Martin Sonneborn im Interview über das EU-Parlament und Satire

Martin Sonneborn über den Brüssel-Alltag: „Es gibt viele Leute, die ich nicht grüße, obwohl ich wohlerzogen bin“

Der frühere Chefredakteur des Satiremagazins „Titanic“ im Europaparlament – kann das gut gehen? Ein Gespräch über fünf Jahre in Brüssel, Arschlöcher im Plenum, Uploadfilter und den nordrhein-westfälischen Innenminister Herbert Reul.

Dieses Gespräch ist ein Experiment. Kann es eine Berechtigung haben, sich über das erfolgreichste Friedensprojekt der Geschichte, die Europäische Union, lustig zu machen? Seit fünf Jahren sitzt der Satiriker Martin Sonneborn für die Partei „Die PARTEI“ im Europäischen Parlament. Er soll uns diese Frage beantworten und tritt erstaunlich ernsthaft auf. Doch zur Begrüßung fragt er seine beiden Gäste erst einmal: „Wer ist der Redakteur, wer der Praktikant?“

Herr Sonneborn, ist die EU ein Witz?

SONNEBORN (räuspert sich) Auf keinen Fall. Sie hat natürlich viele komische Aspekte, aber sie ist kein Witz. Sonst würden wir uns auch nicht so ernsthaft mit ihr auseinandersetzen.

Weshalb eignet sich das EU-Parlament für die satirische Betrachtung?

SONNEBORN Es war nicht mein dezidiertes Vorhaben, im EU-Parlament zu sitzen, das Mandat kam ja überraschend für uns. Und jetzt arbeite ich halt mit den mir zur Verfügung stehenden Mitteln, die ich bei „Titanic“ und „Heute Show“ gelernt habe.

Ein Kellner stellt einen Teller vor Sonneborn, das Tagesgericht zur Ansicht für die Gäste. Sonneborn: „Thanks a lot.“ Kellner: „It’s cold.“ Sonneborn: „Vieles in Europa läuft nach diesem Prinzip, ohne Sprache, zum drauf zeigen.“

SONNEBORN Ich interessiere mich für die skurrilen und unseriösen Seiten, und hatte das Glück, dass ich fraktionslos geblieben bin. Ich saß also zusammen mit polnischen Monarchisten, ungarischen Antisemiten, Udo Voigt von der NPD, Marine Le Pen und FPÖ-Leuten. Für einen „Titanic“-Redakteur ist es ein Traum, solche Gestalten ohne falschen Schnurrbart studieren zu können.

Warum haben Sie sich gegen eine Fraktion entschieden?

SONNEBORN Wir haben ernsthaft darüber diskutiert und tatsächlich Fraktionsverhandlungen geführt. Außer Udo Voigt, den wollte wirklich niemand, sind alle deutschen Kleinparteien in Fraktionen untergekommen. Wir hatten Verhandlungen mit den Linken, mit den Grünen. Bei den Liberalen hätten wir auch eintreten können, es gibt ja noch ein paar echte Liberale in Europa, also nicht dieses FDP-Gesocks. Es hat sich schnell als gut herausgestellt, dass ich fraktionslos geblieben bin. Ich habe zum Beispiel öfter Gelegenheit, im Plenum zu sprechen. Allerdings musste ich die letzte „State of the Union“-Rede vor der Tür des Plenarsaals halten, weil ich keine Redezeit erhalten habe.

Warum haben Sie keine Redezeit bekommen?

SONNEBORN Das wird schon sehr gezielt zugeteilt. Zumindest am Abend vor der „State of the Union“-Sitzung hat man eigentlich immer Redezeit zu politischen Themen minderer Bedeutung, aber beim letzten Mal hat nicht einmal das geklappt. Deswegen musste ich lachen, als letztens der Generalsekretär von sich aus fragte, ob wir nicht beim Merkel-Besuch im Europaparlament Redezeit haben wollten. Kurz vorher hatten wir noch extrem gekämpft und keine bekommen, und jetzt liefern sie mir eine Minute mit Merkel auf dem Silbertablett. Mir war natürlich klar, dass ansonsten Udo Voigt die Minute bekommen hätte, weil er der andere deutsche fraktionslose Abgeordnete ist.

Das hört sich so an, als würde die Redezeit willkürlich verteilt.

