Europawahl 2024 Maximilian Krah – Der Skandal-Kandidat der AfD

Berlin · Er ist ein Spitzenkandidat, der selbst in der eigenen Partei hochumstritten ist. Maximilian Krah, AfD-Rechtsaußen aus Sachsen, hat mit einer Spionageaffäre zu kämpfen und ist anderen europäischen Rechten zu radikal. Über einen Politiker, der seiner Partei schadet.

Maximilian Krah, Spitzenkandidat der AfD zur Europawahl, bei einer Wahlveranstaltung (Archiv).

Maximilian Krah, Spitzenkandidat der AfD zur Europawahl, bei einer Wahlveranstaltung (Archiv).

Foto: dpa/Stefan Puchner

Die AfD hat schon viele Skandale überstanden. Im Zweifel zieht man sich in die Wagenburg zurück und wartet, bis die Gegner ihre Munition verschossen haben. Doch mit Maximilian Krah haben die Parteivorsitzenden Tino Chrupalla und Alice Weidel eine Personalie zum Spitzenkandidaten für die Europawahl am 9. Juni gewählt, der auch für sie selbst unberechenbar ist – und der AfD in Deutschland und darüber hinaus schadet.

Wer ist dieser 47-jährige Jurist aus Dresden, der erneut ins europäische Parlament einziehen will? Im Englischen würde man ihn wohl als „loose cannon“ charakterisieren – eine unbefestigte Kanone auf einem Holzschiff, die im Wellengang über Deck geschleudert wird und alles in ihrem Umfeld zerschmettert. Gleichzeitig, vielleicht auch gerade deswegen, ist Krah einer breiten Öffentlichkeit bekannt: Wie das Meinungsforschungsinstitut YouGov bei einer Befragung zwischen dem 3. und 8. Mai feststellte, kennen nur 37 Prozent der Wähler den AfD-Mann nicht.

Der Rechtsaußen-Politiker war in diesem Frühjahr wochenlang wegen möglicher Verbindungen zu prorussischen Netzwerken in den Schlagzeilen. Im April wurde außerdem einer seiner Mitarbeiter, der aus China stammt, wegen mutmaßlicher Spionage für Peking festgenommen. Zuletzt gab er nach neuen Vorwürfen sein Amt im Bundesvorstand auf und sicherte zu, nicht mehr im Wahlkampf aufzutreten. Die AfD-Führung hatte offenbar endgültig die Nase voll, nachdem Krah der italienischen Zeitung „La Repubblica“ sagte, dass Mitglieder der SS-Truppe in der NS-Zeit „nicht alle Verbrecher“ gewesen seien. Denn die Aussage hatte Folgen: Die rechtspopulistische französische Partei Rassemblement National (RN) von Marine Le Pen beendete die Zusammenarbeit mit der AfD und alle AfD-Europaabgeordneten wurden aus der rechten ID-Fraktion im Europäischen Parlament ausgeschlossen. Auswechseln konnte die Partei ihren Frontmann für Europa nicht mehr – die Frist dafür war verstrichen.

Seine Bekanntheit könnte auch daher rühren, dass Krah, der von mehreren Frauen insgesamt acht Kinder hat, mit einigen auf Tiktok veröffentlichten Videoclips ein Millionenpublikum erreicht hat. So riet er etwa jungen Männern, die keine Freundin haben: „schau keine Pornos, wähle nicht die Grünen, geh raus an die frische Luft“. Und resümierte dann: „Echte Männer sind rechts (...). Dann klappt es auch mit der Freundin.“

Krah ist seit 2019 Europaabgeordneter. Einst Mitglied der CDU, ist er heute selbst innerhalb der AfD höchst umstritten, vor allem wegen der Korruptionsvorwürfe und seiner Nähe zu China und Russland. Die scheidende Europaabgeordnete Sylvia Limmer sagte zum Umgang der Parteispitze mit Krah in einem Interview: „Das ist wie bei Hempels, was sie unter den Teppich kehren. Ich befürchte nur, es wird keinen Teppich geben, der groß genug ist, um das alles darunter zu kehren.“

Der EU-Parlamentarier Nicolaus Fest bemerkte wiederum, Weidel und Chrupalla seien mehrfach darauf hingewiesen worden, „dass Herr Krah, ich sag's mal so, ein Blindgänger ist, der jederzeit hochgehen kann“. Manche, die ihn kennen, lästern hinter vorgehaltener Hand, Krah lebe über seine Verhältnisse, und geben ihm den Spitznamen „Schampus Max“. Obwohl die AfD im Wahlkampf für die Abschaffung des EU-Parlaments eintritt, lässt Krah keine Zweifel daran, dass er auf kein einziges der Privilegien, die er als Europaabgeordneter in Brüssel genießt, verzichten will.

Der kontroverse Kandidat hat viele Gesichter. Nicht zuletzt steht Krah auch innerhalb der AfD ganz weit am rechten Rand. Er gilt als Verbündeter des Thüringer AfD-Chefs Björn Höcke und hat ein Buch veröffentlicht mit dem Titel „Politik von rechts – ein Manifest“. Es erschien im Verlag von Götz Kubitschek, der nach Einschätzung des Verfassungsschutzes zu den wichtigsten Akteuren der sogenannten Neuen Rechten zählt. Krah wirft darin die Frage auf, was mit den Millionen Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland geschehen soll. „Volk ist Schicksal“, betont er. Der Berliner Rechtsextremismusexperte Hajo Funke bewertet das Krah-Pamphlet im Buch „AfD-Masterpläne“ als „Plädoyer gegen Einwanderung und für eine völkisch autoritäre, mit Gewalt durchsetzte verfassungsfeindliche Ordnung“.

Gerne präsentiert sich Krah auch als frommer Katholik, nennt die Kirche dabei „gottlos“, hebt traditionelle Familienwerte hervor und beklagt sich, dass immer mehr Frauen heutzutage single und kinderlos sind. Oder er überlegt, wie er auch konservative Türken als Wähler gewinnen kann und zwar jene, die eigentlich Recep Tayyip Erdogan verehren.

Europawahl 2024: Die Spitzenkandidaten der Parteien – Bilder
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Die Spitzenkandidaten der Europawahl 2024

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Foto: dpa/Jens Kalaene

Übrigens hat die AfD nicht nur mit Krah einen unberechenbaren EU-Kandidaten. Die Nummer zwei auf der Liste ist Petr Bystron. Gegen ihn wird wegen des Verdachts der Bestechlichkeit und der Geldwäsche ermittelt, im Zusammenhang mit möglichen Russlandkontakten. Bystron ist aktuell Abgeordneter im Bundestag – doch seine Immunität ist aufgehoben. Im Wahlkampf will auch er nicht mehr auftreten.

(mit dpa)