Umfrage vor der Europawahl Deutsche und die EU – positiv, mit wachsender Skepsis

Exklusiv | Berlin/Brüssel · Die Grundstimmung gegenüber der Europäischen Union ist in Deutschland immer noch positiv. Doch das Vertrauen in die EU schwindet – das geht hundert Tage vor den Europawahlen aus einer neuen Umfrage hervor. Die Details.

EU- und Deutschland-Flaggen vor dem Reichstagsgebäude in Berlin. (Symbolbild)

EU- und Deutschland-Flaggen vor dem Reichstagsgebäude in Berlin. (Symbolbild)

Foto: ZDF/Foto: ZDF

Als „interessiert und zurückhaltend positiv“ bezeichnet der Soziologe Jochen Roose die Grundstimmung der Deutschen gegenüber der EU hundert Tage vor der Europawahl. Seine noch unveröffentlichte Studie befasst sich mit den Ergebnissen einer neuen Umfrage und vergleichbaren Befragungen im Zeitverlauf. Danach meinen zwar 53 Prozent der befragten Deutschen, es gehe ihrem Land durch seine EU-Mitgliedschaft besser. Auf der anderen Seite hat die EU allerdings mit einem zunehmenden Vertrauensschwund fertig zu werden.

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Wie die Umfrage unter 1542 Befragten im Auftrag der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) ergab, haben derzeit 46 Prozent der Deutschen ein sehr großes oder großes Vertrauen in die EU. Dagegen haben 53 Prozent nur noch wenig oder gar kein Vertrauen mehr. Diese Zahlen belegen vorangegangene Werte, die aus dem Eurobarometer gewonnen werden konnten. Danach hatten Ende 2018 noch 51 Prozent „eher Vertrauen“ in die EU und 38 Prozent „eher nicht“, bis 2023 hatte sich die Reihenfolge dann umgedreht. Nun überwogen die Befragten mit fehlendem Vertrauen die positiver Eingestellten mit 47 gegenüber 45 Prozent. Nach den Zahlen der KAS hat sich dieser Trend also fortgesetzt.

Das höchste Vertrauen bringen Anhänger der Grünen der EU mit 74 Prozent entgegen, gefolgt von denen der SPD mit 60 und denen der Union mit 46 Prozent. Nur elf Prozent der AfD-Anhänger vertrauen der EU. Zahlen für die FDP und die Linke ließen die Meinungsforscher weg, weil die Grundlage dafür zu gering gewesen sei - auch ein Hinweis darauf, wie es um die Wahlabsichten zugunsten dieser beiden Parteien bei den Europawahlen derzeit bestellt ist. Ähnlich fallen die Werte aus, wenn die Deutschen nach einer Gesamteinschätzung der EU gefragt werden, dann sind insgesamt 49 Prozent „sehr“ oder „ziemlich“ positiv eingestellt (79 Prozent bei den Grünen, 70 bei der SPD, 48 bei der Union und 17 bei der AfD).

Die positive Grundhaltung zur europäischen Einigung ist noch immer vorhanden. „Ich bin froh, wenn Europa in der EU zusammenwächst“ - diesem Satz können 53 Prozent „voll und ganz“ zustimmen, weitere 22 Prozent „eher“ zustimmen, 14 Prozent sagen dazu „teils-teils“, und nur acht Prozent stimmen ihm „eher nicht“ oder „überhaupt nicht“ zu. Roose liest daraus eine „positive emotionale Bindung an die europäische Einigung“. Zugleich scheinen sich viele Menschen für die EU zu interessieren. Denn nur sechs Prozent merken an, sie wüssten zu wenig darüber, um dazu eine Meinung haben zu können. Vor diesem Hintergrund ist es bemerkenswert, dass 53 Prozent „voll und ganz“ oder „eher“ davon überzeugt sind, dass es Deutschland durch seine EU-Mitgliedschaft besser geht. 22 Prozent sehen das „eher nicht“ oder „überhaupt nicht“ so.

Das geht laut Roose zudem mit einem Misstrauen gegenüber den auf EU-Ebene tätigen Akteure einher: Jeder Dritte unterstellt der EU, nur eigene Interessen zu verfolgen. Erwartungsgemäß ist diese Einschätzung bei AfD-Anhängern mit 62 Prozent am meisten ausgeprägt, bei 35 Prozent der Unionsanhängern zu verzeichnen, bei 17 Prozent der SPD-Sympathisanten und nur bei sieben Prozent der Grünen-Wähler.

Nicht nur für die Wahlkampfstrategen dürfte interessant sein, wie die Deutschen die Problemlösungskompetenz der einzelnen Parteien beurteilen. Bei der FDP sehen nur ein Prozent diese Fähigkeit, bei der Linken zwei, bei der AfD sieben, bei der SPD zehn, bei den Grünen zwölf und bei der Union 27 Prozent. Allerdings sagen zusammen 38 Prozent der Befragten, dass sie dies bei keiner der Parteien verorteten oder nicht beantworten könnten. Da bleibt für den Wahlkampf noch viel Luft nach oben.

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