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60 Jahre Römische Verträge: Wie ein Leben ohne europäische Integration aussehen würde

60 Jahre Römische Verträge : Wie ein Leben ohne europäische Integration aussehen würde

Genau 60 Jahre ist es her, dass die Römischen Verträge unterzeichnet wurden. Diese legten den Grundstein für die heutige EU. Unser Autor Matthias Beermann hat in einem Szenario skizziert, wie wir leben würden, wenn es die europäische Integration nicht gegeben hätte.

Rom, Anfang März 1957

Mit ernster Miene tritt der italienische Ministerpräsident Antonio Segni vor die Kameras der Wochenschau. "Dies ist ein äußerst trauriger Moment", verkündet der Christdemokrat, "für Italien — und für Europa". Fast drei Jahre lang hatten die sechs Mitglieder der Montanunion — Belgien, die Bundesrepublik Deutschland, Frankreich, Italien, Luxemburg und die Niederlande — verhandelt, um eine europäische Wirtschaftsgemeinschaft zu gründen.

"Wir standen kurz vor dem Durchbruch", sagt Segni. Man habe sogar bereits einen Saal im dem römischen Kapitolspalast für die feierliche Unterzeichnung der Urkunden herrichten lassen. Doch dann seien die Gespräche in letzter Minute doch noch gescheitert. Er wolle keine Schuldzuweisungen erteilen, beteuert Segni. "Ich hoffe, wir können die Verhandlungen irgendwann wieder aufnehmen."

Düsseldorf, Anfang März 2017

Mit ernster Miene studiert Erasmus Müller eine Straßenkarte von Europa. Er hat sich freigenommen, um den Familienurlaub vorzubereiten. Morgen soll es losgehen. Es war gar nicht leicht gewesen, ein passendes Ziel zu finden. Eine Flugreise kam nicht infrage — viel zu teuer. Die Preise der Lufthansa sind einfach unverschämt, und günstigere Alternativen gibt es nicht. Also mit dem Auto. Der Wagen der Müllers ist schon recht betagt, und mit seinen Abgaswerten darf er in den skandinavischen Ländern gar nicht fahren. Das hat die Auswahl schon mal eingeschränkt. Aber nach drei Jahren Urlaub an der Nordsee sollte es endlich mal wieder ins Ausland gehen. "Italien!", hatte seine Frau gefordert.

Von der Internetseite seines Autoclubs hat Müller ein dickes Paket mit Reiseinformationen heruntergeladen, das hat ziemlich lange gedauert. Angeblich hat die Deutsche Telekom ja kein Geld, um endlich ihr Netz auszubauen. "Kann denen ja auch egal sein", grummelt Müller, "die haben ja noch immer ein Monopol."

Vor ihm auf dem Tisch liegen jetzt ausgedruckte Formulare für den Zoll und praktische Umrechnungstabellen von Mark in Lira. Bei der Bank war er auch schon, um dicke Bündel der italienischen Währung einzutauschen. Die saftigen Abhebungsgebühren von 20 Mark an italienischen Bankautomaten will sich Müller lieber sparen. Und weil die Route durch die Schweiz führt, musste er auch etwas Geld in Schweizer Franken und Tankgutscheine umtauschen.

Die Abfertigung an der Grenze nervt gewaltig

Erasmus Müller liebt Italien. Aber das stundenlange Warten auf die Abfertigung an der Grenze, das nervt ihn gewaltig. Und erst auf der Rückfahrt! Beim letzten Italien-Urlaub vor sechs Jahren wollte seine Frau unbedingt Parma-Schinken mitbringen, der in Deutschland absolut unerschwinglich ist. Die italienischen Zöllner waren ja sehr freundlich, aber auch sehr umständlich.

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Die Prozedur hatte eine kleine Ewigkeit gedauert. Und dann in der Schweiz das gleiche Spiel noch mal. Gottlob haben die Staaten der Montanunion sowie die Schweiz den Visa-Zwang abgeschafft. "Sonst wäre es ja wirklich wie im Mittelalter!", denkt Müller. Trotzdem musste er für die Kinder neue Reisepässe besorgen, weil Personalausweise immer noch nicht von allen europäischen Nachbarländern anerkannt werden.

