Tesla-Werk in Brandenburg Was zum mutmaßlichen Anschlag bekannt ist – und was nicht

Berlin · Ein brennender Strommast in Brandenburg hat für einen Stromausfall gesorgt, davon ist auch die Tesla-Fabrik betroffen. Sie wurde evakuiert. Sicherheitsbehörden gehen von einem Anschlag aus. Tesla-Chef Elon Musk sprach von „den dümmsten Ökoterroristen der Welt“. Die Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Ein verbrannter Strommast steht auf einem Feld und die Polizei ermittelt. In der Tesla-Autofabrik in Grünheide steht die Produktion wegen des dadurch verursachten Stromausfalls still.

Ein verbrannter Strommast steht auf einem Feld und die Polizei ermittelt. In der Tesla-Autofabrik in Grünheide steht die Produktion wegen des dadurch verursachten Stromausfalls still.

Foto: dpa/Sebastian Gollnow

Nach großflächigen Stromausfällen im Landkreis Oder-Spree in Brandenburg laufen Ermittlungen wegen Brandstiftung und einem mutmaßlichen Terrorakt. Das Tesla-Werk in Grünheide musste seine Produktion vorerst einstellen. Ein Überblick.

Was ist passiert?

Nach Polizeiangaben setzten Unbekannte am frühen Dienstagmorgen in einem Ortsteil von Gosen-Neu Zittau zwischen Steinfurt und Hartmannsdorf einen Hochspannungsmast in Brand, woraufhin die Stromversorgung in zahlreichen umliegenden Ortschaften sowie im nahen Tesla-Werk in Grünheide ausfiel. Am späten Dienstagvormittag waren nach Angaben des Energiedienstleisters Edis die Stromausfälle bis auf das Tesla-Werk wieder weitgehend behoben.

Welche Folgen hatte das für das Tesla-Werk in Brandenburg?

Eine Tesla-Sprecherin sagte der Nachrichtenagentur AFP, dass der vermutlich durch einen Brandanschlag verursachte Stromausfall im öffentlichen Netz „zu einem Produktionsstillstand“ in dem Werk in Grünheide geführt habe. „Wir sind in der Lage, die Produktionsanlagen in einen sicheren Zustand zu versetzen“, fügte sie hinzu. Die Produktion stehe still, die Mitarbeiter seien nach Hause geschickt worden. Derzeit sei unklar, wann die Produktion wieder aufgenommen werden könne. Das Unternehmen von Elon Musk stellt in Grünheide seit März 2022 E-Autos her. Dort arbeiten rund 11.500 Beschäftigte.

Welche Erkenntnisse haben die Sicherheitsbehörden?

Sie gehen von einem Brandanschlag aus, mutmaßlich von einer linksextremen Gruppe. Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) sagte: „Es handelt sich offenbar um einen schweren Anschlag auf unsere kritische Infrastruktur mit Konsequenzen für tausende Menschen sowie viele kleine und große Betriebe in unserem Land.“ Anschläge auf die kritische Infrastruktur seien „eine Form von Terrorismus“. Nötig sei nun ein konsequentes Durchgreifen des Rechtsstaats, betonte der Ministerpräsident. „Sollte sich der Verdacht eines terroristischen Anschlags erhärten, wird der Generalbundesanwalt die Ermittlungen übernehmen müssen.“ Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) sagte: „Ein solcher Anschlag auf unsere Strominfrastruktur ist eine schwere Straftat, die durch nichts zu rechtfertigen ist.“ Politische Motive müssten in den laufenden Ermittlungen geprüft werden. „Wenn sich ein linksextremistisches Motiv bestätigt, dann ist das ein weiterer Beleg, dass in der linksextremistischen Szene vor Angriffen auf kritische Energieinfrastrukturen nicht zurückgeschreckt wird“, warnte sie. Die Folgen könnten tausende völlig unbeteiligte Menschen treffen. Dies zeige „eine enorme kriminelle Energie“.

Tesla-Fotos: So sieht es in den Werken bei Grünheide aus
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So sieht es in den Tesla-Werken bei Grünheide in Brandenburg aus

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Foto: AP/Patrick Pleul

Hat sich jemand zu dem Vorfall bekannt?

Ja, die als linksextremistisch eingestufte „Vulkangruppe“ verschickte Dienstagmittag ein Bekennerschreiben. „Wir haben heute Tesla sabotiert“, heißt es darin. Die Gruppe forderte eine „komplette Zerstörung der Gigafactory“ und warf Tesla „extreme Ausbeutungsbedingungen“ und eine Verseuchung des Grundwassers vor. Die „Vulkangruppe“ stand bereits im Jahr 2021 im Verdacht, einen Brandanschlag auf die Stromversorgung der Tesla-Baustelle verübt zu haben. Sie warf Tesla damals auf der linksradikalen Internetseite Indymedia.org vor, Tesla sei weder grün, ökologisch noch sozial. Der Verfassungsschutz Brandenburg schrieb in seinem Bericht 2021 über das Bekennerschreiben. Dort hieß es außerdem: „In den vergangenen Jahren hatten mehrmals Linksextremisten als „Vulkangruppen“ Brandanschläge in Berlin verübt.

Wird auch in andere Richtungen ermittelt?

Noch sind die Hintergründe unklar, die Ermittlungen laufen nach Polizeiangaben in alle Richtungen. Das Tesla-Werk ist bei vielen Gruppen und Organisationen umstritten. Aus Protest gegen die geplante Erweiterung des Tesla-Werks in Grünheide hatten Umweltaktivisten in der vergangenen Woche ein nahes Waldstück besetzt. Nach Angaben der Initiativen Robinwood und „Tesla Stoppen“ wurden dort unter anderem Baumhäuser errichtet. Sie distanzierten sich von dem mutmaßlichen Anschlag. „Mit unseren Körpern und Baumhäusern stellen wir uns der Erweiterung der Fabrik entgegen. Dabei gefährden wir keine Menschenleben“, teilte die Initiative Teslastoppen mit.

