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Kirchenaustritte: Der nicht mehr so christliche Kontinent

Kirchenaustritte in Europa : Der nicht mehr so christliche Kontinent

Als „Christenclub“ bezeichnete der türkische Präsident Erdogan die Europäische Union, als es 2010 mit dem Beitritt seines Landes nicht mehr voranging. Doch wie christlich ist die EU noch? Die Kirchenkrise ist jedenfalls nicht auf Deutschland begrenzt.

Das Phänomen ist nicht etwa ein bayerisches: Nach dem Missbrauchsgutachten für das Erzbistum München und Freysing und dem Umgang der katholischen Amtskirche bis hin zu Papst Benedikt damit, werden die Termine für die amtliche Registrierung von Kirchenaustritten knapp. Nicht nur in Bayern, sondern bis rauf nach Hamburg. Manches Amtsgericht hat bis in die Sommermonate hinein schon keine Termine mehr frei, obwohl die Behörden in den letzten Jahren schon fleißig zusätzliche Kapazitäten geschaffen haben. Jahr für Jahr kehren über 200.000 Protestanten und noch mehr Katholiken ihren Kirchen den Rücken. Mit steigender Tendenz. Und es ist auch keine rein deutsche Entwicklung. 1980 stellte Europa noch ein Drittel aller Katholiken weltweit, inzwischen ist es nur noch ein Fünftel.

Einer wie Peter Liese macht sich daher „große Sorgen“. Der 56-jährige Christdemokrat ist Mitglied im Zentralkomitee deutscher Katholiken (ZdK) und Mitglied der christlich-konservativen EVP-Fraktion im Europaparlament. „Alle Gründerväter der Europäischen Union waren überzeugte Christen“, erinnert Liese. Nach wie vor seien die Werte des Christentums wichtig als Leitschnur für europäische Politik. Deshalb hielte er es für einen „großen Verlust, wenn die moralische Autorität der Kirche zukünftig in Debatten fehlt“.

Auf dem traditionell christlichen Kontinent, auf dem vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert das „Heilige Römische Reich Deutscher Nation“ den Ton angab, haben sich auch die christlichen Kirchen längst im Europa-Format organisiert. Es gibt die „Kommission der Bischofskonferenzen der Europäischen Union“, die in Brüssel über ein eigenes Büro unweit des Europaparlamentes verfügt und die darüber vor allem die Themen beobachtet und begleitet, die aus Kirchensicht für Gläubige wichtig sind.

Daneben existiert der Rat der Europäischen Bischofskonferenzen mit den jeweiligen nationalen Vorsitzenden sowie die „Konferenz Europäischer Kirchen, die weit über die EU-Länder hinaus auf dem Kontinent organisiert sind. Sie rief zum Gebet für die Opfer der Pandemie auf, nahm mit großem Bedauern die Umwandlung der Hagia Sophia  von einem Museum in eine Moschee zur Kenntnis und trauerte mit den Angehörigen der Anschlagsopfer in Europa. Über die nationalen Grenzen hinweg versucht sie, ihren Beitrag zur Stärkung der ökumenischen Gemeinschaft zu leisten und mahnte gegenüber den EU-Institutionen, im Rahmen der Konferenz zur Zukunft Europas darauf zu achten, welch wichtige Rolle die Kirchen haben.

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Tatsächlich halten sich die meisten an Statistiken, wonach 66 Prozent aller EU-Bürger Christen sind. Also zwei von drei. Regional ist das sehr unterschiedlich. Auf über 90 Prozent Christen kommen etwa Irland, Polen, Malta, Griechenland und Rumänien, weniger als die Hälfte sind es in Frankreich, den Niederlanden, Estland und Tschechien. Doch die immer noch groß wirkende Präsenz des Christentums in Europa steht nur noch auf dem Papier. Und das beruht auf der einen Seite auf Statistiken, die teils aus dem Jahr 2019, teils aus 2015 und teils sogar aus 2009 als jüngster Quelle bestehen. Auf der anderen Seite handelt es sich obendrein noch in Teilen um pure Schätzungen. Frankreich etwa weiß nicht, wie viele Landsleute sich noch zum Christentum bekennen. Niemand interessiert sich für die Religionszugehörigkeit, und da keine Kirchensteuer zu entrichten ist, liefert auch das keinen Anhaltspunkt. Allerdings orientieren sich die Schätzungen für die Christen in Frankreich an wahrnehmbaren Trends. Danach soll es derzeit noch acht Millionen mehr Christen als religiös „Ungebundene“ geben, doch bis zum Jahr 2050 die Gruppe der potenziellen Atheisten größer sein als die der potenziellen Atheisten.

Die Statistiken scheinen auch wenig belastbar zu sein, wenn es um die tatsächliche Religiosität geht. Bereits vor sieben Jahren unterschieden Umfragen nach dem Anteil der Zugehörigkeit zu christlichen Kirchen (damals: 72 Prozent) und dem Anteil derer, die sich selbst als Christen bezeichnen (seinerzeit 50 Prozent). Massiv geschönt wird der Zwei-Drittel-Grundsatz des Christentums in der EU durch den Umstand, dass es in vielen besonders katholisch geprägten Ländern wie Spanien, Irland oder Polen keine Möglichkeit gibt, seinen Austritt aus der Kirche kenntlich zu machen. Gerade die irische und die polnische Kirche hatten in jüngster Vergangenheit jedoch mit Missbrauchsskandalen zu tun, die die deutschen noch in den Schatten stellten. 

Der Katholik Liese sieht wie seine Kolleginnen und Kollegen im Zentralkomitee die Notwendigkeit radikaler Reformen. „Wenn sich die katholische Kirche nicht grundlegend ändert, werden wir auf viele Jahre als moralische Instanz nicht mehr gehört“, gibt Liese zu bedenken. „Verantwortliche der katholischen Kirche bis hin zum emeritierten Papst haben schwere Fehler begangen und große Schuld auf sich geladen“, unterstreicht das ZdK-Mitglied. Hunderttausende von Priestern und Laien, die sich nichts zu Schulden hätten kommen lassen und jeden Tag durch tatkräftige Nächstenliebe den Kern ihres Glaubens ausdrückten, hätten es verdient, dass die Kirche sich reformiere und wieder gehört werde.