriger Sohn könnte über den Haufen geknallt werden von irgendeinem weißen Burschen, dem die Lautstärke seiner Musik nicht gefällt."

(RP)
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