SONNEBORN Das sieht verdammt so aus, ja. Wir haben mit dem französischen Generalsekretär eine Auseinandersetzung gepflegt, weil Bruno Gollnisch, rechtsradikaler Freund von Jean-Marie le Pen, ein alter Japanologe, der sehr justiziable Ansichten zum Holocaust vertritt, die Redezeit für die Fraktionslosen beantragte, als Hollande und Merkel zusammen in Straßburg waren. Eigentlich hätten sie uns zugestanden, weil ich bis dahin weniger Redezeit hatte als er. Aber der Generalsekretär zauberte dann immer neue Vorschriften aus dem Hut, die letztlich dafür sorgten, dass die Redezeit an den Franzosen ging.

Wie ist der Kontakt zu Udo Voigt denn so?

SONNEBORN Ich hatte die Verwaltung um einen Sitzplatz hinter ihm gebeten, damit ich ihn fünf Jahre lang beobachten kann, aber sie haben Voigt hinter mich gesetzt. Wenigstens hat er jetzt den Sitzplatz, der auf 88 endet. Ich habe dann mal seinen Schreibtisch inspiziert und festgestellt, dass er eine Zeitung unterm Tisch hatte, die ich vom Format her für die „Junge Freiheit“ gehalten habe, die sich dann aber als „taz“ herausstellte. Ich dachte, der Mann ist senil, aber er hatte einen Bericht über Hakenkreuze in Griechenland aufgeschlagen, und die Seite 18. Die 18 ist ja in rechten Kreisen positiv besetzt. Jedes Mal, wenn ich ihn sehe, spreche ich ihn an: „Na Voigt, immer noch in der Politik?“ – immer derselbe Satz. Und er hat jedes Mal eine Dummheit geantwortet.

Wie wirkt er auf Sie?

SONNEBORN Mich interessierte, ob die NPD noch ernst zu nehmen ist. Ich habe Voigt vorgeschlagen, in die AfD zu wechseln, weil das doch die moderne Form seines Ladens sei. Aber seine Fähigkeit sich auszudrücken, wurde immer dünner. Udo Voigt ist mittlerweile komplett senil. Die NPD stellt auf dieser Ebene keine Gefahr mehr dar.

Udo Voigt, polnische Monarchisten, ungarische Antisemiten. Fallen Sie als Satiriker noch auf?

SONNEBORN Kaum. Ich werde von meinen Nachbarn auch nicht als Satiriker wahrgenommen. Es gibt hier einige Abgeordnete mit Lebensläufen, die vom typischen CDU-Hinterbänkler abweichen. Vor allem die Ausländer begreifen nicht unbedingt, was ich mache.

Weil die Leute das nicht verstehen?

SONNEBORN Ich würde eher sagen, im Ausland interessiert das niemanden. Deutsche Abgeordnete schon eher. Wer souverän ist und über einen Funken Humor verfügt, hat auch keine Probleme mit mir, wir haben Kontakte in fast alle Parteien. Allerdings warnt die konservative Fraktion ihre Praktikanten davor, unsere Veranstaltungen zu besuchen: Vorträge zur EU von Jürgen Kuttner oder Georg Schramm.

Von deutscher Seite werden sie als Satiriker gesehen, alle anderen betrachten Sie als gewöhnlichen EU-Parlamentarier?

SONNEBORN Ja, das ist auch das, was Udo Voigt und meine Lieblingskollegin, die jetzt im Bundestag sitzt, Beatrix von Strolch (gemeint ist Beatrix von Storch, d. Red.), an Brüssel so schätzen: Dass es hier eine wohlerzogene, gebildete und hochbezahlte Verwaltungsangestelltenschaft gibt, die höflich und nett zu jedem ist. Man steht als deutscher Rechtsradikaler nicht in Gefahr, hier auf die Fresse zu bekommen.

Fast fünf Jahre sind Sie nun in Brüssel. Hat es was gebracht?

SONNEBORN Ja, das würde ich sagen.

Haben Sie Ihre Aufgabe erfüllt?

SONNEBORN Es war ja anfangs nicht klar, ob das hier funktionieren würde. Jetzt kann ich sagen: ja, es funktioniert. Auf unterschiedlichen Ebenen. Wir erhalten viele Reaktionen, junge Leute politisieren sich über lustige Plakate und Videos. Das halte ich für enorm wichtig, dass man als Pubertierender in Cottbus, Wittenberg oder Dortmund von der PARTEI ein Gegenangebot zu den rechten Strukturen serviert bekommt, die dort Überhand nehmen. In Zeiten, in denen es kein Geld für Jugendzentren und Kultur gibt, bieten wir den Leuten etwas an. Viele entwickeln darüber ein Interesse für Politik. Und sogar für das Europaparlament.

