EU-Verordnung gegen Entwaldung Macht Brüssel den Kaffee knapp und teuer?

Brüssel · Die EU meint es mal wieder nur gut und will die weltweite Entwaldung mit einer neuen Verordnung stoppen. Doch der Nachweis fällt vor allem kleinen Kaffeebauern schwer, und so befürchtet die Branche einen Preisschock als Ergebnis, wenn für die Umstellung nicht mehr Zeit bleibt.

 ARCHIV - 24.09.2021, Berlin: Geröstete Kaffeebohnen liegen auf einem Tisch. Der norddeutsche Handelskonzern Bartels-Langness (Bela) hat seine Klage für Schadenersatz in Millionenhöhe von Melitta zurückgezogen. (zu dpa: «Handelskonzern Bela zieht Klage gegen Melitta zurück») Foto: Fabian Sommer/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

ARCHIV - 24.09.2021, Berlin: Geröstete Kaffeebohnen liegen auf einem Tisch. Der norddeutsche Handelskonzern Bartels-Langness (Bela) hat seine Klage für Schadenersatz in Millionenhöhe von Melitta zurückgezogen. (zu dpa: «Handelskonzern Bela zieht Klage gegen Melitta zurück») Foto: Fabian Sommer/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Foto: dpa/Fabian Sommer

Für Millionen Kaffeeliebhaber begann diese Woche mit Anlass zur Besorgnis. Marktführer Tchibo kündigte am Montag höhere Preise für nächste Woche an und empfahl den Kunden, sich noch reichlich zum aktuellen Preis einzudecken. Doch die Kostenanpassung von Mitte April könnte nur ein kleiner bitterer Vorgeschmack auf das sein, was zur Jahreswende droht. Der Countdown für die dann scharf gestellte entwaldungsfreie EU-Lieferkette läuft, und die Befürchtungen wachsen, dass sie einen gewaltigen Kaffeepreisschock auslösen wird.

Vor einer Unterversorgung mit Kaffee in Europa warnt der Deutsche Kaffeeverband mit der Folge „signifikant“ steigender Preise bereits seit Wochen. Dagegen ist der EU-Kommission keine Tatsache bekannt, wonach die EUDR, die EU Deforestation Regulation, die Preise für Lebensmittel erheblich ansteigen lassen könnte. Die Auswirkungen würden aus Kommissionssicht „sehr begrenzt“ sein. Doch Recherchen von Nichtregierungsorganisationen bestätigen die Probleme der Kaffeekonzerne. Keine der elf größten Kaffeeröstereien könne eine nachhaltige Lieferkette nachweisen.

Das hat auch damit zu tun, dass üblicherweise lokale Zwischenhändler die Kaffeebohnen aus verschiedenen Anbaugebieten mischen. Insofern ist bereits an dieser Stelle keine Übersicht mehr gegeben, für den Anbau welcher Bohne aus welchem Gebiet irgendwann seit dem 31. Dezember 2020 noch ein Wald gerodet wurde und die Erträge somit auf dem EU-Index stehen. Die Kaffeeanbieter müssen zudem nachweisen, dass auch die regional vorgeschriebenen Umwelt- und Sozialstandards von den Kaffeebauern und allen ihren Weiterverwendern und Weiterverkäufern eingehalten werden. Das aber überfordert vor allem die Kleinbauern. Und so sorgen sich die Nichtregierungsorganisationen, dass diese aus den globalen Lieferketten herausfliegen und als Ergebnis die ohnehin am Rande der Armut lebenden Kleinproduzenten noch ärmer werden.

Einige Länder des globalen Südens verbitten sich sogar diese Art eines europäischen „regulatorischen Imperialismus“. Es stehe der EU nicht an, seinem Land vorzugeben, ob es abholzen darf oder nicht, unterstrich Indonesiens Wirtschaftsminister Airlangga Hartarto. Sein Land ist die Nummer vier bei den weltweit größten Kaffeeproduzenten und die Nummer drei bei den weltweit größten Regenwäldern. Brasilien und Kolumbien nehmen in beiden Bereichen ebenfalls Spitzenpositionen ein. Aber auch für Äthiopien wachsen die Sorgen, dass die Vielzahl von kleinen Kaffeebauern die EU-Zertifikate nicht beisteuern können und deshalb aus dem Kreis der Lieferanten ausgeschlossen werden.

Es geht zudem längst nicht nur um Kaffee. Auch weitere Produkte wie Soja, Palmöl, Holz, Kakao und Rindfleisch, sind von den neuen Vorgaben betroffen. Und in jedem Fall muss sich jedes importierte Lebensmittel bis zu dem konkreten Grundstück zurückverfolgen lassen, auf dem es entstanden ist. Scheiden damit Anbieter aus, liegt eine Preissteigerung nahe. Denn den Anbietern der Endprodukte in Europa drohen Strafen von bis zu vier Prozent ihrer EU-weiten Gesamtumsätze, wenn sie sich ab Ende Dezember nicht an die neuen Vorgaben halten. Sie dürften im Zweifel daher auf Waren ohne umfassende Sorgfaltserklärung verzichten.

Millionen Menschen sind in den Ländern des Globalen Südens von der Zertifikate-Pflicht betroffen, weil sie in den letzten Jahren, etwa im Zusammenhang mit der starken Nachfrage nach Palmöl, aus der Armut herausgekommen sind. Aber auch Millionen von Verbrauchern in den Ländern des Globalen Nordens dürften die Auswirkungen zu spüren bekommen. Denn nach Brancheninformationen ist derzeit nur einer von fünf Kaffeebohnen-Lieferanten in der Lage, die erforderlichen Nachweise vorzulegen.

Deswegen werden immer mehr Rufe laut, das EUDR-Inkrafttreten zu verschieben. Vom 1. Januar 2025 auf den 1. Januar 2027, schlagen nun die CDU-Europapolitiker Hildegard Bentele, Peter Liese, Norbert Lins und Christine Schneider in einem Brief an Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und den Handels- sowie den Umweltkommissar vor. Bei dieser Gelegenheit sollten die detaillierten technischen Anforderungen vereinfacht werden, um auch europäischen Waldbesitzern die Arbeit zu erleichtern. Das Ziel, die Entwaldung weltweit zu stoppen, sei unbestritten, heißt es in dem Schreiben der Abgeordneten. Es müsse gehandelt werden, wenn jede Minute eine Fläche von elf Fußballfeldern abgeholzt werde und das auch noch zum Teil durch Importe in die EU gefördert werde. „Wir sollten aber mehr Rücksicht auf Kleinbauern in den Entwicklungsländern und auf kleine Waldbesitzer in der EU nehmen“, empfiehlt Umweltexperte Peter Liese. Mehr Pragmatismus gehöre nach der Wahl auf die Tagesordnung in Brüssel.

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