Zehn Jahre Hilfe-Telefon Sexueller Missbrauch Selbst die Täter greifen zum Hörer

Sexueller Kindesmissbrauch passiert im Verborgenen und doch überwiegend im Verwandtenkreis. Die Kleinsten sind der Macht Erwachsener hilflos ausgeliefert. Kerstin Claus, Beauftragte der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs zieht Bilanz über zehn Jahre Zuhören.

 Kerstin Claus (li), Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Missbrauchs, und Silke Noack, Leitung Hilfe-Telefon sexueller Missbrauch, bei einer Veranstaltung zum zehnjährigen Bestehen des Hilfe-Telefons.

Kerstin Claus (li), Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Missbrauchs, und Silke Noack, Leitung Hilfe-Telefon sexueller Missbrauch, bei einer Veranstaltung zum zehnjährigen Bestehen des Hilfe-Telefons.

Foto: dpa/Jens Kalaene

Ein Hinterhof-Loft in Berlin-Kreuzberg. Helle Räume, vier Telefone, zwei Berater, ein dickes Thema: sexueller Kindesmissbrauch. Es geht um Verbrechen an denen, die den Schutz von Erwachsenen am dringendsten brauchen. Wer zwischen den Gesprächen durchatmen muss, steigt auf einer Holztreppe nach oben auf die Dachterrasse, weil die Gespräche an die Nieren gehen können. „Nach fünf Stunden am Telefon ist man ziemlich durch“, sagt Sabine B., eine der Beraterinnen, die anonym bleibt, weil für das Hilfetelefon generell gilt: „Wir arbeiten anonym.“ 50.000 Anrufe haben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter angenommen, seit das Hilfe-Telefon Sexueller Missbrauch vor exakt zehn Jahren freigeschaltet worden ist. Darunter auch Anrufe wie dieser, der in diesem Fall gestellt ist. Eine Mutter meldet sich, ihre Tochter, 13 Jahre alt, habe von einer Freundin gehört, dass ihr Sportlehrer nach dem Unterricht die Mädchen-Umkleide betreten habe, angeblich, weil er seine Uhr suche. Die Mädchen halb bekleidet, der Lehrer lässt den Blick schweifen – vielleicht nicht nur nach der Uhr.

Zum Start des Hilfetelefons Sexueller Missbrauch vor zehn Jahren mit den Standorten Berlin und Kiel ist die Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Missbrauchs, Kerstin Claus, in die Räume des Vereins N.I.N.A. (Nationale Infoline, Netzwerk und Anlaufstelle zu sexualisierter Gewalt an Mädchen und Jungen) gekommen. Claus sagt: „Wir müssen begreifen, dass sexuelle Gewalt stattfindet, dass sie in unserer Umgebung stattfindet.“ Beraterin Sabine B.: „Überwiegend passiert es im engsten Familienkreis.“ Sie erzählt, dass auch Täter bei ihr anriefen. Der Vater, der ihr am Telefon berichtet, dass er sich an der eigenen Tochter vergehe und davon nicht lassen könne.“ Nur warum ruft der Täter bei der Telefonhotline an, die wiederum Kinder schützen soll? „Sie wollen Absolution, hören, dass es nicht so schlimm sei.“ Sabine B. sagt dann: „Wir schützen Kinder, nicht die Täter.“ Silke Noack, Leiterin des bundesweiten Hilfe-Telefons (Telefon-Nummer 0800 22 55 530) und geschäftsführende Vorsitzende von N.I.N.A., sagt über die Schwelle, die Anrufer oft überwinden müssen: „Lieber rufen Sie doch beim Pizza-Bringdienst an als beim Hilfetelefon.“ Aber wenn jemand „ein komisches Gefühl“ habe, dass bei einem Kind etwas nicht stimmen könnte, dass es womöglich sexuell missbraucht werde, „damit laufen Sie nicht zum Jugendamt, damit laufen Sie nicht zur Polizei“.

Das bundesweite Hilfe-Telefon will niedrigschwellig helfen, zuhören, auf Vertrauensstellen oder Fachleute am Wohnort verweisen und das Kind aus der Schusslinie nehmen – bis zu einer eventuellen Hauptverhandlung. Zehn Jahre zuhören und beraten. Ein Service, den die Hilfe-Hotline in mittlerweile 19 Sprachen anbietet, auch in Gebärdensprache für Gehörlose. Berater Jörg S. sagt der Mutter der 13-jährigen Schülerin: „Einfach durchatmen, ich bin dafür da, dass Sie reden können.“ Der Anruf ist fingiert, ein Beispiel. Aber das echte Leben bringt solche Anrufe dauernd. Nicht selten ein Notruf. Und dahinter ein Schicksal. Beraterin Sabine B. sagt: „Betroffene haben lebenslang damit zu tun.“ Die Polizeiliche Kriminalstatistik weist für 2023 insgesamt 16.375 Fälle des sexuellen Missbrauchs von Kindern aus. Und das ist nur das Hellfeld. Das Dunkelfeld gilt als weitaus größer. Auch deshalb will Claus repräsentativ in die 9. Klassen in allen 16 Bundesländern zur Befragung gehen.

Die Unabhängige Beauftragte Claus hofft, dass ihr Amt, organisatorisch angesiedelt beim Bundesfamilienministerium, bald dauerhaft per Gesetz verankert wird. Demnächst will das Bundeskabinett sich damit befassen. Sie hofft, dass das Gesetz bis Frühjahr 2025 dann durch ist. Denn: „Sexueller Missbrauch ist kein Thema für den Wahlkampf“, betont Claus.