Europawahl: Martin Schulz macht Wahlkampf für die SPD

Unterwegs mit Martin Schulz im Europawahlkampf : Nur dabei statt mittendrin

Martin Schulz steht zum ersten Mal seit der Wiedervereinigung bei einer Europawahl nicht auf der Liste. Wahlkampf macht er trotzdem wie ein Spitzenpolitiker. Unterwegs mit einem, der nicht aufgibt.

Martin Schulz hat gerade eine Schlangengurke und Bananen für seine Frau Inge gekauft. Es ist ein viel zu kalter Donnerstag im Mai auf dem Marktplatz von Herzogenrath, als dieser ältere Herr, kurzer, fester Handschlag, vor ihm steht und ihn mit Willy Brandt vergleicht. „Ich hab’ gedacht, es gibt einen Aufbruch wie damals“, sagt der Herr, „Schade“. Schulz, Gurke und Bananen reicht er an seinen Mitarbeiter weiter, entgegnet: „Nicht ganz. Aber wer weiß, was noch passiert.“

Martin Schulz ist, da tritt man ihm nicht zu nahe, zuallererst ein Mann der Vergangenheit. In diesen Wochen begegnet er an jedem Spargelstand den zwei großen Erzählungen seiner eigenen Historie. Da ist der Spätsommer 2017, als Schulz antrat, Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland zu werden, wie er sagte. Und da ist Brüssel. 23 Jahre saß Schulz im Europaparlament, von 2012 bis 2017 war er dessen Präsident. An dem Sozialdemokraten Martin Schulz ist wirklich jeder Bartstoppel europäisch.

Die Vergangenheit, so aufregend sie war, hat bloß einen Nachteil. Sie ist vorüber. Und aufregend ist relativ. Martin Schulz hat viel verloren. Das Duell mit Angela Merkel, die Personalkämpfe in der SPD, sein Mandat in Brüssel. Er ist jetzt, 63 Jahre alt, Hinterbänkler im Bundestag ohne besondere Aufgabe. Das Interesse an ihm hat abgenommen. Und bei der Europawahl in wenigen Wochen steht Martin Schulz nicht auf der Liste. Erstmals seit der Wiedervereinigung.

Hier ist er am 2. Mai 2019 auf dem Markt in Düren unterwegs. Foto: Henning Rasche

Wahlkampf aber macht Schulz wie ein Spitzenkandidat. Mehr als 80 Termine im ganzen Bundesgebiet verzeichnet sein Kalender, vornehmlich in der Provinz. Seine Partei stellt ihm zwar einen Fahrer und einen Wagen, ganz geheuer scheint der Führungsriege das Treiben des Martin Schulz aber nicht zu sein. Beim wesentlichen Europakonvent seiner Partei war er, das personifizierte Europa, nicht eingeladen. Ein Versehen, heißt es. In die Kampagne ist er auch nicht eingebunden. Er würde wohl ein paar Dinge anders machen, den Schwerpunkt auf drei Begriffe legen: Frieden, Umwelt, Demokratie. Aber er wird nicht gefragt. Es ist Katarina Barley, die sagt, wo es langgeht.

Barley kommt, während Schulz in einem feinen Aachener Bistro über all dies spricht, die Treppe runter. Küsschen links, Küsschen rechts, großes Hallo. Es ist Zufall, dass die beiden sich hier sehen. Die Spitzenkandidatin und, nun, das europäische Maskottchen. Barley und Schulz diskutieren kurz über das Interview von Kevin Kühnert über Sozialismus, sie vertreten unterschiedliche Ansichten. Vor den Kameras später, eine Ecke weiter auf dem Münsterplatz, sagen sie sehr ähnliche Sätze.

Während Schulz schon zum Wahlkampf auf dem Platz herübereilt, geht Barley noch in das anliegende Bekleidungsgeschäft. Sie hat Zeit, denn es gibt ein Vorprogramm: Martin Schulz. Da ist er gelandet. Auf den Plakaten, die für die Veranstaltung geworben haben, ist groß Katarina Barley zu sehen, und ganz klein unten drunter steht: „Zu Gast: Martin Schulz.“

Aber ganz so einfach ist das nicht. Voller als beim Vorprogramm wird es nämlich nicht mehr. Das liegt vielleicht am leichten Regen, vielleicht an den etwas herzhaft schmeckenden Waffeln, die die SPD verschenkt, vielleicht aber auch an Martin Schulz. Er hält wie in Bottrop, Neuss und an vielen anderen Orten die Rede dieses Wahlkampfs. „Einigkeit macht stark“, sagt Schulz. Nicht die Renationalisierung, wie sie Donald Trump – Schulz spricht ihn deutsch aus, also mit langem „o“ – oder die „deutschen Trumpisten“, die AfD, wollten. Er konzentriert sich auf drei Begriffe: Frieden, Umwelt, Demokratie. Nix kompliziertes.

