Spitzenökonom Thomas Straubhaar: "Euro-Raum könnte Austritt Griechenlands verkraften"

Spitzenökonom Thomas Straubhaar : "Euro-Raum könnte Austritt Griechenlands verkraften"

Ein Staatsbankrott Griechenlands in naher Zukunft wäre nach Einschätzung des Hamburger Spitzenökonomen Thomas Straubhaar für den Euro-Raum verkraftbar. "Anders als noch vor einem Jahr würde der Euroraum einen Staatsbankrott und den Austritt Griechenlands heutzutage viel besser verkraften können", sagte der Chef des Hamburger Weltwirtschafts-Instituts (HWWI) unserer Redaktion.

"Denn mittlerweile haben viele Gläubiger ihre Forderungen ohnehin abgeschrieben, die Weltkonjunktur hat sich beruhigt, den USA geht es besser und die deutsche Konjunktur verläuft stabil."

Griechenland wird trotz des geplanten Schuldenschnitts noch lange über 2020 hinaus am Tropf der EU-Länder und des Internationalen Währungsfonds (IWF) hängen müssen: Darauf, so hieß es am Wochenende, werde der mit Spannung erwartete neue Bericht der Troika aus Experten des IWF, der EU und der Europäischen Zentralbank hinauslaufen, der bis Mitte Februar erwartet wird. Die desolate Lage Griechenlands lässt Überlegungen reifen, das Land nun doch in die Insolvenz gehenzulassen — möglicherweise sogar, ohne dass es die Euro-Zone verlassen müsste.

Die Gelegenheit für eine halbwegs geordnete Staatsinsolvenz sei heute besser als noch vor ein, zwei Jahren, sagte Straubhaar. "Vor allem steigt das Vertrauen, dass Italien und Spanien ihre Wahl getroffen haben und bereit sind, ihren Beitrag zur Problemlösung zu leisten. Deshalb ist der Zeitpunkt günstig, jetzt auch Griechenland wählen zu lassen: zwischen Stolz und Bescheidenheit. Entweder es akzeptiert die Spielregeln, Rechte und Pflichten, die mit der Euro-Mitgliedschaft verbunden sind, oder es verlässt den Euro-Raum und kehrt zur Drachme zurück."

Nach einer noch unveröffentlichten Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) lebt Griechenland "seit Jahren über seine wirtschaftlichen Verhältnisse". Der Güterverbrauch habe die wirtschaftliche Leistung schon lange "bei Weitem" überschritten, heißt es in dem morgen erscheinenden DIW-Bericht, der unserer Zeitung vorliegt. Dazu sei es nicht erst seit dem Euro-Beitritt, sondern mindestens seit Mitte der 90er Jahre gekommen. Das Land werde "wohl noch lange Zeit Sorgenkind in Europa" bleiben. Es werde "noch längere Zeit" am Tropf der internationalen Gemeinschaft hängen, die mehr und mehr zum alleinigen Gläubiger werde. Dringend benötige Athen ein Wachstumskonzept.

(RP/pst)
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