Sexismus-Debatte: FDP: Brüderle zu Unrecht kritisiert

Sexismus-Debatte : FDP: Brüderle zu Unrecht kritisiert

In der Debatte über Anzüglichkeiten gegenüber einer Journalistin will sich FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle nicht äußern. Nicht nur die Partei stützt ihn – auch der frühere SPD-Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, Kurt Beck.

In der Debatte über Anzüglichkeiten gegenüber einer Journalistin will sich FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle nicht äußern. Nicht nur die Partei stützt ihn — auch der frühere SPD-Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, Kurt Beck.

Ungeachtet der massiven öffentlichen Diskussion über Sexismus in der Politik will sich FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle weiter nicht zu den Vorwürfen äußern, er sei einer Journalistin zu nahe gekommen. Nach Informationen unserer Zeitung aus Teilnehmerkreisen bat Brüderle in der gestrigen Präsidiumssitzung die Führungsmitglieder darum, die Debatte nicht mit Äußerungen zu verlängern.

Direkt kritisierte Brüderle in der Sitzung den schleswig-holsteinischen FDP-Fraktionschef Wolfgang Kubicki. Er würde sich wünschen, dass "auch im hohen Norden" einmal einen Tag lang nichts erklärt werde, sagte Brüderle. Das würde ihm am meisten helfen. Kubicki hatte in einem Interview mit der "Bild am Sonntag" Brüderle in Schutz genommen und von einer Kampagne gegen die FDP gesprochen. Kubicki hatte auch erklärt, dass er Brüderle geraten habe, keine rechtlichen Schritte gegen die "Stern"-Journalistin Laura Himmelreich einzuleiten, die die Debatte mit ihrem Artikel ausgelöst hatte.

Die FDP-Spitze stellte sich hinter Brüderle. "Rainer Brüderle hat beschlossen, dass er die Sache nicht kommentiert, und wir unterstützen ihn darin", sagte Generalsekretär Patrick Döring. Deshalb äußere sich auch Parteichef Philipp Rösler nicht zu der Darstellung der Journalistin. Zugleich betonte Döring, die FDP stehe "aus vollem Herzen und voller Überzeugung" hinter Brüderle. Die Veröffentlichung des Artikels sei "unfair und auch nicht gerechtfertigt", sagte Döring.

Auch Gesundheitsminister Daniel Bahr ließ die öffentliche Debatte unkommentiert: "Gerade weil ich voll hinter Rainer Brüderle stehe, rate ich ihm nichts über die Medien", sagte Bahr. Seinen Umgang mit Rundfunk und Presse will der Gesundheitsminister anders als Kubicki nicht ändern. "Ich habe bisher professionellen und offenen Umgang mit Journalisten und Journalistinnen gewählt und werde dies so beibehalten", sagte Bahr. Die ganze "Hysterie" sei ihm zuwider.

Die 29-jährige Himmelreich hatte dem 67-jährigen Brüderle vergangene Woche in einem Artikel im "Stern" vorgeworfen, vor gut einem Jahr am Abend vor dem traditionellen Dreikönigstreffen der Partei an einer Hotelbar zudringlich geworden zu sein. So soll er ihr unter anderem auf den Busen geschaut und gesagt haben: "Sie könnten ein Dirndl auch ausfüllen." Später soll er ihr nähergekommen sein, die Journalistin sei aber zurückgewichen. Der Artikel erschien wenige Tage nach der Nominierung Brüderles zum Spitzenkandidaten der FDP für den Bundestagswahlkampf. Eine öffentliche Debatte über Sexismus in der Politik folgte, in deren Verlauf die Journalistin Unterstützung erhielt, aber auch Kritik für den Zeitpunkt und die Form der Veröffentlichung erntete.

Gesundheitsminister Bahr zeigte sich trotz der Debatte und interner Querelen bei den Liberalen zuversichtlich, dass Brüderle als Spitzenkandidat im Duo mit Parteichef Philipp Rösler erfolgreich sein werde. "Ich halte die Tandemlösung für überzeugend für die Bundestagswahl", sagte Bahr. Sie zeige, dass die FDP unterschiedliche Charaktere habe und eine Mannschaft sei.

Die SPD kommentierte den Vorfall verhalten. Während der frühere SPD-Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, Kurt Beck, seinen Landsmann Brüderle verteidigte, blieb Kanzlerkandidat Peer Steinbrück zurückhaltend. Da Brüderle sich hierzu bisher nicht selbst geäußert habe, wolle er den Sachverhalt nicht kommentieren, sagte Steinbrück am Rande der Klausurtagung der SPD in Potsdam. Generell gelte aber: "Jede Art von sexueller Belästigung ist nicht hinnehmbar."

Unabhängig von den Vorwürfen gegen Brüderle geht die CDU nach der verlorenen Landtagswahl in Niedersachsen spürbar auf Distanz zu den Liberalen: Einen "Koalitionswahlkampf" werde es nicht geben, sagte Bundesverteidigungsminister Thomas de Maizière. Wer wolle, dass Angela Merkel Bundeskanzlerin bleibe, müsse CDU wählen. Zwar liegt die Union in Umfragen weiter mit deutlichem Vorsprung vor der SPD, doch sorgen sich zunehmend CDU-Politiker vor einer zu großen Nähe zu den Liberalen.

(brö, qqu)
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