Barley bekommt ein Glas Tee auf die kleine runde Europabühne der SPD gebracht. Sie steht in ihrer Barbour-Jacke leicht nach vorn gebeugt da und bricht ein Stück Waffel nach dem anderen ab. Katarina Barley, 50, Bundesjustizministerin, kommt aus einer ganz anderen Welt als Schulz. Sie sagt das Gleiche wie er. Aber nicht so deutlich, nicht so kantig, nicht so gut. Schulz steht gerade, die Brust raus, und wird laut. Keine Waffel, kein Tee, keine Barbour-Jacke. Sondern Olymp-Hemd.

Am Tag zuvor ist Martin Schulz Hauptredner beim Tag der Arbeit. Die großen Namen sind in den großen Städten, Schulz ist in Bottrop. Sieben Reihen Bierbänke, nebenan die Glückauf-Apotheke, Bergleute erinnern an die Schließung von Prosper Haniel. Als ein Mann mit Stock und beiger Jacke Schulz neben der Bühne erkennt, sagt er zu seiner Frau: „Guck mal, der Möchtegernkanzler.“ Hihihi, höhöhö. Doch dann steht Schulz auf der Bühne. Der Mann winkt ihm fröhlich zu, Schulz winkt zurück. Nach der Rede klatscht er besonders eifrig.

Häme begegnet ihm nicht so oft, findet Schulz. Er sagt: „Mir schwappt eine Welle der Sympathie entgegen.“ Ganz falsch ist das nicht. Jedenfalls dann, wenn man Schulz in Herzogenrath, Bottrop, Düren, Aachen, Mönchengladbach und Neuss beobachtet. Heimspiele, klar. Aber auch der 1. FC Köln hat schon zuhause verloren.

Und mit Niederlagen kennt Martin Schulz sich aus. „Europa ist mein Projekt. Es war mein Fehler, das beim Bundestagswahlkampf 2017 nicht genug zu betonen“, sagt er. Schulz sagt: „Politik ist ein Riesenrad, mal bist du oben, mal bist du unten.“ Und auf die Frage, ob er gerade unten sei, antwortet Schulz: „Da war ich letztes Jahr.“ Geht’s also wieder aufwärts?

Erstmal verteilt Martin Schulz noch Rosen auf dem Marktplatz in Düren. Er spaziert hinter einen Spargelstand, hört sich die Familiengeschichte der Landwirte an. Mit einer Frau diskutiert er die Frage: Hollandaise oder Butter zum Spargel? Ganz klar: Butter. Schulz schüttelt Hände, streichelt Kinder, erinnert an die Wahl, fragt den Pasta-Mann: „Läuft?“ Ja, muss. Er stellt sich immer brav vor, aber eigentlich weiß jeder, wer er ist. Martin Schulz? Klar. Jubel, Trubel, Heiterkeit, wohin er auch tritt. Kaum zu glauben.

In der Personalie Martin Schulz verdichten sich Glanz und Elend der SPD. Er ist beliebt, Vollbluteuropäer, aber im aktuellen Wahlkampf ist er nur dabei statt mittendrin. Wer Schulz erlebt, sich von ihm begeistern lässt, für die EU, für seine Ideen zur EU, von Frieden, Umwelt, Demokratie, der hat ein Problem: er kann ihn nicht wählen. Auf den ersten drei Plätzen der SPD-Liste stehen Katarina Barley, Udo Bullmann und Maria Noichl. Zwei Drittel muss man googlen.

Der letzte Termin des Tages, Martin Schulz hat knapp 280 Kilometer und elf Stunden Wahlkampf hinter sich. Schlangengurke und Bananen immer im Gepäck. In einer Bar am Neusser Hafen erwarten ihn gut 200 Gäste. Sie fragen Schulz nach dem Brexit, nach Emmanuel Macron, nach Steuern für die großen Digitalkonzerne, nach einem Konzept für die Zukunft der EU. Niemand fragt Schulz nach seiner eigenen Zukunft.

Als er 2018 im politischen Riesenrad unten angekommen war, da fragte sich Schulz, ob das noch Sinn ergibt mit der Politik. Er fand eine Antwort: Europa. Das Europakapitel im Koalitionsvertrag hat weitgehend er selbst verfasst, wie er oft betont. Schulz macht weiter. In seinem Verständnis treibt er die Regierung europapolitisch an. Und seine Partei auch ein wenig: „Die Sozialdemokratie muss eine Zukunftsbotschaft entwickeln. Wir dürfen nicht nur um uns selber kreisen“, sagt Schulz.

Seine eigene Zukunftsbotschaft muss er auch noch entwickeln. Er sei mit sich im Reinen, findet Schulz. Und er sagt: „In der Politik muss man warten können. Ich kann warten.“ Die Frage ist nur, worauf.

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