Auf einer langen Liste hat Müller weitere Dinge notiert, die für den Urlaub erledigt werden müssen: Zum Beispiel genügend Adapter einpacken, weil die deutschen Stecker in keine italienische Steckdose passen. Die Kinder werden zwar maulen, aber deren Smartphones müssen zu Hause bleiben. "Sonst zahlen wir noch wochenlang die Roaming-Gebühren ab", hatte seine Frau gewarnt. Sie hat im Internet eine Zusammenstellung mit Badestränden gefunden, deren Wasserqualität überwacht wird.

Müller hat zwar kein rechtes Vertrauen in die italienischen Tests, die nach ganz anderen Kriterien durchgeführt werden als die deutschen. Aber so ist es ja auch in allen anderen Ländern. Sicherheitshalber hat die Familie Müller eine Reisekrankenversicherung abgeschlossen, weil die deutsche Krankenkasse leider für Behandlungen im Ausland nicht aufkommt.

Käseeinkauf — eigentlich gibt es nur deutsche und holländische Ware

"Morgen bin ich wirklich urlaubsreif", denkt Müller. Aber er freut sich auf die Fahrt in den Süden, weil auch der älteste Sohn der Familie diesmal mit von der Partie ist. Der junge Mann studiert zwar schon, und zwar Maschinenbau in Aachen, aber er hat es nicht eilig mit einem Abschluss. "Kein Wunder", seufzt Müller. Maschinenbauingenieure sind in Deutschland derzeit nicht gerade gefragt. Seit die D-Mark nach der Finanzkrise stark aufgewertet hat, ist die Nachfrage nach deutschen Waren eingebrochen. Maschinen gibt es in anderen Ländern viel billiger, in China vor allem, aber auch in Frankreich oder Italien.

Dort suchen sie händeringend Ingenieure, hat Müller in der Zeitung gelesen, aber deutsche Diplome werden nicht anerkannt, und auch eine Arbeitserlaubnis gibt es für Ausländer nur in Ausnahmefällen. Auch Müllers Tochter möchte nach ihrem Abitur im kommenden Jahr studieren, am liebsten Anglistik. Sie hat sich schon erkundigt, ob sie auch ein paar Semester an einer englischen Universität verbringen kann, aber das ist praktisch unmöglich. Studenten aus dem Commonwealth werden dort zugelassen, aus Deutschland dagegen nicht.

Müller reißt sich aus den trüben Gedanken, denn er muss noch einige Einkäufe für die Fahrt erledigen. Im Supermarkt um die Ecke kauft er ein wenig Käse ein. Das geht schnell, die Auswahl ist ziemlich übersichtlich. Eigentlich gibt es nur deutsche und holländische Ware. Vor dem Obst- und Gemüseregal schwirren ihm wie immer die Augen. Aber zur Feier des Tages legt er neben zwei krumme Salatgurken auch noch fünf Kiwis aus Spanien zu je drei Mark in seinen Korb. Müller hat gehört, dass mehr als die Hälfte des Preises auf die hohen Transportkosten und Einfuhrzölle zurückzuführen ist.

"Kiwi-Liebhaber müssen eben in Spanien leben", hat unlängst ein Bauern-Funktionär im Fernsehen gesagt. Dabei können Deutschlands Landwirte wirklich nicht klagen. Die Subventionen für die Agrarwirtschaft sind einer der bedeutendsten Posten im Bundeshaushalt. Überhaupt gibt es für viele Branchen Fördergeld vom Staat. Und weil die Kassen leer sind, wird seit Jahren an der Steuerschraube gedreht. Mit einem Mehrwertsteuersatz von 26 Prozent liegt Deutschland in Europa inzwischen an der Spitze.

Energiewende vor dem Aus

"Die Wiedervereinigung ist eben nicht umsonst", denkt Müller. Der Milliardenkredit, den Helmut Kohl Mitte der 90er Jahre in Frankreich ausgehandelt hatte, war da nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Immerhin haben die Franzosen mit ihrem Atomstrom geholfen, als es in Süddeutschland unlängst mal wieder zu einem Blackout gekommen ist, und das zu Vorzugspreisen.

Trotzdem steht die nach dem Reaktorunglück von Fukushima verkündete Energiewende in Deutschland vor dem Aus. Die stark schwankende Produktion von Wind- und Solarkraftanlagen lässt sich auf dem nationalen Strommarkt einfach nicht auffangen. Müller fischt trotzdem eine 100-Watt-Glühbirne aus dem Regal. Er braucht viel Licht, wenn er heute Abend im Bett noch in einem Reiseführer schmökern will. "Urlaub in Europa ist immer noch ein echtes Abenteuer", sagt er sich.

(bee)