F-Gase müssen ersetzt werden EU beschleunigt Kampf gegen Ozonkiller

Straßburg · Noch stecken sie in Kühlschränken, Schaltkreisen, Feuerlöschern, Asthmageräten und sogar Wärmepumpen: fluorierte Gase, die die Ozonschicht angreifen. Nun macht die EU größere Schritte zum F-Gas-Ausstieg. Bis 2030 dürfen nur noch fünf Prozent der Mengen neu in den Markt, bis 2050 müssen sie ganz raus.

Auch aus Feuerlöschern sollen die klimaschädlichen F-Gase verschwinden.

Auch aus Feuerlöschern sollen die klimaschädlichen F-Gase verschwinden.

Foto: dpa-tmn/Christin Klose

Der Altersunterschied schlägt durch beim Thema F-Gase im Europaparlament. CDU-Europaabgeordneter Peter Liese, Jahrgang 1965, erinnert eingangs an die Aufregung um das rapide wachsende Ozonloch in den 1980er Jahren und die darauf folgende Zunahme von Hautkrebserkrankungen. CSU-Europaabgeordneter Christian Doleschal, Jahrgang 1988, sorgt sich um die Kühlanlagen, die bei Metzgern, Bierbrauern und Landwirten bald nicht mehr gewartet werden könnten, wenn das F-Gas-Verbot so schnell durchgesetzt würde, wie zwischenzeitlich geplant. Am Ende stellen sie sich jedoch beide hinter den Kompromiss. Und 455 weitere Abgeordnete tun es an diesem Dienstag in Straßburg so wie sie und geben grünes Licht für den weltweit ambitioniertesten Ausstieg aus den F-Gasen. Denn die schrittweise Reduktion bis auf Null im Jahr 2050 scheint Industrie, Handwerk und Verbrauchern genügend Luft zu lassen.

So stellt sich denn einer der Chefverhandler des F-Dossiers, der niederländische Grünenpolitiker Bas Eickhout, entschieden gegen das Angstschüren durch Johan Nissinen von den rechtspopulistischen Schwedendemokraten. Wieder seien der EU die Auswirkungen auf die Menschen egal, hatte dieser behauptet Denn die müssten jetzt ihre installierten Wärmepumpen durch neue ersetzen, und das könne teuer werden, weil sich die Auswahl verkleinere. Daran ist richtig, dass hier zwei Klimaschutzziele der EU kollidieren: Sie will einerseits, dass die Menschen mehr auf Wärmepumpen setzen, um das Klima zu schützen. Gleichzeitig sind aber auch in Wärmepumpen viele F-Gase, die für das Klima bis zu 25.000 mal schädlicher sind als CO2.

Nicht stimmt allerdings, wie Eickhout betont, dass die Verbraucher schon gekaufte Wärmepumpen ersetzen müssten. Die Frist zum Ausstieg aus Wärmepumpen mit F-Gasen betreffe lediglich den Verkauf von neuen Geräten. Und der von Nissinen angeführte Markt sei auch schon weiter als dargestellt, denn er biete längst F-Gas-freie Geräte an. Lediglich an einer Stelle hätte die zwischenzeitlich geplante Novelle empfindliche Auswirkungen vor allem auf das Handwerk gehabt: Für Reparatur und Wartung sollten sie schon von diesem Jahr an keine F-Gase mehr einsetzen dürfen. Das ist in dem nun beschlossenen finalen Kompromiss zwischen Parlament, Ministerrat und Kommission wieder rausgeflogen.

Gleichwohl sorgt sich das Handwerk um die Folgen. Es sei „bereits heute abzusehen, dass das Angebot an Kältemitteln für die Wartung und Reparatur von Bestandsanlagen durch die Verordnung verknappt wird“, warnt Holger Schwannecke, Generalsekretär des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks, unmittelbar nach der Abstimmung in Straßburg. Anders ausgedrückt: Die Handwerker dürfen zwar weiter mit F-Gasen reparieren, aber sie fürchten, es irgendwann kaum noch zu können, weil es keine mehr gibt. Das ist der Punkt, an dem der Christdemokrat Liese ansetzt, indem er für zusätzliche Anstrengungen beim Recycling appelliert. Sonst gelangten die F-Gase aus ausrangierten Kühlschränken am Ende doch noch in der Atmosphäre, und die Wiedergewinnung stärke auch die Verfügbarkeit von F-Gasen für Wartung und Reparatur. Und er droht bereits an, bei unzureichendem Recycling die in die Verordnung eingebaute Überprüfungsklausel zu aktivieren, um die Vorgaben nachzubessern.

Altanlagen funktionieren mit natürlichen Gasen nicht, wie das Handwerk am Dienstag erneut unterstreicht. „Eine Kälteanlage auf natürliche Kältemittel umzurüsten, das wissen wir aus der betrieblichen Praxis, ist schlicht unmöglich“, stellt Schwannecke fest. Deshalb müsse die Politik dafür sorgen, dass auch in Zukunft genügend F-Gase für Reparaturen zur Verfügung stünden.

Bei der neuen F-Gas-freien Generation von Geräten gibt es aus europäischer Sicht einen doppelt positiven Effekt. Sie schonen nicht nur massiv das Klima. Wie SPD-Umweltexperte Tiemo Wölken hervorhebt, haben zudem auf diesem Feld „die europäischen Hersteller einen Marktvorsprung gegenüber der Billigkonkurrenz“.

Die CDU-Europaabgeordnete Hildegard Bentele bestätigt das mit Blick auf die Entwicklungen der Berliner Siemens-Stromsparte. Diese trage dazu bei, die 8600 Tonnen F-Gase aus den europäischen Mittelspannungsnetzen herauszuholen. Sie sagt mit Blick auf die Fortschritte der deutschen Industrie ebenfalls, dass die EU auch bei den Hochspannungsnetzen „ambitionierter“ hätte sein können. Schon vor zwei Jahren seien Unternehmen auf ihn zugekommen, um das zum Isolieren eingesetzte F-Gas in Schaltanlagen komplett zu verbieten, weil es schon Alternativen gebe, berichtet Liese.

Es ist ein bemerkenswerter Vorgang: Die Fraktion, die gewöhnlich beim Klimaschutz auf der Bremse steht, um die Wirtschaft nicht zu stark zu belasten, räumt ein, dass Teile der Wirtschaft beim Klimaschutz dieses Mal gerne weiter gegangen wären.

Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort