Studie zum Brexit: Auslandsinvestoren kehren Großbritannien den Rücken

Reaktion auf Brexit-Votum : Auslandsinvestoren kehren Briten den Rücken

Der Brexit lässt das Interesse von Auslandsinvestoren am Vereinigten Königreich laut einer neuen Studie drastisch sinken. Davon profitieren viele EU-Länder – große ebenso wie kleinere.

Die Investitionen von Ausländern in Großbritannien sind nach dem Brexit-Votum Mitte 2016 drastisch um fast 80 Prozent eingebrochen. Sie sanken im vergangenen Jahr auf nur noch 15 Milliarden Euro, nachdem Großbritannien im Durchschnitt der Jahre 2010 bis 2016 Auslandsinvestitionen von jährlich knapp 66 Milliarden Euro angezogen hatte. Das geht aus einer noch unveröffentlichten Studie des Kölner Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) hervor, die unserer Redaktion vorliegt.

Dagegen legten die Auslandsinvestitionen in wichtigen Euro-Ländern teils deutlich zu. Frankreich lockte im vergangenen Jahr knapp 50 Milliarden Euro an und verdoppelte damit den Durchschnittswert der Jahre 2010 bis 2016. Auch in Deutschland nahmen die Auslandsinvestitionen leicht zu: Sie kletterten 2017 auf knapp 35 Milliarden Euro nach 33 Milliarden im Durchschnitt der sieben Vorjahre. Besonders stark war der Anstieg der Auslandsinvestitionen im vergangenen Jahr auch in den Niederlanden, Österreich und Schweden, so das IW.

Die Briten hatten sich im Juni 2016 in einem Referendum mit knapper Mehrheit für den Austritt aus der Europäischen Union entschieden. Wirksam wird der Brexit nun im März 2019 – doch bis heute ist nicht klar, unter welchen Bedingungen das Vereinigte Königreich die Staatengemeinschaft verlassen wird. „Die große Unsicherheit über die weitere Entwicklung nach dem Brexit dürfte dazu geführt haben, dass die Auslandsinvestitionen im UK eingebrochen sind“, schreibt IW-Autor Jürgen Matthes. Vor der Brexit-Entscheidung sei Großbritannien „unter den EU-Staaten traditionell der beliebteste Standort für ausländische Direktinvestitonen“ gewesen.

Nur auf den ersten Blick zeige sich trotz des Brexit-Votums ein noch robustes Konjunkturbild im Königreich. Der Arbeitslosenquote liege mit nur vier Prozent auf dem tiefsten Stand seit 40 Jahren, auch die Stimmungsindikatoren seien noch gut. Allerdings habe sich das Wirtschaftswachstum seit dem Votum bereits spürbar abgeschwächt. Betrug der Zuwachs der Wirtschaftsleistung 2014 und 2015 noch 3,1 und 2,3 Prozent, so waren es 2016 und 2017 nur noch 1,9 und 1,8 Prozent. Im Zeitraum 2016 bis 2020 dürfte die Wirtschaftsleistung insgesamt um rund acht Prozentpunkte langsamer wachsen als ohne das Brexit-Votum, schätzt das IW.

Wichtige Ursache des schwächeren Wachstums sei die Pfund-Abwertung nach der Brexit-Entscheidung, die die Inflationsrate auf über drei Prozent steigen ließ. Der schnellere Preisanstieg mindere die Kaufkraft der Konsumenten. Doch auch die privaten Investitionen hätten nach dem Brexit-Votum gegenüber der Zeit davor erheblich an Schwung verloren. Auch hier sei die Unsicherheit über die weitere Entwicklung und der Mangel an Planbarkeit die wichtigste Ursache.

Zuletzt konnte die britische Industrie ihre Produktion zwar hochfahren, wie am Dienstag aus einer Firmenumfrage des Branchenverbands CBI für die drei Monate bis Juli hervorging. Doch schreckte sie wegen der Unsicherheit über die Richtung der Brexit-Gespräche mit der EU zurück. Der neue britische Außenminister Jeremy Hunt hatte jüngst vor einem Scheitern der Verhandlungen gewarnt. Ohne einen Austrittsvertrag verliefe der Brexit allerdings chaotisch – mit verheerenden Folgen vor allem für die britische Wirtschaft.

Die Londoner City spürt die Auswirkungen bereits. Das Finanzzentrum dürfte wegen des Brexits nach eigenen Schätzungen kurzfristig 3500 bis 12.000 Arbeitsplätze an EU-Länder verlieren. Langfristig könnten es viel mehr sein, sagte die politische Repräsentantin der City of London, Chatherine McGuinness, am Dienstag vor dem Brexit-Ausschuss des Parlaments. Dies hänge davon ab, wie das Trennungsabkommen mit der Europäischen Union (EU) ausfalle. Viele Banken, Versicherer und Vermögensverwalter haben sich Standbeine in anderen EU-Ländern geschaffen, um ihren Kunden auch nach dem Brexit nächsten März weiterhin ungehindert Finanzdienstleistungen anbieten zu können.

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