"Bemerkenswertes taktisches Geschick": Helmut Schmidt adelt Angela Merkel

"Bemerkenswertes taktisches Geschick": Helmut Schmidt adelt Angela Merkel

Altkanzler Helmut Schmidt hat sich mit einer bemerkenswerten Rede in die Debatte um die Euro-Rettung und die Schuldenkrise eingeschaltet. Bei der Preisverleihung des Vereins "Atlantik-Brücke" tadelte der 93-Jährige das Verhalten der USA und fand ungewöhnlich lobende Worte für Kanzlerin Angela Merkel (CDU).

Der Altkanzler ist am Montagabend für sein Engagement in den deutsch-amerikanischen Beziehungen mit dem Eric-M.-Warburg-Preis des Vereins Atlantik-Brücke ausgezeichnet worden. Der SPD-Politiker erhielt den Preis in Berlin im Rahmen eines Festaktes anlässlich des 60-jährigen Bestehens der Organisation, die sich um das Verhältnis zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten kümmert.

Kritk an den USA

In seiner Rede scheute sich Schmidt nicht, bissige Kritik an den USA zu üben. Der Altkanzler stellte klar, dass auch Amerika bisher nur wenig zur Bewältigung der Schuldenkrise beigetragen habe. Zwar habe die Regierung seine maroden Banken im Jahr 2008 vorerst erfolgreich gerettet.

Dennoch habe auch die USA wie die Mittelmeerstaaten eine "tiefe ökonomische Rezession und große Angst und sogar Verzweiflung und sogar Rebellion auslösende Arbeitslosigkeit" nicht verhindern können. Eine deutliche Retourkutsche an die Adresse an die Regierung in Washington, die seit vielen Monaten mehr Wachstum auf Pump von der Eurozone fordern.

Bemerkenswertes taktisches Geschick

Überraschend lobende Worte fand Schmidt für die Kanzlerin, der zur Zeit in Sachen Eurorettung und EMS starker Gegenwind ins Gesicht bläst. Schon vor einem halben Jahr, als er beim SPD-Parteitag eine Rede zur Krise Europas gehalten hat, habe er "immer auch an Sie und auch an Ihre schwerwiegenden Aufgaben gedacht", sagte Schmidt an die Adresse Merkels.

  • Fotos : Friedrich Merz verbeugt sich vor Helmut Schmidt

Und weiter: "Wenn Sie gegenwärtig die Hilfe der Opposition benötigen, so wird auch Ihr bemerkenswertes taktisches Geschick zu den notwendigen Lösungen beitragen." Viele Zuhörer werteten dies auch als Seitenhieb auf die eigenen Genossen – und als selten deutliches Lob für Merkels Standfestigkeit in der Euro-Krise.

Mit Blick auf die Klagen vor dem Bundesverfassungsgericht gegen den Fiskalpakt und den Rettungsschirm wies Schmidt diejenigen Kritiker in die Schranken, die mehr Mitspracherecht fordern. Von einem "Vorrang des deutschen Interesses" sei im Grundgesetz keine Rede, erklärte er.

Spannende Begegnung Merkel mit Merz

Schmidt schloss seine Rede mit einem flammenden Appell: "Entweder setzen wir unsere Finanzkrise fort und kämpfen als einzelne Staaten um nationale Vorteile oder Nachteile – mit schwindender Aussicht auf Erfolg. Oder wir finden zurück zum Konzept des fortschreitenden europäischen Verbundes", so Schmidt. Für die Zukunft brauche Europa Vernunft, Tatkraft und Geduld.

Der Abend hielt zudem eine weitere spannende Begegnung parat: Im Historischen Museum traf Merkel auf einen alten Widersacher: Ex-Unions-Fraktionschef Friedrich Merz. Der war nach heftigen internen Machtkämpfen 2010 zum Vorsitzenden der Atlantik-Brücke gewählt worden und versucht seither, den in die Jahre gekommenen Verein mit neuem Leben und neuen Ideen zu füllen.

Merz verneigte sich in seiner Laudatio vor Schmidt. Dieser habe sich in schwierigen Zeiten stets für die Verständigung zwischen Deutschland und den USA eingesetzt", sagte Merz. "Er war nie um ein offenes Wort verlegen gewesen. Das ist es, was eine wirkliche Freundschaft ausmacht." Der im Rollstuhl sitzende Altkanzler zeigte sich gerührt.

(APD)