Sozialwissenschaftler zur Kinderarmut So stellen sich Experten die Kindergrundsicherung vor

Berlin · Die Bundesregierung will die soziale Kindergrundsicherung 2025 an den Start bringen. Wissenschaftler fordern, dass Kinder künftig nicht mehr nur als Teil ihrer Familie gesehen werden – sondern als eigenständige, gleichberechtigte Personen. Das hätte weitreichende Folgen.

 Experten fordern, dass Kinder zu Anspruchsberechtigten werden.

Experten fordern, dass Kinder zu Anspruchsberechtigten werden.

Foto: dpa/Jens Kalaene

Zum Jahreswechsel wurde es auf 250 Euro erhöht, 2025 aber soll Schluss sein mit dem Kindergeld. Die Bundesregierung will stattdessen eine Kindergrundsicherung an den Start bringen — und damit ein zentrales sozialpolitisches Projekt einlösen. Das Gesetzgebungsverfahren soll nach der Sommerpause anlaufen. Experten aus der Armuts- und Familienforschung begrüßen das Vorhaben, fordern aber, Chancenungleichheit noch engagierter zu bekämpfen.

Bundesfamilienministerin Lisa Paus (Grüne) will Kindergeld und andere staatliche Leistungen in der Kindergrundsicherung bündeln. Sie soll grundsätzlich für jedes Kind in Deutschland gleich hoch sein. Der Umbau ist ein Projekt von SPD und Grünen, die FDP sieht es skeptisch. Die Pläne müssten finanzierbar bleiben. Zudem könne die Kindergrundsicherung einen Anreiz für Eltern bieten, lieber zuhause zu bleiben statt zu arbeiten.

Antje Funcke, Expertin für Familie und Bildung bei der Bertelsmann Stiftung, forderte, dass Kinder und Jugendliche zu Anspruchsberechtigten werden. Bislang sind das beim Kindergeld die Eltern, der Nachwuchs wird rechtlich bloß als Teil der Familie gesehen. Das würde heißen: Die Jugendlichen könnten die Grundsicherung ab einem gewissen Alter auch selbst beantragen.

Wie hoch die Grundsicherung genau sein müsse, wollte sie nicht sagen. Dafür fehle Datenmaterial. „Klar ist aber, dass wir uns stärker daran orientieren müssen, was der gesellschaftlichen Mitte zur Verfügung steht — und nicht mehr nur das Minimum in den Blick nehmen“, sagte Funcke. Heranwachsende sollten selbst befragt werden, wofür sie wie viel benötigen. Die Bertelsmann Stiftung hatte vergangene Woche eine Studie veröffentlicht, wonach die Kinderarmut in Deutschland zugenommen habe.

Armutsstrukturen lösen sich von selbst kaum auf, Geldnot setze sich über Generationen fort, so Holger Stichnoth, Leiter der Forschungsgruppe „Ungleichheit und Verteilungspolitik“ am Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung. „Die Folgekosten für die Gesellschaft sind hoch. Es ist leicht, andere davon zu überzeugen, mehr Geld in die Infrastruktur von Heranwachsenden zu investieren. Bei direkten Geldleistungen kommen aber sofort Zweifel: Werden die Mittel von den Eltern nicht zweckentfremdet?“, so der Ökonom.

Allerdings seien höhere Zuwendungen an Familien in Armut unabdingbar, um für mehr Chancengerechtigkeit zu sorgen. Studien würden zeigen, dass Kinder aus prekären Verhältnissen durch finanzielle Unterstützung besser in der Schule seien, später ein höheres Einkommen hätten und seltener in Kriminalität abrutschten.

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