Und konkret?

SONNEBORN Ich habe lustigerweise entscheidend zur wichtigsten Datenschutzverordnung für Europa beigetragen, E-Privacy, über die in Deutschland nicht berichtet wird, weil da Interessen von Zeitschriftenverlegern ganz massiv berührt werden – ich weiß nicht, wie das bei der „Rheinischen Post“ ist. Es geht darum, dass Sie nicht offline getrackt werden dürfen, dass Ihre Kommunikation über Messengerdienste wie Whatsapp nicht inhaltlich analysiert wird und Ihre Daten nicht komplett abgeschöpft werden. Im Moment wird alles, was Sie im Netz tun, komplett ausgewertet. Um solche Sachen kümmert sich die E-Privacy-Verordnung. Als klar war, dass es in der entscheidenden Abstimmung an einer einzigen Stimme hängen würde, habe ich mich mit einem schmutzigen Geschäftsordnungstrick in den Libe-Ausschuss gemogelt, dort Udo Voigt ersetzt, und die eine, fehlende Stimme beigesteuert. So wurde E-Privacy beschlossen – und wird jetzt seit über einem Jahr von den 28 Staatschefs im Rat blockiert. Politisch haben wir damit viel mehr erreicht, als möglich war: Google, Facebook, Telekom, Vodafone, Microsoft, Mathias Döpfner und die komplette Internet-Werbeindustrie haben getobt.

Sie sprachen gerade von Aufmerksamkeit erregen. Relativ bekannte Parlamentarier wie Herbert Reul…

SONNEBORN (lacht)

… oder Martin Schulz waren ja zumindest einem interessierten Publikum bekannt.

SONNEBORN Chulz ja (gemeint ist Schulz, d. Red.).

Reul wohl nur den Nordrhein-Westfalen unter uns. Würden Sie sagen, dass Sie jetzt der bekannteste Abgeordnete im EU-Parlament sind?

SONNEBORN Das weiß ich nicht. Julia Reda (Abgeordnete der Piraten, Anm. d. Red.) ist durch ihren Einsatz gegen die sogenannten „Uploadfilter“ sehr bekannt. Elmar Brocken (CDU, gemeint ist Elmar Brok, d. Red.) habe ich in Kreisen berühmt gemacht, in denen er vorher nicht bekannt war. Aber Martin Chulz war ein Phänomen, weil er das EU-Parlament ins Bewusstsein der Leute gerückt hat. Antonio Tajani (aktueller Parlamentspräsident, Anm. d. Red.) dagegen ist ein eher halbseidener Chef, ein langjähriger Gefährte von Berlusconi. Was Chulz für das Parlament geleistet hat, kann man nicht groß genug herausstellen. Und Herbert Reul? Nun ja, er ist einer der nettesten und dümmsten Menschen, die ich je kennengelernt habe. Herzlichen Glückwunsch zu einem solchen Innenminister.

Warum?

SONNEBORN Selbst in Bergkarabach (mehrheitlich von Armeniern bewohnte Region im Südosten des Kleinen Kaukasus, d. Red.) lacht man über diesen Mann. Da hat mein Büroleiter Dustin Hoffmann vor dem Menschenrechtsbeauftragten der Regierung… (Hoffmann schaltet sich ein)

HOFFMANN Ich habe ihn nach aktuellen Problemen gefragt. Da nannte er Polizeigewalt und sagte, dass sie jetzt eine Kennzeichnungspflicht für Polizisten eingeführt haben. Ich habe ihm dann erzählt, dass Nordrhein-Westfalen die Kennzeichnungspflicht für Polizisten gerade abgeschafft hat. Da hat er gefragt: „Wieso denn das?“ Da hab ich gesagt: „Weil Herbert Reul der Polizei den Rücken stärken wollte.“ Und dann hat er für eine halbe Minute schallend gelacht. Bergkarabach lacht über die Menschenrechtssituation in Nordrhein-Westfalen.

SONNEBORN Dank Herbert Reul.

Haben Sie den Mann persönlich kennengelernt?

