CDU-Poltiker Stephan Holthoff-Pförtner mahnt, die Errungenschaften Europas nicht zu vergessen.

Gastbeitrag : Europa muss bewahrt werden

Es dauerte Jahrzehnte Europa nach dem zweiten Weltkrieg zu einen. Die damit verbundenen Errungenschaften dürfen wir nicht auf Kosten nachfolgender Generationen verspielen.

Zehn Jahre nach Kriegsende bin ich als Kind, wie viele bei uns in Nordrhein-Westfalen, mit meinen Eltern am Wochenende an die niederländische Küste gefahren. Es gab noch Grenzkontrollen und lange Schlangen vor dem Schlagbaum. Das Schlimmste für mich bei diesen vermeintlich unbeschwerten Ausflügen war aber die stumme Anspannung meines Vaters, der sich, wie ich später erfuhr, wegen unseres Autokennzeichens schämte – für die deutschen Verbrechen im Zweiten Weltkrieg. Dieses beklemmende Gefühl hat sich bei mir tief eingebrannt.

Deutschland und Europa, Nordrhein-Westfalen und seine Nachbarn, die Bürgerinnen und Bürger, waren seinerzeit stark geprägt durch die Erinnerung an eine lange Zeit der Feindseligkeiten, des Krieges und an die unseligen deutschen Kriegsverbrechen. Uns stand ein langer Weg zurück in die Gemeinschaft Europas bevor. Wie jede mühsame Reise begann er mit dem ersten Schritt: dem Wiederaufbau. Er gelang mit Unterstützung unserer ehemaligen Kriegsgegner und der besonnenen Politik unter Bundeskanzler Konrad Adenauer. Das Ruhrgebiet, meine Heimat, wurde in jenen Jahren zum Herzen des deutschen Wirtschaftswunders – befeuert von der Gründung der europäischen Montanunion in Paris 1951, der Keimzelle der Europäischen Union. Mich macht heute noch stolz, dass das Ruhrgebiet mit seiner Kohle und seinem Stahl den Anstoß zu einer unvergleichlichen Erfolgsgeschichte gab, die bis heute andauert. Schon damals wurde unter Tage Europa gelebt. Die Flöze in Schlesien, Wales, Lothringen und im Ruhrgebiet waren der Kern eines europäischen Netzwerks. Das Ruhrgebiet wurde zu einem europäischen Schmelztiegel. Untertage hielten wir zusammen. Übertage können wir da noch lernen.

Später reiste ich wie gefühlt jeder Deutsche zum Urlaub in den Süden, nach Italien und Spanien, und konnte sehen, wie das neue Europa funktionierte, wie es aufblühte, wie Grenzen immer leichter überwunden wurden. Das galt nicht nur in den Ferien, sondern auch im Alltag. Von meinem Studienort Freiburg war der Weg nach Frankreich nicht weit. Oft fuhren wir über die Grenze, um unsere Nachbarn, ihre Lebensart und Tradition kennenzulernen. Erlebnisse, die für meinen Vater unvorstellbar gewesen waren. Wir lebten und liebten den grenzüberschreitenden Alltag.

Im Westen begann der Aufbruch nach Europa – aber vollendet wurde die deutsche Einigung mit ihren weitreichenden Auswirkungen von mutigen Menschen im Osten Europas. Für mich, der die Teilung Europas einst als nahezu feststehenden historischen Fakt erlebte, ist heute jede Reise nach Osteuropa noch ein besonderes Glück. Ich kann mich immer noch dafür begeistern, wie Frieden, Freiheit und Wohlstand Europa nachhaltiger eroberten als alle kriegerischen Offensiven des vergangenen Jahrhunderts.

Heute schlägt das Herz Nordrhein-Westfalens europäisch, wir leben, arbeiten und denken grenzüberschreitend. Lüttich und Venlo sind uns näher als Frankfurt oder Hannover. Die Grenze zu den Niederlanden und Belgien besteht nicht mehr auf den Straßen, nicht in den Portemonnaies, nicht in den Köpfen und nicht in den Herzen. Die Schlagbäume meiner Kindheit sind Geschichte und das sollen sie auch bleiben. Statt langer Autoschlangen pendeln heute täglich mehr als 40.000 Menschen über die Grenze. Wer das in den 1950er Jahren prophezeit hätte, wäre bestenfalls belächelt worden.

Kein Bundesland hat von der europäischen Einigung so profitiert wie Nordrhein-Westfalen. Acht unserer zehn wichtigsten Exportziele liegen heute in der EU. Besonders intensiv sind die Handelsbeziehungen mit den Niederlanden, Frankreich und dem Vereinigten Königreich. 2017 gingen zwei von drei Exportgütern der nordrhein-westfälischen Wirtschaft in die EU – Waren im Wert von mehr als 125 Milliarden Euro. Zwischen 2015 und 2017 kamen 7300 Erasmusstudierende aus Nordrhein-Westfalen, im Ländervergleich nehmen wir damit einen Spitzenplatz ein. Und es gibt mehr als 200 Europaschulen bei uns im Land.

Diese Erfolgsgeschichte ist das Erbe großer Europäer: Winston Churchill, Charles de Gaulle, Konrad Adenauer, Willy Brandt und Helmut Kohl. Es ist auch das Erbe der Bürgerinnen und Bürger in Osteuropa, die mit den friedlichen Revolutionen in Ländern wie Ungarn oder Polen die Grundlage für die Einigung Europas und die Wiedervereinigung Deutschlands legten. Doch dieses Erbe wird bedroht. Radikale Parteien und Populisten von links und rechts wollen Europa zerstören. Sie ertragen nicht, dass die Menschen ihr Leben in einer demokratischen und rechtsstaatlichen Gesellschaft selbstbestimmt leben wollen. Zum eigenen Machterhalt propagieren sie illiberale Demokratien.

Wir müssen unsere Grundwerte, die Achtung der Menschenwürde, Freiheit, Gleichheit, Rechtsstaatlichkeit und Wahrung der Menschenrechte beschützen. Wir stehen jedoch auch vor der Herausforderung, Antworten darauf zu geben, wie die Zukunft der EU aussehen wird, wie wir ein soziales Europa weiterentwickeln, wie wir Sicherheit garantieren, auf den Klimawandel reagieren, eine Digitalunion entwickeln und Angriffe mit Zöllen und Handelsbarrieren abwehren.

Denn Europa ist kein Projekt der Vergangenheit. Kein einziges Mitgliedsland kann seine Interessen in der globalisierten Welt alleine behaupten. Die Unterzeichnung des Aachener Vertrages am 22. Januar durch Bundeskanzlerin Angela Merkel und den französischen Präsidenten Emmanuel Macron ist ein wichtiges Signal. Gemeinsam gehen wir diese Herausforderungen an und betten gleichzeitig die deutsch-französischen Beziehungen in die europäische Gemeinschaft ein.

Bei der Wahl am 26. Mai haben wir über Generationen hinweg eine moralische Pflicht, das Europa, in dem wir leben wollen, zu beschützen. Das können wir nur, wenn wir wählen und uns für Europa entscheiden. Die Gegner Europas werden wählen. Ich habe als Augenzeuge über Jahrzehnte gesehen, dass der Erfolg Europas keine Selbstverständlichkeit ist. Verspielen wir nicht gedankenlos Frieden, Freiheit, Bürgerrechte, Rechtstaatlichkeit und Wohlstand – und damit die Zukunft unserer Kinder und unserer Enkel.

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