Nach Putsch und Evakuierung in Niger Europas Scherbenhaufen in Afrika

Meinung | Berlin. · Verliert der Westen eine ganze Region an Russland? In Mali, Sudan, Tschad, Burkina Faso und nun auch Niger mischen Wagner-Söldner mit und machen glänzende Geschäfte. Europäische Staatsbürger werden in Windeseile ausgeflogen.

 Menschen in Niger halten bei einem Protest die russische Flagge hoch.

Menschen in Niger halten bei einem Protest die russische Flagge hoch.

Foto: AP/Sam Mednick

War es das mit der Demokratie in der Sahel-Zone? Was vielleicht auch nur ein Demokratie-Versuch war, könnte mit dem Putsch in Niger tatsächlich gescheitert sein. Nach Mali, Burkina Faso, Tschad, Mauretanien und Sudan droht ein weiterer Staat in einer der ärmsten Regionen der Erde im Chaos und womöglich auch noch in einem bewaffneten Konflikt zu versinken. Es sieht so aus, als wäre nun auch dieser letzte vom Westen gesetzte und unterstützte Anker der Stabilität im Sahel dahin. Die Europäer reagieren mit Evakuierung ihrer Landsleute, weil nicht absehbar ist, wie sich die Lage in und um die Hauptstadt Niamey noch entwickelt. Die ehemalige Kolonialmacht Frankreich holt mehrere hundert Franzosen nach Hause und nimmt auch andere europäische Staatsbürger, darunter Deutsche, mit, wenn sie denn wollen. Das Auswärtige Amt in Berlin hat eine Reisewarnung für Niger ausgegeben und rät Deutschen, das Land zu verlassen. Nach dem Machtkampf der Militärs vor einigen Wochen in Sudan, wo die Bundesregierung noch eine eigene Luftbrücke organisierte, setzt Berlin dieses Mal auf Frankreich als Brückenkopf der Evakuierung. Denn niemand weiß, ob und wann dieser Konflikt in Niger noch militärisch eskaliert. Und man darf getrost fragen, wo waren westliche Geheimdienste, wenn ihre Regierungen vom Militärputsch in Niger tatsächlich so überrascht wurden?

Europa, vor allem Frankreich, steht im Sahel vor einem Fiasko. Die Regierungen in Paris und Berlin müssen erkennen, dass ihnen mit Niger einer der letzten Partner im Anti-Terror-Kampf von der Fahne geht. Deutschland wollte die Sahel-Staaten stabilisieren, ihnen Chancen zur eigenen Entwicklung geben -- gegen Terror, organisierte Banden, Kriminalität, Korruption und schlechte Regierungsführung. Der Bundestag schickte dazu Soldaten nach Mali und Niger. Doch nun steht man auch in dieser Weltregion beinahe vor dem Nichts. In der Hauptstadt Niamey attackiert ein aufgebrachter Mob die französische Botschaft und schwenkt dabei russische Fahnen. Russland hat einen Ruf als Helfer für Sicherheit und Ordnung bei jenen Militärs in Afrika, die ihre demokratisch gewählten Regierungen gestürzt haben. Sie haben gegen Geld und den Zugang zu Rohstoffen Wagner-Söldner ins Land geholt, die im Namen der jeweiligen Militärjunta aufräumen, während EU und UN ihre Missionen zur Stabilisierung des Landes wie auch zur Ausbildung der regulären Streitkräfte stoppen. Die westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft Ecowas hat den selbsterklärten Machthabern neben Sanktionen auch mit einem militärischen Eingreifen gedroht. Die Weltmacht USA, die befürchten muss, dass mit Niger der nächste Sahel-Staat unter russischen Einfluss gerät, hat den Ecowas-Staaten Unterstützung zugesagt. Nächste Woche läuft ein Ultimatum ab, das Ecowas den Militär-Putschisten gesetzt hat. Sollten sie bis dahin den demokratisch gewählten Präsidenten des Niger, Mohamed Bazoum, nicht freilassen, droht eine militärische Intervention. Europa steht im Sahel nun vor den Trümmern einer gut gemeinten Politik. Und einer freut sich über diesen Scherbenhaufen: Kreml-Herrscher Wladimir Putin.