Was hat es mit den Erweiterungsplänen von Tesla auf sich?

Tesla will neben dem 300 Hektar großen Werksgelände auf zusätzlichen rund 170 Hektar einen Güterbahnhof, Lagerhallen und einen Betriebskindergarten errichten. Dafür sollen mehr als hundert Hektar Wald in einem Landschaftsschutzgebiet gerodet werden. Das Unternehmen will die Produktion in Grünheide von angepeilten 500.000 Autos im Jahr mit dem Ausbau auf eine Million im Jahr verdoppeln. Eine Mehrheit der Einwohnerinnen und Einwohner der Gemeinde Grünheide hatte sich in einer Bürgerbefragung gegen die Erweiterung des Tesla-Geländes um 170 Hektar ausgesprochen. Das Votum ist für die Gemeinde nicht bindend.

Was bedeutet der aktuelle Produktionsstillstand für Tesla?

Das Unternehmen rechnet wegen des Produktionsstillstands mit wirtschaftlichen Schäden im „hohen neunstelligen Bereich“. Dies teilte Tesla-Vertreter André Thierig am Dienstag mit. Man gehe von einer mehrtägigen Unterbrechung der Stromversorgung aus. Es sei unklar, wann die Produktion wieder aufgenommen werde. Derzeit herrsche eine sehr kritische Grundstimmung gegen Tesla, sagte Thierig. Das sei sehr unschön. Ob dies Auswirkungen auf die Zukunft der Fabrik haben könnte, könne er derzeit nicht sagen.

Was sagt Tesla-Inhaber Elon Musk zu dem Vorfall?

Musk schrieb am Dienstag auf Englisch auf dem Portal X (früher Twitter): „Das sind entweder die dümmsten Ökoterroristen der Welt oder sie sind Marionetten derer, die keine guten Umweltziele haben“, so Musk. „Die Produktion von Elektrofahrzeugen anstelle von Fahrzeugen mit fossilen Brennstoffen zu stoppen, ist extrem dumm.“ Dabei schrieb der Tesla-Chef die Wörter „extrem dumm“ auf Deutsch.

Gab es in NRW auch schon vergleichbare Vorkommnisse?

Ja. 2016 war am RWE-Tagebau Inden ein 80 Meter hohen Strommast angesägt und im Tagebau Hambach eine Hauptstromleitung in Brand gesetzt worden – der Schaden war groß. Bald darauf wurde unter einem Trafo des RWE-Stellwerks nahe des Kraftwerks Neurath ein Brandsatz mit funktionsfähigen Zündern entdeckt. Der Staatsschutz wurde eingeschaltet. Vor einem Jahr, im März 2023, knickte dagegen ein Hochspannungsmast zeitweise ein, weil ein Mast offensichtlich manipuliert worden war.

Könnte Henkel als größter Produktionsbetrieb von Düsseldorf vergleichbar zu Grünheide getroffen werden?

Nein. Der Konzern ist einerseits an das allgemeine Versorgungsnetz Deutschlands angeschlossen, hat aber auch ein eigenes Kraftwerk. Dieses würde Strom liefern, sofern es Schwierigkeiten im allgemeinen Hochspannungsnetz gibt. Eine Sprecherin sagt: „Eine Störung/Beschädigung eines Strommasts hätte keine Auswirkung.“ Außerdem können manche Anlagen heruntergefahren werden, um Strom gezielt zu sparen.

Könnten Krankenhäuser oder Flughäfen in NRW durch Stromausfälle einfach lahmgelegt werden?

Nein. Krankenhäuser und Airports müssen Notstromkapazitäten vorhalten, um den Betrieb aufrechtzuhalten, auch wenn das zentrale Stromnetz ausfällt. Bei Airports geht es dabei vorrangig darum, dass Jets weiterhin landen können auch bei einem flächendeckenden Stromausfall.

Wie geschützt ist der Airport Düsseldorf?

Bei Netzausfall sichern zuerst große Batterien die Versorgung wichtiger Anlagen. 59 Notstromaggregate springen dann an und sollen 48 Stunden den Betrieb garantieren ohne Strom vom Netz .

Sind systematische Angriffe gegen die kritische Infrastruktur denkbar?

Ja, im Februar 2023 war nach einer Razzia in der Reichsbürger-Szene bekannt geworden, dass Mitglieder durch die Sabotage von Strommasten einen großflächigen Stromausfall in Deutschland geplant hatten, um einen politischen Umsturz herbeizuführen.

Gibt es ein Gesetz zum Schutz der kritischen Infrastruktur?

Ja, im Gesetz über das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) sind eine Reihe an Sektoren genannt, die vor Angriffen geschützt werden müssen. Dazu gehören auch die Strom, Gas und Wasserversorgung, die Versorgung mit Kraftstoff und natürlich der Betrieb von IT-Netzen. Das BSI hat das Recht, unter anderem den Schutz von IT-Anlagen zum Beispiel vor Hackerangriffen zu überprüfen. Das Bundesinnenministerium erklärt, Betreiber kritischer Infrastruktur müssten sich „umfassend gegen Gefahren wie Naturkatastrophen, Terrorismus, Sabotage aber auch menschliches Versagen wappnen.“ Gefordert ist insbesondere, dass Netze resilient sind, dass sie also auch bei Teilausfällen weiterlaufen können.

(jd/rky/dpa/afp/rtr)
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