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Griechenland : Finanzelite spielt den "Grexit" durch

Athen vor Zahlungsunfähigkeit : Finanzelite spielt den "Grexit" durch

G7-Finanzministertreffen in Dresden

Griechenlands unsichere Zukunft dominiert das Treffen der Finanzminister der sieben führenden Nationen in Dresden. Da Athen vor der Zahlungsunfähigkeit steht, liegen mehrere Szenarien für diesen Notfall auf dem Tisch.

"Heute könnt ihr eure Rechnung noch in Euro zahlen", witzelt der Kellner eines griechischen Restaurants in der Athener Innenstadt. "Aber nächste Woche nehmen wir nur noch Drachme!" Die Restaurantfachkraft tröstet sich mit Galgenhumor, denn die wirtschaftliche Zukunft Griechenlands ist unsicherer denn je. Niemand investiert mehr; in Massen schaffen die Griechen Geld ins Ausland. Täglich überweisen sie 250 bis 300 Millionen Euro auf Auslandskonten, erzählen Banken-Insider. Seit Januar — so lange ist die Syriza-Regierung im Amt — sollen 35 Milliarden Euro abgeflossen sein.

Der D-Day für Griechenland, der Tag, an dem eine Kreditausfallversicherung oder die Europäische Zentralbank (EZB) den "Default", die Staatspleite, feststellen muss, rückt stündlich näher. In Dresden beim G 7-Finanzministertreffen ist am heutigen Donnerstag und am Freitag die gesamte globale Finanzelite versammelt, und Griechenland steht im Mittelpunkt. Mit Christine Lagarde, der Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF), EZB-Präsident Mario Draghi und Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble sind die für Griechenlands Schicksal maßgeblichen Persönlichkeiten anwesend.

Das endlose Gezerre beunruhigt auch die Partner außerhalb der Euro-Zone. US-Finanzminister Jack Lew ermahnte am Mittwoch den IWF und die Europäer, in den Verhandlungen flexibler zu sein, um Lösungen zu ermöglichen. Doch nachgeben möchte die Euro-Gruppe gerade jetzt nicht: Sie befürchtet, das griechische Beispiel werde überall in Europa Schule machen. Reformen verweigern, trotzdem auf Kosten anderer eigene Wünsche finanzieren — das, glaubt Schäuble, könnte auch die Linkspopulisten in Spanien oder die Rechtsextremisten in Frankreich an die Regierung bringen. Und das wäre das Ende Europas.

Wann genau Griechenland das Geld ausgeht, scheint selbst Finanzminister Giannis Varoufakis nicht genau zu wissen. Es könnte schon kommende Woche so weit sein: Die Ankündigung von Innenminister Nikos Voutsis, Athen werde eine am 5. Juni fällige IWF-Kreditrate von 300 Millionen Euro nicht bezahlen, wurde zwar wieder kassiert. Sie wirkte jedoch wie ein Warnschuss. In Dresden werden nun die Notfallpläne diskutiert. Drei Pleite-Szenarien sind denkbar.

Szenario eins Es geht von einem Zahlungsausfall aus. Der setzt Athen und die Euro-Gruppe unter enormen Druck, bis sie sich in einer Nacht-und-Nebel-Aktion über weitere Hilfskredite einigen. Das Szenario gilt als am wahrscheinlichsten.

Für das Bankensystem heißt das: Sollte die EZB die griechischen Geldhäuser im Falle des Zahlungsausfalls entsprechend ihrer Regeln nicht mehr mit Euro-Notkrediten versorgen, müsste das griechische Bankensystem kurzfristig mit Mitteln aus dem Euro-Rettungsschirm ESM gestützt werden, wenn sich im Gegenzug die griechische Regierung auf Reformen einließe.

Szenario zwei Auch hier kommt es zu einem Zahlungsausfall. Anders als im ersten Szenario gibt es keine Nacht-und Nebelaktion und keine Bankenrettung. Clemens Fuest, Chef des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), argumentiert, der ESM dürfe nicht ein Bankensystem stützen, dessen Hauptschuldner, der griechische Staat, bereits insolvent wäre. "Ein Ausscheiden mit einem großen Knall ist daher das wahrscheinlichere Szenario", sagt Fuest. Damit droht der "Grexit", der Austritt aus dem Euro. Es würde Realität, wenn die griechischen Banken selbst insolvent würden oder Sicherheiten verlören, weil der griechische Staat als Hauptschuldner ausgefallen wäre. In diesem Fall dürfte sie die EZB nicht mehr mit Euro-Notkrediten versorgen. Die Regierung müsste sofort eine neue Währung einführen und mit den Gläubigern über die Umschuldung der in Euro notierten Auslandsschulden verhandeln. Die Drachme würde dramatisch abwerten, Importgüter würden sich drastisch verteuern. Erst nach einer chaotischen Übergangszeit würde sich der Wechselkurs zum Euro in einem niedrigen Verhältnis einpendeln. Um eine humanitäre Katastrophe zu vermeiden, müssten die EU-Länder Griechenland massiv helfen.

Szenario drei Nach einem Zahlungsausfall führt Griechenland eine parallele Währung ein, der Euro bliebe Zahlungsmittel. Ideengeber ist der frühere Deutsche-Bank-Chefvolkswirt Thomas Mayer. Demnach würde die Regierung Gehälter und Renten nur noch mit Schuldscheinen bezahlen, die sich als zweite Währung etablieren und ebenfalls stark abwerten. Kapitalverkehrskontrollen müsten den Abfluss von werthaltigeren Euro verhindern. Da aber die Griechen Bankkredite oft nur noch mit diesen Schuldscheinen bedienen könnten, entstünde bei den griechischen Banken ein Finanzloch von 170 Milliarden Euro, wie Fuest ausgerechnet hat. Dies müssten wiederum die europäischen Steuerzahler mit neuen Hilfen ausgleichen. "Das ist zu teuer, das kommt nicht", sagt Fuest.

(mar)