Umfrage in zwölf EU-Ländern Nur noch jeder zehnte Europäer glaubt an einen Sieg Kiews

Brüssel · Die Entwicklungen an der Front beeinflussen auch die Einschätzungen der Europäer. Nach anfänglicher Skepsis über die Chancen auf einen ukrainischen Sieg und einer zwischenzeitlich gestärkten Hoffnung auf einen Rückgewinn der von Russland eroberten Gebiete sind diese Erwartungen nun sehr stark gesunken.

Eine pro-ukrainische Demonstration am Rande der Sicherheitskonferenz Mitte Februar auf dem Odeonsplatz in München.

Eine pro-ukrainische Demonstration am Rande der Sicherheitskonferenz Mitte Februar auf dem Odeonsplatz in München.

Foto: dpa/Felix Hörhager

Zwei Jahre nach dem Beginn der russischen Invasion glaubt nur noch jeder zehnte Europäer an die Möglichkeit eines ukrainischen Sieges. Das geht aus einer aktuellen Umfrage unter 17.000 EU-Bürgern in zwölf Ländern im Auftrag der Denkfabrik European Council On Foreign Relations (ECFR) hervor. Während in Polen, Schweden und Portugal mehr Menschen an einen Sieg der Ukraine glauben als an einen Sieg Russlands, ist es in den Niederlanden, in Deutschland, Spanien, Rumänien, Frankreich, Österreich, Italien, Ungarn und Griechenland andersherum. In Deutschland sehen zehn Prozent die besseren Chancen bei der Ukraine, 19 Prozent bei Russland.

Damit haben sich die Erwartungen ein weiteres Mal gedreht. Zu Beginn des russischen Angriffskrieges erwarteten die meisten Europäer eine schnelle Entscheidung auf Kosten ukrainischen Territoriums. Ein Jahr später setzte eine Mehrheit darauf, dass es der Ukraine gelingen werde, alle besetzten Gebiete zurückzuerobern. Nach der nur sehr begrenzt erfolgreichen ukrainischen Herbstoffensive und dem sichtlichen Erstarken des russischen Vormarsches gehen die Erwartungen von 37 Prozent der Europäer in Richtung einer Kompromissvereinbarung zwischen der Ukraine und Russland.

Sehr geteilt ist die Einstellung jedoch, wenn die Befragten persönlich zu entscheiden hätten. In Schweden, Portugal, Polen, Frankreich und Spanien würden sie dann die Ukraine eher darin unterstützen, die besetzten Gebiete zurückzuholen. In den anderen Ländern sind die meisten der Überzeugung, Druck auf die Ukraine auszuüben, damit sie sich zu einer Verhandlungslösung mit Russland bereit erklärt. 32 Prozent der Deutschen würden persönlich zur Rückeroberung drängen, 40 Prozent zu Verhandlungsbereitschaft. In Ungarn liegt dieses Verhältnis bei 16 zu 64.

Was aus der Ukraine wird, wenn Donald Trump im November die US-Präsidentschaftswahlen gewinnen sollte, ist für die befragten Europäer sehr unklar. Nur 18 Prozent rechnen dann mit einem Frieden in der Ukraine, während 36 Prozent das auch unter Trump für wenig wahrscheinlich halten. Gleichzeitig erwarten 43 Prozent, dass unter Trump ein Sieg der Ukraine weniger wahrscheinlich wird. Die Wirkungen von Trump auf die amerikanisch-chinesischen Beziehungen werden ebenfalls sehr unterschiedlich wahrgenommen. 25 Prozent rechnen damit, dass dann ein Krieg der USA mit China wahrscheinlicher wird, 24 Prozent glauben an das Gegenteil.

Die Einstellung der Europäer gegenüber Trump ist hingegen insgesamt eindeutig. Nur sieben Prozent wären über einen Sieg Trumps sehr erfreut, 45 dagegen sehr enttäuscht. Bei den Deutschen ist es mit fünf Prozent sehr Enttäuschten und 62 Prozent sehr Enttäuschten noch ausgeprägter. Beim Blick auf die Sichtweise der Anhänger rechtspopulistischer Parteien, die eigentlich eher mit Trump sympathisieren, gibt es jedoch erstaunliche Befunde. Einzig unter den Fidesz-Anhängern des ungarischen Regierungschefs Viktor Orbán sagt eine Mehrheit, dass sie sich über einen Erfolg Trumps sehr freuen würde. Bei den Neofaschisten der italienischen Ministerpräsidentin Giorgia Meloni ist es nur ein Drittel, genauso wie bei den AfD-Anhängern in Deutschland und den FPÖ-Fans in Österreich. Noch weniger würden sich die Unterstützer von Marine Le Pens Rassemblement National in Frankreich und der abgewählten PiS in Polen freuen.

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