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Europäische Zentralbank schockt Sparer mit Nullzins

Europäische Zentralbank : EZB schockt Sparer mit Nullzins

Schlechte Nachricht für Anleger: Die Europäische Zentralbank senkte den Leitzins auf 0,05 Prozent. Zugleich will sie Banken künftig Firmenkredite abkaufen. Der Euro fiel auf 1,29 Dollar.

Im Kampf gegen die Wirtschaftsschwäche fährt die Europäische Zentralbank (EZB) nun schweres Geschütz auf. Mit einem Bündel von Maßnahmen will sie die Kreditvergabe an Firmen und Verbraucher ankurbeln. Gestern senkte die EZB überraschend den Leitzins von 0,15 Prozent auf 0,05 Prozent. Damit wird es für Banken noch günstiger, sich Geld bei der EZB zu leihen, um es als Kredite an Unternehmen oder Bauherren weiterzureichen.

Zugleich beschloss die EZB einen Tabubruch: Sie will den Banken ab Oktober Kreditverbriefungen und Pfandbriefe abkaufen. Damit übernimmt die EZB faktisch die Firmenkredite der Banken. Offenbar will sie hierfür bis zu 500 Milliarden Euro in drei Jahren ausgeben. Zwar bekommen Banken so Luft für neue Darlehen, zugleich gehen die Risiken des Zahlungsausfalls auf die EZB über.

Als Drittes erhöhte die Notenbank den Strafzins, den Banken zahlen müssen, wenn sie Geld bei ihr parken, und zwar von 0,1 auf 0,2 Prozent. Das heißt: Für 100 Euro, den eine Bank bei der EZB anlegt, muss sie künftig 20 Cent Strafe zahlen. Die Währungshüter wollen die Banken animieren, ihr Geld nicht zu bunkern, sondern zu verleihen.

Die Finanzmärkte reagierten überrascht. Der Euro fiel auf 1,29 Dollar. Das ist der tiefste Stand seit über einem Jahr. Für Anleger werden die USA zunehmend attraktiver, zumal die US-Notenbank bereits eine Zinswende hin zu steigenden Sätzen angekündigt hat. Die Aktienkurse zogen dagegen an, weil bei fallenden Zinsen Anleger vermehrt in Sachwerte flüchten. Der Dax kletterte zeitweise um 0,5 Prozent auf 9673 Punkte.

Mit ihren Maßnahmen reagiert die EZB auf die schwächer werdende Konjunktur und die niedrige Inflation. Die EZB-Experten senkten ihre Prognose und erwarten für die Euro-Zone nur noch ein Wirtschaftswachstum von 0,9 Prozent, nachdem selbst die als vorbildlich geltende deutsche Wirtschaft im zweiten Quartal geschrumpft war.

Auch die Preise geraten weiter unter Druck. Im August war die Inflationsrate auf 0,3 Prozent und damit auf den niedrigsten Stand seit 2009 gefallen. Für das Gesamtjahr erwarten die Notenbanker eine Inflationsrate von 0,6 Prozent. Die EZB ist eigentlich verpflichtet, die Rate bei knapp zwei Prozent zu halten.

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Die Währungshüter fürchten, dass Firmen und Verbraucher in Erwartung sinkender Preise Anschaffungen aufschieben und es so zu einer Spirale aus Preisverfall und schrumpfender Wirtschaftsleistung (Deflation) kommt.

Der EZB-Rat, der die Geldpolitik festlegt, ist über die richtige Antwort auf die Krise zerstritten. Draghi räumte ein, dass das Gremium seine Beschlüsse gestern nicht einstimmig gefasst habe. Beobachter gehen davon aus, dass Bundesbank-Präsident Jens Weidmann dagegen stimmte.

Klar ist, dass die Sparer nun weiter leiden werden. "Alle sind jetzt in noch größerer Not, Liquidität irgendwo zu parken", sagte Eugen Keller vom Bankhaus Metzler. Der Chef des Ifo-Institutes, Hans-Werner Sinn, kritisierte vor allem den geplanten Ankauf von Firmenkrediten. "Damit würde die EZB das Investitionsrisiko der Anleger übernehmen, wozu sie nicht befugt ist."

Wenn das alles keine Wirkung zeigt, will die EZB noch weitergehen und massiv Staatsanleihen kaufen. Sollte eine zu lange Phase niedriger Inflation drohen, sei der EZB-Rat zu weiteren unkonventionellen Maßnahmen entschlossen, so Draghi.

(RP)