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Griechenland: Nichts ist gut

Krisengeplagtes Land : Nichts ist gut in Griechenland

Die Lage Griechenlands ist desaströser, Tsipras' Regierungsfähigkeit geringer, die Menschen deprimierter, als wir wahrhaben wollen. Eine Reportage aus dem krisengeplagten Land.

Maria starrt auf die Straße, die Kunden meiden ihr Schuhgeschäft. In der Fußgängerzone nahe des Athener Syntagma-Platzes eilen die Menschen schweigend vorüber. "Es kauft keiner was, nicht mal Billiges." Die Leute hätten kein Geld oder hielten es zusammen, weil sie nicht wüssten, was morgen, nächste Woche oder im Juli passieren werde in ihrem Land. "Die Troika-Politik war falsch, ich weiß es, ich kann es doch sehen", sagt Maria. Die Troika habe Griechenland kaputtgespart.

Nikos steht neben Maria am Tresen. Er ist ein Kollege oder arbeitsloser Freund, der die kundenlose Zeit mit ihr verbringt. "Deutschland spielt ein schlechtes Spiel", sagt Nikos. Er zitiert Churchill. Der habe gesagt, alle 50 Jahre müsse man Deutschland bombardieren, damit es nicht zu groß werde. Churchill habe Recht, denn Deutschland habe wieder Hegemonialinteressen in Europa. Deutschland "schnürt uns den Hals ab", sagt Nikos. Die Deutschen müssten aufpassen. Die Nazi-Geschichte könne für sie zum Bumerang werden. "Es gibt viele in Griechenland, die glauben jetzt bei uns an Hitlers Ideen", sagt Nikos.

"Keiner denkt, dass Tsipras wirklich etwas ändern kann"

Die Angst vor dem unfreiwilligen Euro-Abschied sitzt ihnen im Nacken, sie liegt wie Mehltau über Athens Geschäftsviertel. Die Wirtschaftslage ist desaströs, aber die Menschen ahnen, dass es auch noch schlimmer kommen kann. Sie klammern sich an die Hoffnung, dass Alexis Tsipras, den auch Maria und Nikos gewählt haben, sie herausführen wird aus dieser existenzbedrohenden Krise.

Seit dem Regierungswechsel im Januar hat sich ihre Lage aber verschlechtert. Maria und Nikos wissen nicht, ob dies wegen oder trotz Tsipras geschieht. Bei ihnen sind schon erste leise Zweifel zu spüren am jungen, wortgewaltigen Regierungschef. Das Ergebnis ist eine Mischung aus noch größerer Frustration, Wut und Aggression.

"Keiner denkt, dass Tsipras wirklich etwas ändern kann", sagt Peter. Er sitzt nahe der Fußgängerzone in einem Café, neben ihm seine Freundinnen Faye und Christina. Sie sind Akademiker, wagen mehr Objektivität, sind freier von Illusionen. "Seit er an der Macht ist, hat er nichts geändert, nur der Troika einen anderen Namen gegeben", sagt Faye. Immerhin seien die alten Politikerclans der Pasok und der Nea Democratia endlich weg, die das Land 40 Jahre lang bestohlen hätten. "Entweder es gibt im Sommer Neuwahlen und wir sind raus aus dem Euro — oder wir folgen dem strengen Programm von Deutschland. Ich bin für das Zweite", sagt Faye.

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"Wir haben 400 Gesetze für eine Sache."

Peter arbeitet Vollzeit als IT-Spezialist in einer kleinen Firma, er bekommt den Mindestlohn von 580 Euro im Monat. "Das ist okay für einen 27-Jährigen", sagt er. "Das Problem sind die hohen Steuern und Abgaben, meine Abzüge liegen bei 35 Prozent." In Deutschland glaube man, die Griechen zahlten kaum Steuern, aber das stimme nicht: der Normalbürger werde geschröpft, seit die Steuergesetze geändert wurden.

"Aber den Mindestlohn anzuheben, wie Syriza es will, das geht auch nicht, das könnte kein Unternehmen zahlen", sagt Faye. Christina sagt, die Armut grassiere besonders bei den Älteren und den Familien mit Kindern. "In unserer Familie helfen wir uns alle gegenseitig. Wir geben auch einer alten Frau Essen ab, weil sie sonst hungern müsste."

Wenn es ginge, würde er ein Unternehmen gründen, sagt Peter. "Aber es geht einfach nicht." Dafür bräuchte er absurd viele Genehmigungen, und welche genau, das sei undurchsichtig. "Wir haben 400 Gesetze für eine Sache." An einen Kredit komme er ohnehin nicht. Faye hat in London studiert, dort bei einer EU-Organisation angeheuert, mit deren Hilfe sie nun versucht, in Griechenland eine Firma aufzubauen. "Aber der Staat will nicht, dass wir wachsen. Er verlangt von uns zehn Prozent Steuern als Vorkasse, bevor wir Geld verdient haben", klagt Faye. Was findet sie falsch an der Troika-Politik? "Wir müssen erst mal wachsen, dann können wir auch Steuern zahlen", sagt sie. Vor allem aber müssten Griechenlands Institutionen runderneuert werden.

25 Prozent Arbeitslosenquote, 51 Prozent Jugendarbeitslosigkeit

Im Parlament sind sie noch längst nicht aus dem Wahlkampfmodus heraus, eine objektive Analyse der Krisenursachen wie bei den jungen Leuten im Café nirgends zu spüren. Merkels Sparkurs sei kolossal gescheitert, jetzt müsse der radikale Kurswechsel her, ist hier die alles übertönende Botschaft. Die SPD-Finanzpolitiker Carsten Schneider und Johannes Kahrs reagieren bei ihrem Besuch im Parlament vergangene Woche einigermaßen konsterniert auf das, was sie von ihren griechischen Kollegen hören.

Man sei verpflichtet, den Wählerauftrag umzusetzen und werde aufhören zu sparen, Mindestlohn und Renten anheben, sagen ihnen Syriza-Abgeordnete. Er habe erwidert, sagt Kahrs, dass auch er seinen Wählern verpflichtet sei. Und die wollten in Griechenland nicht noch mehr Geld verbrennen. "Die Kollegen haben zum ersten Mal gehört, dass unsere Steuerzahler für Kredite an Griechenland haften und das Geld nicht einfach aus einem großen EU-Topf kommt", sagt Carsten Schneider.

In der späteren Gesprächsrunde mit griechischen Ökonomen wird das ganze katastrophale Bild deutlich: 25 Prozent Arbeitslosenquote, 51 Prozent Jugendarbeitslosigkeit, seit Herbst Rückfall in die Rezession, massive Kapitaltransfers ins Ausland, Geldschwund bei Banken, Null Investitionen, Einkommensverluste von 30 Prozent seit 2010, viele haben keinen Zugang zur Gesundheitsversorgung. "Die Mittelklasse treffen Sie in den Athener Suppenküchen", sagt ein Experte.

"Sie wissen nicht, wie Privatwirtschaft funktioniert"

Griechenland brauche dringend mehr Investitionen, und weil das Vertrauen in die staatlichen Institutionen zerstört sei, könne dies nur mit neuen Institutionen, etwa einer Förderbank, gelingen. Viel zu sehr habe bisher das Sparen im Vordergrund gestanden, viel zu wenig Reformen und Investitionsförderung.

Überall in Europa sei nach 1998 die Pro-Kopf-Verschuldung gesunken, nur in Griechenland sei sie gestiegen, sagt die Ökonomin, die wie alle hier nicht beim Namen genannt werden möchte, weil so viel Misstrauen herrscht. Griechenland habe über seine Verhältnisse gelebt, vor allem seit Olympia 2004. Das Bild, das die Experten von der Tsipras-Regierung zeichnen, zerstört jede Illusion.

Die Regierung habe "Null Erfahrung", Tsipras "weder Plan A noch Plan B", sagt ein Ökonom. "Sie wissen nicht, wie Privatwirtschaft funktioniert." Es sei unrealistisch, dass die Regierung bis Ende April oder Juni ein Reformprogramm oder belastbare Zahlen vorlegen werde. "April? June? No way!" Kahrs fragt die Ökonomin, ob sie Griechenland auf dieser Basis noch Geld leihen würde. Ihre Antwort: "No."

Das Dilemma mit den deutsch-griechischen Beziehungen

Aber Griechenland mit seinen elf Millionen Menschen ist kein privater Schuldner. Es kann als Euro- und Nato-Mitglied trotz allem auf neue Hilfe hoffen. Am Donnerstag sagt Finanzminister Wolfgang Schäuble im österreichischen Fernsehen allerdings einen Satz, den man so verstehen kann, dass Berlin Griechenland nicht mehr um jeden Preis im Euro halten will.

Im 1837 gegründeten deutsch-griechischen Philadelphia-Club, Vorläufer des Goethe-Instituts, sind sie am Freitag beim Treffen mit den SPD-Abgeordneten erschrocken über diesen Satz. Die deutsch-griechischen Beziehungen seien nie so schlecht gewesen, berichtet einer, der seit 40 Jahren dabei ist.

"Ich habe in den letzten 20 Jahren nicht so viel mit meiner griechischen Ehefrau gestritten wie in den letzten Jahren." Nie habe er für möglich gehalten, dass eine Wirtschaftskrise seine Ehe gefährdet.

(mar)