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Parteitag stellt Wahlliste auf Jünger und linker - das Grünen-Personaltableau für Europa

Karlsruhe · Bei ihrem Europaparteitag haben die Grünen in Karlsruhe ihre Kandidatenlisten für die Wahl im nächsten Jahr in einem Aufstellungsmarathon verabschiedet. Gegenüber der letzten Wahl sind die Bewerber auf den aussichtsreichen Plätzen jünger und linker geworden.

 Kusshand für 95 Prozent: Terry Reintke beim Grünen-Parteitag nach ihrer Wahl zur Spitzenkandidatin für die Europawahl im nächsten Jahr.

Kusshand für 95 Prozent: Terry Reintke beim Grünen-Parteitag nach ihrer Wahl zur Spitzenkandidatin für die Europawahl im nächsten Jahr.

Foto: dpa/Kay Nietfeld

21 Grüne kamen bei den Wahlen im Jahr 2021 wegen des hervorragenden Abschneidens mit 20,5 Prozent ins Europaparlament. 15 von ihnen sicherten sich beim Parteitag in Karlsruhe erneut eine Listung auf aussichtsreichen Plätzen. Obwohl also die große Mehrheit der Grünen-Kandidaten bei den nächsten Wahlen fünf Jahre älter geworden sein wird, zeigt ein Vergleich eine deutliche Verjüngung: Das Durchschnittsalter der vordersten 21 betrug am letzten Wahltag 44,0 Jahre, es wird sich bei den Wahlen im Juni nächsten Jahres auf 40,6 Jahre verjüngen. Das zeugt nicht nur von einem großen Potenzial junger Kräfte, die einen Parteitag zu überzeugen wissen. Es markiert auch eine wachsende Attraktivität des Europäischen Parlamentes. Galt in den 80er Jahre noch die Devise „Hast Du einen Opa, schick ihn nach Europa“, steht der parlamentarische Job in Brüssel und Straßburg nun eher für Einfluss und Karriere.

Im Vorfeld der Kandidatenaufstellung hatte es bei den Grünen ein besonderes Gerangel gegeben. Die meisten der aktuellen 21 Abgeordneten wollen für weitere fünf Jahre als Abgeordnete arbeiten. Doch wenn jetzt gewählt würde, hätten nach den aktuellen Umfragen nur 13 eine sichere Chance auf Wiedereinzug. Darunter sind gleich drei Politiker aus Nordrhein-Westfalen: Spitzenkandidatin Terry Reintke aus Gelsenkirchen, Rechtsstaatsexperte Daniel Freund aus Aachen auf Platz zehn und Digitalexpertin Alexandra Geese aus Bonn auf Platz elf. Selbst wenn die Grünen im nächsten Jahr auf elf Prozent abrutschen würden, wären diese Drei wieder drin.

Das gilt auch für Sergey Lagodinsky aus Berlin auf Platz zwei sowie Anna Cavazzini aus Sachsen, Michael Bloss aus Baden-Württemberg, Hannah Neumann aus Berlin, Martin Häusling aus Hessen, Katrin Langensiepen aus Niedersachsen, Erik Marquardt aus Berlin und Jutta Paulus aus Rheinland-Pfalz auf den weiteren Plätzen zwei bis neun. Einige brauchten zwar zwei Anläufe, um einen der sicheren Listenplätze zu ergattern. Doch für Paulus galt das nicht. Trotz Gegenkandidatin bekam die Pfälzerin nach ihrer umjubelten Vorstellungsrunde auf Anhieb eine Zweidrittelmehrheit. Auf Platz zwölf schaffte es der aktuelle Sprecher der deutschen Grünen im Europaparlament, Rasmus Andresen aus Schleswig-Holstein, auf Platz 13 wählten die Delegierten die erste neue Kandidatin: Anna Peters aus Baden-Württemberg, zuletzt Chefin der Grünen Jugend.

Erfahrungsgemäß schneiden die Grünen bei Europawahlen selbst bei innenpolitischem Gegenwind besser ab, als es die nationalen Umfragewerte erwarten lassen. Sie schließen deshalb nicht aus, dass es wieder 18 bis 21 Abgeordnete werden könnten. Dann wären auch Niklas Nienaß aus Schleswig-Holstein und Viola von Cramon aus Niedersachsen wieder drin. Und erstmals kämen Andie Wörle aus Bayern (zuvor in Duisburg aktiv), Jan-Denis Wulff, Janina Singh aus Baden-Württemberg, Viviane Triens aus Brandenburg und Rosa Domm aus Hamburg rein.

Das früher die Parteitage beherrschende Belauern der beiden großen Flügel Realos und Linke spielte bei den Wahlentscheidungen nach Versicherung beider Seiten keine ausschlaggebende Rolle. Dennoch ist klar, dass die nächste Grünen-Personalaufstellung im Europaparlament noch linker ausfallen wird als es jetzt schon der Fall ist. Von den sechs Neuen auf den 21 ersten Plätzen gehört nur ein Kandidat zu den Realos, alle anderen werden der Parteilinken zugerechnet.

Die Bewerbungsreden drehten sich bei den erfahrenen EU-Abgeordneten vor allem um ihre persönliche Leistungsbilanz und ihre Vorhaben für die nächste Wahlperioden. Sie griffen jedoch auch die Stimmungslage des Parteitages auf, den Angriffen auf die Grünen von allen Seiten zu trotz. „Wir zeigen Gesicht“, rief Alexandra Geese unter großem Applaus. Daniel Freund wies darauf hin, dass gleich nach den Europawahlen Ungarns europakritischer Ministerpräsident Viktor Orbán die EU-Ratspräsidentschaft übernehmen wird. „Da hilft nur eins: bärenstarke Grüne“, lautete sein Appell, der ihm ebenfalls viel Beifall sicherte. Es gab auch Vorstellungen, die mit Humor zum Erfolg führten. „Ich bin aus Schwaben und lesbisch, ich interessiere mich also für Geld und Frauen“, meinte Andie Wörle.

Für eine war die erfolgreiche Kandidatur nur der Auftakt für eine weitere: Terry Reintke ist nun nicht nur Spitzenkandidatin der Grünen in Deutschland, die 36-Jährige hat auch gute Chancen, europaweit das Gesicht der Grünen im Europawahlkampf zu werden. Die Fraktionschefin schwor ihre Partei darauf ein, mit aller Kraft gegen einen Rechtsruck im nächsten Europäischen Parlament zu kämpfen. Sie wurde mit grünen-untypischen 95 Prozent auf Platz eins gewählt.

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