SONNEBORN Klar. Ich habe viele Kollegen kennengelernt, weil sie in Interviews über mich gesprochen haben. „Pannen-Jo“ Leinen zum Beispiel, ein etwa 135 Jahre alter Sozialdemokrat, der seinen Spitznamen von Oskar Lafontaine verpasst bekommen hat. Ich hatte noch nie von ihm gehört, las aber in einem Interview, dass er über mich sagte, ich sei „als Tiger gesprungen und als Bettvorleger gelandet“. Und dass ich möglicherweise Politik betreiben würde auf einer Ebene, die sich seiner Wahrnehmung entzieht. Und das stimmt ja letztlich auch, er begreift gar nicht, was wir hier machen. Einer der illiberalsten Demokraten, die wir hier haben. Und Herbert Reul schrieb auch gleich etwas, dass ich nie bei Sitzungen sei, oder so. Bei den ersten drei, vier Sitzungen der Korea-Delegation, in der wir zusammen waren, ist er aber gar nicht aufgetaucht. Und irgendwann kam er dann an. Das war ganz niedlich eigentlich, ein total netter, freundlicher, älterer Herr.

Hat er Sie erkannt?

SONNEBORN Ja. Ich habe ihn dann nach Nordkorea gefragt, ob er mal da gewesen sei. Er bejahte. Ich fragte: Wann? Er: Äh, ich weiß nicht, ich frag mal die Sekretärin, die muss das ja wissen, die war ja mit. Die Sekretärin wusste es dann. Sommer 2013. Als ich ihn dann fragte, wie es war, erklärte er mir, dass er nicht gern reise, aber wenn man mal reise, dann lerne man auch immer was. Und das sei total interessant gewesen, armes Land, aber die würden das schaffen da. Er hätte sich mit einer jungen Dame unterhalten, hübsch, die hätte gesagt: Wir schaffen das. Und die war die Tochter irgendeines hohen Generals, die hätte das also wissen müssen, sagte Reul. Das ist nett, aber inhaltlich durchaus aussagekräftig. Irgendwann habe ich im Ausschuss festgestellt, dass Reul nicht mehr kommt und Innenminister in NRW wird, da war ich schon recht schockiert. Das zeigt, wie dünn die Personaldecke der CDU in Nordrhein-Westfalen ist. Oder gibt es andere Gründe für seine Berufung?

Das wissen wir leider nicht.

HOFFMANN Bei Herbert Reul muss man sagen, dass er wohl auch so eine Art Hoffnungsboje für die Bevölkerung sein soll. Wenn man sieht, dass einer wie Reul Innenminister wird, dann zeigt das, dass wirklich jeder alles schaffen kann.

Teller klirren, irgendjemand schüttet Rotwein in Gläser. Interessierte Besucher schauen sich nicht den Abgeordneten Sonneborn an, sondern das Tagesgericht vor ihm.

Leute wie Jo Leinen, Elmar Brok oder Herbert Reul haben Sie immer wieder scharf angegriffen für das, was Sie im Parlament machen. Hört bei Spaß der Spaß auf? Finden diese Leute Ihre Anwesenheit im Parlament schlimmer als die der Rechtsradikalen?

SONNEBORN Das glaube ich schon. Rechtsradikale stellen keine Öffentlichkeit her für die Dinge, die sie tun. Parlamentarier sind hier in Brüssel praktisch Götter – ich könnte das jetzt hier (zeigt auf den Teller mit dem Tagesgericht) nehmen und wegschieben, wenn ich es wollte – aber in Deutschland finden sie relativ wenig Beachtung. Das kränkt schon mal. Und Elmar Brocken war so etwas wie ein König des Parlaments, er war fast 40 Jahre im Parlament und nebenbei über ein Jahrzehnt lang hochbezahlter Manager von Bertelsmann. Das ist absoluter Wahnsinn, was der im Konzerninteresse in den Vertrag von Lissabon eingebracht hat. Der Staatsrechtler von Arnim nennt das „legale Korruption“. Brocken kann Staatschefs anrufen, findet aber in Deutschland wenig Beachtung. Und wenn dann jemand kommt, der Beachtung findet, dann stört das viele. Das stört aber auch viele Journalisten. Ein Schweizer Reporter berichtete mir mal, er habe deutschen Journalisten erzählt, dass er ein Interview mit mir führt. Die hätten ihm gesagt, dass sie mich ignorieren, weil ich ein Konkurrent sei. Ein Mann, der sein Heft verkaufen will, die „Titanic“.

Sie sagten gerade, dass die EU-Parlamentarier kaum jemand kennt. Woran liegt denn das?