Nato-Ukraine-Rat tagt Im Westen wächst die Kriegsmüdigkeit

Brüssel · Aus fast jedem befreiten Dorf drangen Berichte über russische Gräueltaten, die jüngsten Drohnen-Angriffe auf ukrainische Infrastruktur waren massiver als je zuvor, und doch schaut die Welt immer weniger hin. „Fatal“ nannte Außenministerin Baerbock das in Brüssel beim Nato-Ukraine-Rat - und warb für einen „Winterschutzschirm“.

Bundesaußenministerin Annalena Baerbock am Mittwoch in Brüssel mit ihrem ukrainischen Amtskollegen Dmytro Kuleba und Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg.

Bundesaußenministerin Annalena Baerbock am Mittwoch in Brüssel mit ihrem ukrainischen Amtskollegen Dmytro Kuleba und Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg.

Foto: dpa/Saul Loeb

In den Niederlanden und in der Slowakei haben Gegner einer weiteren Ukraine-Unterstützung die Wahlen gewonnen. Trotz zunehmender Brutalität scheinen sich im Westen die Menschen so sehr an die Brutalität russischer Angriffe auf Zivilisten gewöhnt zu haben, dass sie nach 650 Tagen Krieg kaum mehr hinschauen möchten. Die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock treibt das um, als sie am Mittwoch in Brüssel am ersten Nato-Ukraine-Rat in diesem Format teilnimmt. „Sie nennt es ein „dramatisches Alarmsignal“, dass Russland gerade mit Drohnen die zivile Infrastruktur so hart angegriffen habe wie nie zuvor in diesem Krieg, dass aber „der Blick auf die Ukraine aus der Öffentlichkeit verschwindet“. Und das sei „fatal“.

Die Nato-Partner geben sich in Brüssel entschieden, die Ukraine weiter zu unterstützen. Baerbock ruft die Welt dazu auf, einen „Winterschutzschirm“ zu spannen. Offensichtlich wolle Russland auch in diesem Winter durch Angriffe auf die Stromversorgung den Menschen Wärme und Wasser nehmen, damit sie bei Temperaturen von bis zu minus 20 Grad erfrieren und verdursten. Deutschland habe bereits Generatoren und andere Unterstützung geschickt. Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg berichtet, dass die Alliierten ihre Anstrengungen verstärken wollten, die Luftabwehr der Ukraine zu stärken.

Er versucht, die 650 Tage für das attackierte Land positiv zu deuten. Die Ukraine habe die Hälfte des von Russland seit dem 24. Februar letzten Jahres besetzten Gebietes zurückgewonnen, die Schwarzmeerflotte so weit zurückgedrängt, dass Getreideschiffe wieder fahren könnten. Das Bedeutendste aber sei: „Die Ukraine hat Bestand als souveräne, unabhängige Nation, und das ist ein großer Gewinn.“ Auf der anderen Seite sei Russland inzwischen schwächer geworden, politisch, militärisch und wirtschaftlich. Es habe Hunderte von Flugzeugen, Tausende von Panzern und über 300.000 Soldaten verloren.

Dann folgt das große Aber. Russland dürfe nicht unterschätzt werden, warnt Stoltenberg. Die Produktion sei auf Kriegswirtschaft umgestellt worden, Putin habe eine hohe Toleranz für Verluste, und die Kriegsziele Moskaus in der Ukraine hätten sich nicht verändert. Das passt schon eher zu den aktuellen Meldungen von der von Schlamm und Schnee geprägten Front, wonach Russland inzwischen mit über 400.000 Soldaten in der Ukraine kämpft, die Offensive der ukrainischen Streitkräfte kaum noch Erfolge zeigt, stattdessen Russland kleinere Orte eingenommen haben will.

Die Nato-Mitglieder werden nicht müde zu betonen, dass allein die Ukraine darüber entscheidet, wann sie unter welchen Bedingungen mit Russland zu verhandeln bereit sei. Das klingt nach freier Hand, bedeutet zugleich aber auch, dass Stimmen im Westen die Ukraine dazu bringen wollen, ständig zu überlegen, wann ein Einlenken tragbar sein könnte. Militärexperten sehen eine kurzfristige dunkle Entwicklung für die ukrainische Abwehr voraus. Von der Front häufen sich Meldungen, wonach inzwischen auch schlecht ausgebildete ältere Männer eingezogen würden, die ohne Kampferfahrung schnell getötet würden.

Zwar sind nun auch Abrams-Kampfpanzer aus den USA eingetroffen. Aber die Ausbildung an den modernen F-16-Kampfjets läuft noch in Rumänien und in den USA. Sie werden frühestens im nächsten Frühjahr zur Verfügung stehen. Doch auch Stoltenberg dämpft die Erwartungen. Die Kampfjets erleichterten es der Ukraine, vorrückende russische Truppen so zu bekämpfen, dass die eigenen Verluste kleiner ausfielen, sie könnten auch die Luftabwehr stärken. Eine „Silberkugel“, also eine alles wendende Wunderwaffe, sei das aber nicht. Erst ein Zusammenspiel vieler einzelner Elemente könne die Situation auf dem Schlachtfeld wenden.

Bei dem Treffen in Brüssel bestreitet der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba einen Stillstand an der Front. Es gebe auch nach wie vor keine Alternative dazu, die Kontrolle über das gesamte ukrainische Territorium zurückzugewinnen. Ausdrücklich verneint er nicht, dass Kiew Ideen über „Zugeständnisse“ oder „Vereinbarungen mit Russland“ zu hören bekomme. „Die Leute, die das vorschlagen, sollten das als erstes ihren eigenen Regierungen vorschlagen, jemand anderem einen Teil ihres Territoriums und ihres Volkes zu geben“, kommentiert Kuleba.

Die Nato-Außenminister können ebenfalls keine Bereitschaft Russlands zu Rückzügen oder echten Verhandlungen erkennen. Die Auslöschung einer eigenständigen und demokratischen Ukraine bleibe das Ziel. Das Ende des Krieges liege, so furchtbar das sei, „allein in den Händen des russischen Präsidenten“, sagt Baerbock. Und fährt fort: „Dieser Krieg könnte morgen vorbei sein.“

Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort