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Omar Massud: Ex-Häftling fremd in der eigenen Heimat

Omar Massud : Ex-Häftling fremd in der eigenen Heimat

Der Palästinenser Omar Massud hat zwei Jahrzehnte in israelischen Gefängnissen gesessen. Jetzt wurde er freigelassen.

Nach 20 Jahren in israelischen Gefängnissen ist Omar Massud in der Nacht zu gestern auf freien Fuß gesetzt worden — als einer von insgesamt 26 palästinensischen Häftlingen. "Ich trat ins Haus und hörte ein kleines Mädchen weinen. Ich nahm es auf den Schoß, nach einiger Zeit beruhigte es sich und schlief ein", erzählt der 39-Jährige gerührt. Aber den Namen der Tochter seines Bruders, den weiß er auf Anhieb nicht. Fragend blickt er sich um, ein Fremder zu Hause. "Ayat", ruft einer der Umstehenden ihm den Namen des Kindes zu.

Im blauen Trainingsanzug sitzt Omar in einem Zelt für Gäste vor dem Haus. Der Regen trommelt auf die blaue Plastikplane, dreckiges Wasser umspült die Füße. Nachbarn und Freunde umringen Omar, Kinder drängeln sich zu ihrem Helden. Drei Wangenküsschen für jeden Besucher, Schulterklopfen, Glückwünsche, Umarmungen.

Der bescheiden und ruhig wirkende Mann steht im Mittelpunkt, lächelt verlegen. Er bewegt sich langsam, fast vorsichtig. Seine Körpersprache verrät noch die Haltung eines palästinensischen Häftlings in einem israelischen Gefängnis. "Die Freiheit ist wunderbar. Keine Handschellen mehr, keine Fußfesseln, keine unfreundlichen Wärter", sagt er und streichelt einem der vielen Kinder um ihn herum den Kopf.

Omar war nicht immer so freundlich. 1993 arbeitete er in einem Büro der Europäischen Union im damals noch israelisch besetzten Gaza-Streifen. Einer seiner Kollegen war der israelische Rechtsanwalt Ian Feinberg. Der junge Mann war mit Projekten zur Verbesserung der wirtschaftlichen Lage der Palästinenser befasst. Als Omar den Auftrag der Palästinensischen Befreiungsfront (PFLP) erhielt, den Juden umzubringen, zögerte er nicht. Ohne Vorwarnung erschoss er seinen Kollegen in den EU-Räumen. "Warum sollte ich bereuen? Bereuen die Israelis etwa? Haben sie aufgehört, uns umzubringen? Hören sie auf, uns zu unterdrücken?", blafft er zurück. Am Morgen nach 20 Jahren Haft gibt es kein Mitleid mit dem Opfer, keine Selbstzweifel und keine Neubesinnung. Zumindest nicht gegenüber Fremden.

An einen Erfolg der Friedensgespräche Israels mit den Palästinensern um Präsident Mahmud Abbas glaubt er nicht. "Die israelische Regierung ist extremistisch. Solange sie weiter die Siedlungen ausbaut, unser Land raubt, unsere Häuser abreißt und unsere Menschen tötet, ist kein Frieden möglich", gibt er die offizielle Linie wieder. Dass Israel vernichtet werden muss, wie das die im Armenhaus Gaza-Streifen herrschende radikalislamische Hamas fordert, lehnt Omar ab. "Ich hoffe, dass es irgendwann Frieden geben wird", sagt er fast beschwörend.

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Kurz zuvor waren er und seine 25 Mithäftlinge von Palästinenserpräsident Abbas begrüßt worden. Abbas forderte als Bedingung für ein Friedensabkommen mit Israel die Freilassung aller palästinensischen Häftlinge: "Es wird kein Abkommen geben, solange auch nur ein Gefangener hinter Gittern sitzt." Angeblich befinden sich noch 5000 sogenannte Sicherheitshäftlinge in israelischer Haft — Omar Massud gehört seit wenigen Stunden nicht mehr dazu.

Doch wie soll es mit jemandem weitergehen, der mit 19 ins Gefängnis kam und mit 39 in einen Landstrich entlassen wird, der einem großen Gefängnis gleicht? Die Arbeitslosenquote in dem Gebiet mit 1,7 Millionen Einwohnern steuert auf 50 Prozent zu. Ägypten riegelt die Enklave am Mittelmeer seit dem Umsturz in Kairo noch strenger ab als Israel. Die Hamas hat kaum noch Verbündete und klammert sich zunehmend nervös an die Macht.

Für Omar bleibt da nur ein Posten bei der PFLP, vielleicht als Wachmann. Und dann möchte er eine Frau suchen und spät, aber gerade noch rechtzeitig eine Familie gründen. "Das verpasste Leben nachholen", sagt er und nickt dabei bekräftigend mit dem Kopf.

(dpa)