Grüne für Europa: Ska Keller und Sven Giegold

Parteitag in Leipzig : „Ich werde die Europawahl zur Klimawahl machen“

Der Grünen-Parteitag in Leipzig wählt Ska Keller und Sven Giegold mit Traumergebnissen zu ihren Spitzenkandidaten für die Europa-Wahl. Die Partei im Umfragehoch präsentiert sich optimistisch und harmonisch.

Flügel gibt es beim Parteitag der Grünen in Leipzig in Form eines Instruments. Zum Auftakt der Delegiertenkonferenz der Grünen in Leipzig spielte Igor Levit die „Ode an die Freude“. Die 850 Delegierten sind beseelt. Am Freitag hatte das neueste ZDF-Politbarometer 22 Prozent Zustimmungswerte bundesweit für sie ausgeworfen. Bundesgeschäftsführer Michael Kellner freut sich am Rande des Parteitags, dass sich sogar der Landesverband Hessen für den Rückenwind und die Geschlossenheit der Bundespartei bedankt habe. Historisch nennt er das.

Die Grünen streiten schon seit einigen Jahren viel weniger als früher. Dass nun aber alle möglichen Konflikte hinter den Kulissen abgeräumt werden - das ist neu. Da liegt ein Hauch von CDU über dem Grünen-Parteitag. Die CDU von früher ist natürlich gemeint. Nur damit keine Missverständnisse aufkommen: Inhaltlich rücken die Grünen nicht von ihren Überzeugungen ab. Das Prinzip der sicheren Herkunftsstaaten lehnen sie in ihrem Europaprogramm, über das beim Parteitag abgestimmt wird, immer noch als „falsch“ ab.

„Wir werden nicht zugucken, wenn Demokratie angegriffen wird“: Ska Keller. Foto: dpa/Hendrik Schmidt

Die Spitzenkandidaten für das Europaparlament, die an diesem Samstag gewählt wurden, gehören offiziell jenem Flügel an, der sich „links“ nennt, aber sich kaum noch von den Realos unterscheidet: Ska Keller und Sven Giegold. Sie war mal Punkerin, er schon in seiner Jugend Umweltaktivist.

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Ska Keller, die eine umjubelte Rede hält und mit 88 Prozent ausgestattet wird, tritt auf, wie die neuen Grünen auftreten: Optimistisch und kämpferisch. Zum Höhenflug ihrer Partei sagt die 36-Jährige: „Es hat etwas damit zu tun, dass wir mit Fröhlichkeit die Welt verbessern.“ Dann schaltet sie schnell auf die Probleme um, die Europa bewegen. Die studierte Islamwissenschaftlerin und Turkologin, die in Brandenburg an der Grenze zu Polen aufgewachsen ist, prangert die bröckelnden demokratischen Werte in einzelnen EU-Ländern an: „In Polen werden Richterinnen entlassen, in Italien Bürgermeister.“ Die Menschen erwarteten, dass die EU ihre Freiheiten schütze. „Wir werden nicht zugucken, wenn Demokratie angegriffen wird“, verspricht sie. Die Grünen stünden ein für Pressefreiheit in Österreich und für Umweltschutz in Bulgarien. Sie seien auch der „parlamentarischer Arm der Waldretter in NRW“. Ska Keller, die Englisch, Französisch, Spanisch und Katalan spricht, hat gute Aussichten, auch noch Spitzenkandidatin der europäischen Grünen zu werden. Das war sie bereits 2014 - mit damals 32 Jahren.

„Ich werde die Europawahl zur Klimawahl machen“: Sven Giegold. Foto: dpa/Jan Woitas

98 Prozent erhält Sven Giegold nach einer inhaltlich kämpferischen Rede. Für Grünen-Parteitage ist dieses Ergebnis eine Sensation. „Ohne Europa stünden wir alle so ungleich schlechter und ärmer da“, sagt Giegold. Die Grünen sieht er als Treiber für „ökologische Landwirtschaft überall in Europa“. Peinlich nennt er es, „dass wir als Deutsche beim Klimaschutz nicht mehr vorne sind, sondern von Europa dorthin getrieben werden müssen“. Er verspricht den Delegierten: „Ich werde die Europawahl zur Klimawahl machen.“ Und weiter: „Ich werde nicht Ruhe geben, bis die Steuern dort gezahlt werden, wo sie erwirtschaftet wurden.“ Dann berichtet der zweifache Vater von seinem kleinen Sohn, der an Kreidezähnen leide. Ursache sei Bisphenol A, das über in Plastik und Dosen in die Nahrung gelangen kann. Der 48-Jährige sagt, er sei es seinem Sohn schuldig, sich mit der Chemie-Industrie anzulegen. Bei den 850 Delegierten kommt dieses politisch persönliche Statement an.

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