Euro-Länder einigen sich auf Maßnahmen gegen Zinsfalle: Schnelle Hilfen für Spanien und Italien

Euro-Länder einigen sich auf Maßnahmen gegen Zinsfalle : Schnelle Hilfen für Spanien und Italien

Nächtliche Krisensitzung in Brüssel: Die Europartner stehen Italien und Spanien bei. Der EU-Gipfel vereinbart zudem einen Wachstumspakt. Bald kommt eine gemeinsame Bankenaufsicht. Finanzminister Schäuble wird nicht Eurogruppenchef - Luxemburgs Juncker bleibt im Amt.

Die Staats- und Regierungschefs der 17 Euroländer haben sich in einer dramatischen Nachtsitzung auf Hilfen für die bedrängten Länder Spanien und Italien geeinigt. Rom und Madrid haben akute Schwierigkeiten, sich frisches Geld zu besorgen. Ländern mit guter Haushaltsführung können vom Sommer an - ohne zusätzliche Sparprogramme - Unterstützung aus den Rettungsschirmen EFSF und ESM erhalten, um die Finanzmärkte zu beruhigen. Details sollen die Euro-Kassenhüter Anfang Juli festlegen.

Die Staats- und Regierungschefs der 27 EU-Staaten verständigten sich im Kampf gegen die Rezession auf einen Wachstumspakt für mehr Beschäftigung. Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte am Freitagmorgen nach den Marathonberatungen in Brüssel: "Wir haben eine gute Entscheidung gehabt, vor allem, was das Wachstum anbelangt." Dieses Paket umfasst 120 Milliarden Euro und ist nach Merkels Worten insbesondere für die Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit wichtig.

Der zweitägige EU-Gipfel steht unter Zeitdruck, da Merkel am Freitagnachmittag nach Berlin zurückkehren muss. Bundestag und Bundesrat wollen dann über die Gesetze für den neuen Rettungsfonds ESM und den Fiskalpakt abstimmen. Eine Mehrheit gilt nach Zustimmung von SPD und Grünen als sicher. Abweichler wird es allerdings weiterhin geben. "Ich werde gegen den ESM stimmen", sagte CDU-Politiker Wolfgang Bosbach unserer Redaktion.

Die Kanzlerin begrüßte auch, dass sich die Euroländer auf die Schaffung einer unabhängigen gemeinsame Bankenaufsicht unter Einbeziehung der Europäischen Zentralbank (EZB) geeinigt haben. Dies gilt als Voraussetzung dafür, dass marode Banken sich direkt aus Mitteln der Rettungsfonds rekapitalisieren könnten.

Bundesregierung: Keine Euro-Bonds

Die Bundesregierung wies Mutmaßungen von Italiens Ministerpräsident Mario Monti zurückg, der EU-Gipfel habe die Tür zu Euro-Bonds aufgestoßen. Monti hatte am Freitagmorgen darauf hingewiesen, dass die Einführung gemeinsamer Schuldscheine weiter im Text der EU-Vierergruppe um EU-Ratschef Herman Van Rompuy stehe. Der Gipfel verständigte sich zwar auf die Baustellen für eine Vertiefung der Währungsunion. Doch über den Inhalt der Reform gab es noch keinerlei Diskussion.

Dass Monti dennoch Euro-Bonds am Horizont sehe, entbehre jeder Grundlage, hieß es dazu aus deutschen Delegationskreisen. "Heute Nacht ist kein Beschluss in diese Richtung gefasst worden." Im Gegenteil: Deutschland habe mit weiteren Ländern durchgesetzt, dass auch in Zukunft die existierenden Instrumente der Rettungsschirme EFSF oder ESM in Anspruch genommen würden.

Juncker macht weiter

Der luxemburgische Regierungschef Jean-Claude Juncker wird als Vorsitzender der Eurogruppe weitermachen. Er wolle aber nicht mehr die volle Amtszeit von zweieinhalb Jahren ableisten, sagte der EU-Veteran."Das wird am Freitag entschieden", meinte er. "Aber jedenfalls werde ich kein volles Mandat mehr ausüben." Damit ist endgültig Finanzminister Wolfgang Schäuble aus dem Rennen, der lange als Junckers Nachfolgefavorit galt.

Juncker zeigte sich mit dem Gipfelergebnis zufrieden. "Ich hätte mir mehr gewünscht. Und wir haben mehr erreicht, als ich dachte, dass wir erreichen würden", sagte er. Die Bundeskanzlerin sei beim EU-Gipfel weder isoliert noch bedroht gewesen. "Frau Merkel war nicht isoliert in der Vergangenheit, ist auch jetzt nicht isoliert. Andere haben andere Auffassungen."

Spanien und Italien blockierten

EU-Gipfelchef Herman Van Rompuy krempelte das Programm des zweitägigen Spitzentreffens komplett um. Er setzte die Krisensitzung der 17 Eurostaaten in der Nacht an; ursprünglich wollten sich die "Chefs" der Euroländer erst am Freitagmittag zusammensetzen.

In dramatischen Verhandlungen wurde versucht, sich auf Notmaßnahmen für Italien und Spanien zu verständigen. Die beiden Euro-Wackelkandidaten blockierten zwischenzeitlich eine endgültige Einigung auf den Pakt für Wachstum und Stabilität. In einer Erklärung heißt es: "Es ist entscheidend, den Teufelskreis zwischen Banken und souveränen Staaten zu durchbrechen."

Zähes Ringen

Spanien pochte in den ausgesprochen zähen Verhandlungen auf direkte Finanzspritzen der europäischen Rettungsfonds für marode Banken im Land. Bisher gibt es diese Möglichkeit nicht. Nach den Worten von Frankreichs Präsident François Hollande will Madrid damit vermeiden, dass Bankenhilfen auf die Staatsverschuldung angerechnet werden. Spanien hat bereits einen Antrag gestellt, um europäische Finanzhilfen für seine angeschlagenen Geldhäuser zu erhalten - im Gespräch ist eine Summe von bis zu 100 Milliarden Euro.

Die Chefs vereinbarten auch, dass der neue Krisenfonds ESM in bestimmten Fällen auf seinen Status als "bevorzugter Gläubiger" verzichtet. Damit würde Krisenländern wie Spanien geholfen. Bei dem Sonderstatus würde der Krisenfonds bei einer Pleite bevorzugt bedient - solche Regelungen schrecken private Investoren ab.

Geld ohne neue Auflagen

Italiens Regierungschef Mario Monti sagte, sein Land wolle derzeit keine europäischen Milliardenhilfen in Anspruch nehmen. Er habe für eine Vereinbarung gekämpft, wonach Ländern mit guter Haushaltsführung aus den europäischen Krisenfonds EFSF und ESM geholfen werden kann, um die Finanzmärkte zu beruhigen. "Das ist kein Programm, wie es Griechenland, Italien oder Portugal haben." Die Staaten müssten keine neuen Auflagen erfüllen, sondern nur bereits gegebene Zusagen erfüllen. Auch die "Troika" mit Experten der Geldgeber würde nicht in die Länder reisen.

Monti sprach von harten Debatten bei dem mehrstündigen Euro-Gipfel. "Die Eurozone ist gestärkt", lautete die Bilanz des parteilosen Regierungschefs.

Mit dem Wachstumspakt, der ein Prozent der Wirtschaftsleistung umfasst, sollen beispielsweise EU-Gelder schneller in die Länder geleitet werden. Rund 55 Milliarden Euro kommen aus EU-Töpfen. 60 Milliarden Euro soll die Europäische Investitionsbank (EIB) stemmen. 5 Milliarden Euro werden durch sogenannte "Projektbonds" aufgebracht. Diese sollen der Privatwirtschaft durch staatliche Garantien Investitionen schmackhaft machen.

Hier geht es zur Infostrecke: Das Lexikon der Euro-Krise

(APD)
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