Einer der letzten NS-Prozesse bleibt unvollendet: Ex-SS-Offizier Julius Viel gestorben

Einer der letzten NS-Prozesse bleibt unvollendet: Ex-SS-Offizier Julius Viel gestorben

Ravensburg (rpo). Der ehemalige SS-Offizier Julius Viel ist heute im Alter von 84 Jahren gestorben. Mit seinem Tod bleibt einer der letzten NS-Prozesse unvollendet.

Ravensburg (rpo). Der ehemalige SS-Offizier Julius Viel ist heute im Alter von 84 Jahren gestorben. Mit seinem Tod bleibt einer der letzten NS-Prozesse unvollendet.

Das Urteil des Ravensburger Landgerichts vom April 2001, das ihn wegen der Erschießung von sieben jüdischen Zwangsarbeitern kurz vor Kriegsende 1945 in Leitmeritz (Litomerice im heutigen Tschechien) für schuldig befand und mit zwölf Jahren Haft bestrafte, hat keine Rechtskraft erlangt.

Der 84-jährige Beschuldigte war bereits zu krank, um geistig der ursprünglich für den 19. Februar angesetzten Revisionsverhandlung vor dem Bundesgerichtshof in Karlsruhe folgen zu können. Der Termin wurde deshalb abgesetzt. Das Ravensburger Landgericht hob den Haftbefehl auf, so dass der schwer krebskranke Viel das Vollzugskrankenhaus Hohenasperg verlassen konnte.

Viel hatte die Taten stets bestritten. Bereits früher war gegen den früheren SS-Offizier ermittelt worden, doch wurden die Ermittlungen wegen "nicht genügender Nachweisbarkeit", wie es in einer Mitteilung des Ravensburger Landgerichts hieß, in den 60er Jahren eingestellt. 1998 kamen sie dann wieder in Gang, nachdem ein in Kanada wohnender Zeuge, der ebenfalls SS-Angehöriger war, sich im Alter zu Aussagen bereit fand, um sein Gewissen zu entlasten.

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Im Oktober 1999 kam Viel in Untersuchungshaft. Dieser Hauptbelastungszeuge namens Adalbert Lallier, bis zu seiner Pensionierung Wirtschaftsprofessor, identifizierte vor Gericht Viel als Schützen und beschuldigte seinen früheren Vorgesetzten, die sieben Zwangsarbeiter beim Ausheben eines Panzergrabens grundlos und kaltblütig nacheinander erschossen zu haben. Viel war damals als 27- jähriger Ausbilder an einer Offiziersschule für Funker und als Aufseher eingesetzt. Die Gefangenen kamen aus dem nahen Gestapo- Gefängnis Theresienstadt.

Vor den Schranken des Gerichts war der weißhaarige Rentner aus Wangen im Allgäu, der nach dem Krieg als Redakteur für verschiedene Zeitungen in Baden-Württemberg gearbeitet hatte, beim Prozessauftakt am 4. Dezember 2000 in straffer Haltung und sehr entschieden aufgetreten.

Die Mordvorwürfe wies er kategorisch zurück und berief sich zudem nach mehr als fünf Jahrzehnten auf Gedächtnislücken. Er berichtete von seinem Eintritt in die Waffen-SS als 18-Jähriger, den Feldzügen in Polen, Frankreich und Russland. "Die SS-Division "Das Reich" war meine soldatische Heimat." Von Grausamkeiten, Misshandlungen und Quälereien der Zwangsarbeiter will er nie etwas bemerkt haben. "Sonst wäre ich eingeschritten", beteuerte er.

Nach Kriegsende lebte Viel "ein Leben mit Verdienst und ohne Fehl und Tadel", wie das Ravensburger Gericht bei der Verurteilung anmerkte. Mit 65 Jahren erhielt er das Bundesverdienstkreuz. Viel erlag seiner Krebserkrankung am Sonntag in Wangen im Allgäu.

(RPO Archiv)
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