Nawalny-Witwe vor EU-Parlament “Zehn Millionen Russen sind gegen Putin“

Straßburg · Im Gedenken an den getöteten russischen Bürgerrechtler Alexej Nawalny hat sich das Europäische Parlament hinter seine Witwe Julia Nawalnaja gestellt und ihre Vision eines freien Russlands unterstützt.

Julia Nawalnaja am Mittwoch bei ihrer Rede vor dem Europäischen Parlament in Straßburg.

Julia Nawalnaja am Mittwoch bei ihrer Rede vor dem Europäischen Parlament in Straßburg.

Foto: dpa/Philipp von Ditfurth

Es ist der Ort, an dem gelegentlich auch Putins Propaganda präsent ist, wenn Redner vom rechten oder linken Rand den russischen Krieg gegen die Ukraine bewerten. Doch an diesem Mittwoch hört die Witwe des schärfsten Putin-Kritikers nur Unterstützung. Als sie um fünf vor zwölf ihre Rede schließt, erhebt sich das gesamte Haus, stellen sich die Europaabgeordneten aus sieben Fraktionen und 27 Ländern an die Seite von Julia Nawalnaja. Soeben hat sie die Welt vor Putin gewarnt, der „kein Politiker, sondern ein blutrünstiges Monster“ sei. Und sie hat sie aufgerufen, so zu werden, wie ihr Mann gewesen sei: Erfinder im Kampf gegen das Böse.

Parlamentspräsidentin Roberta Metsola begrüßt die zentrale Rednerin des Tages als „liebe Julia“ und stellt sie als „seine mutige Frau“ vor. Zunächst aber lässt sie ihn, Alexej Nawalny, noch einmal per Video zu Wort kommen, präsentiert dessen „Leben und Vermächtnis“, erinnert an die Verleihung des Sacharow-Preises des Parlamentes an ihn und stellt ein Nawalny-Zitat in den Mittelpunkt: „Das Einzige, das das Böse triumphieren lässt, ist, dass gute Menschen nichts tun.“ Sie fügt ein „Deshalb müssen wir handeln“ hinzu.

Das lässt Nawalnaja schlucken. Bevor sie beginnt, stößt sie einen tiefen Seufzer aus. Mit einem weiteren tiefen Seufzen beendet sie zwölf Minuten später auch ihre Rede, die sie einmal unterbrechen muss, weil ihr die Stimme versagt. Aber sie hat sich vorgenommen, die Parlamentarier in Straßburg dort abzuholen, wo sie sind. Deshalb erinnert sie daran, wie ihr Mann während der Erholung von seinem Giftgasanschlag mit seiner Familie nach Straßburg reiste, und fordert die Europaabgeordneten zu einem Gedankenexperiment auf. Wenn sie nun im Europawahlkampf keine Werbespots veröffentlichten dürften, keine Interviews geben könnten und keine öffentlichen Auftritte veranstalten sollten, dann wüssten sie, wie es sei, in Putins Russland willkommen zu sein.

Aber sie trennt scharf. Zehn Millionen Russen seien „gegen Putin und gegen all das Böse“, diese möge der Westen nicht verfolgen, sondern mit ihnen zusammenarbeiten. Putin hingegen leite eine organisierte kriminelle Gang, zu denen „Giftmörder und andere Mörder“ gehörten. Aber das seien nur Marionetten. Er selbst, Putin, müsse zur Verantwortung gezogen werden für das, was er einem friedlichen Nachbarland angetan habe und was er ihrem Mann angetan habe. Am Beispiel der Youtube-Videos ihres Mannes beschreibt sie seine Erfindungsreichtum, „Wenn Sie Putin besiegen wollen, müssen Sie ein Erfinder sein und aufhören, langweilig zu sein“, appelliert Nawalnaja. Putin sei weder durch weitere Resolutionen noch durch weitere Sanktionen zu schädigen.

Sie hat begonnen mit den Zweifeln, ob die Beerdigung ihres Mannes am Freitag friedlich geschehen könne oder ob die Polizei die Menschen verhaften werde, die sich von ihm verabschieden wollten. Und sie schließt mit dem Versprechen, ihr Bestes zu geben, um seien Traum zu verwirklichen: „Die schöne Zukunft wird kommen“, sagt sie voraus, während sich die Abgeordneten für minutenlangen Beifall erheben.

Sie solidarisieren sich in den nachfolgenden Reden mal mehr, mal weniger deutlich, wählen zumindest sehr unterschiedliche Begriffe. EVP-Chef Manfred Weber erinnert daran, dass die Todesnachricht mit der Eröffnung der Münchner Sicherheitskonferenz zusammenfiel und erwähnt seinen „ersten Gedanken: Das ist kein Zufall, der Killer Putin steckt dahinter“. Der portugiesische Sozialist wählt die Formulierung, wonach Nawalny „gestorben“ sei und fordert eine internationale unabhängige Ermittlung zu den Ursachen. Dagegen sagt die französische Liberale Valérie Hayer, es handele sich um „politischen Mord“, der Putin „zuzuschreiben“ sei. Persönlich beginnt die deutsche Grünen-Fraktionschefin Terry Reintke, indem sie sich die Schmerzen vorstellt, die sie persönlich hätte, wenn ihre eigene geliebte Partnerin sterben würde, spricht dann vom „Fall“ Nawalny.

Nicola Procaccini von den italienischen Neofaschisten Fratelli ist um noch größere Distanz bemüht, wenn auch um „respektvolle“. Er stellt heraus, dass Nawalny „als Extremist etikettiert“ worden sei. Aber er sei „in sein Land verliebt“ gewesen, in dessen Menschen und in dessen Geschichte - und nimmt Nawalny dann als Beleg dafür, dass jedes Land seine Helden brauche. Für die rechtspopulistischen Identitären schildert Jaak Madison aus Estland, wie sehr man in seiner Heimat spüren könne, neben einem Land zu leben, „das uns am liebsten besetzen würde“. Schließlich drückt auch Nikolaj Villumsen von den dänischen Linken die Bewunderung aus „für jemanden, des es wagt, gegen Despoten wie Wladimir Putin aufzustehen“.

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