Jüngster Abgeordneter tritt zurück MeToo-Affäre bei den Europa-Grünen

Brüssel · Wenn es um den Schutz der Frauen vor sexueller Belästigung geht, wollen sich die Grünen von keinem übertreffen lassen. Umso schwerer könnten sie im beginnenden Europawahlkampf von einer offenbar über Jahre geduldeten MeToo-Affäre in den eigenen Reihen getroffen werden.

 Grünen-Fraktionschefin und -Spitzenkandidatin Terry Reintke bei einer Pressekonferenz Anfang Februar in Berlin.

Grünen-Fraktionschefin und -Spitzenkandidatin Terry Reintke bei einer Pressekonferenz Anfang Februar in Berlin.

Foto: dpa/Christoph Soeder

Ausgerechnet die grüne Zukunftshoffnung, ausgerechnet der jüngste deutsche Europaabgeordnete, ausgerechnet der mit viel frischem Wind von Bayern nach Brüssel gewechselte Malte Gallée hat sich zu einer der schwersten Hypotheken für den Europawahlkampf der Grünen entwickelt. Der 30-Jährige kündigte am Wochenende seinen Rücktritt als Abgeordneter an, nachdem sich Gerüchte über sexuelle Übergriffe auf Mitarbeiterinnen in eine Berichterstattung des „Stern“ verdichtet hatten, gespickt mit Angaben mutmaßlicher Opfer, die zugleich die eigene Grünen-Führung in bemerkenswert fahles Licht bei der Handhabung der MeToo-Affäre in den eigenen Reihen stellten.

Der Jüngste wird damit auch eine der kürzesten Karrieren auf europäischem Parkett aufweisen. Erst nach der Berliner Ampel-Regierungsbildung war er 2022 für den nunmehrigen Wirtschaftsstaatsekretär Sven Giegold von der Liste ins Europaparlament nachgerückt. Und schon zwei Jahre später ist er noch vor der im Juli vorgesehenen Konstituierung des nächsten Parlamentes wieder draußen. Dabei hatte er nach seinem Start als Straßburger Shooting Star unbedingt wieder dazugehören wollen und seine Kandidatur für die Listenaufstellung im November in Karlsruhe angemeldet. Doch da machte er sich dann rar, löschte sein Bewerbervideo und trat auch nicht wieder an.

Offensichtlich, so schilderten es Eingeweihte dem „Stern“, hatten ein paar Mails von Betroffenen an die bayerischen Grünen diese in nicht einmal 24 Stunden handeln und Gallée zum Verzicht auf einen Wiederantritt bewegen können. Der für die Vorkämpfer des Schutzes von Frauen vor sexuellen Übergriffen besonders brisante Sprengsatz lag somit über ein Vierteljahr im Vorraum der Grünen-Spitze in Brüssel. Möglicherweise hatten die Verantwortlichen gehofft, der Verweis auf „persönliche Gründe“ für die Nichtkandidatur werde die Sache schon unter der Decke halten, die neue Legislatur Gras über die peinliche Sache wachsen lassen. Doch am Wochenende platzte die Bombe. Allerdings war sie nach den Schilderungen von innen nicht erst seit letztem November, sondern schon wenige Monate nach seinem Start offenkundig immer sichtbarer geworden.

Gallée beherrschte nicht nur die bei jungen Menschen beliebten Mechanismen in den sozialen Netzwerken, auch in der persönlichen Begegnung trat er gewinnend auf: „Hi, ich bin der Malte“ - und schon ging es um seine Themen, die neue EU-Regelung für Verbraucherkredite, für Elektroaltgeräte oder Abfall. Aber in internen Treffen, auf den Fluren und bei Feierabendtreffs soll der Flirtfaktor überwogen haben und in Übergriffe gemündet sein. Er selbst bestätigte jetzt, dass es bereits 2022 Anlass gab, die Ombudsstelle der Grünen einzuschalten. Dem „Stern“ schilderten Betroffene, dass er jedoch auch danach nicht sein Verhalten geändert habe, sich Frauen vor einer Begegnung mit ihm regelrecht gefürchtet hätten. Davon will er selbst nichts mitbekommen haben. „Ich bin überzeugt, dass ich mir nichts habe zuschulden kommen lassen“, versicherte er in einer persönlichen Erklärung, in der er zugleich ankündigte, sein Mandat niederzulegen. Konkret werde er zum Schutz der Betroffenen keine öffentlichen Angaben machen.

Das ist auch der Wortlaut der Grünen-Erklärungen in Bayern und Brüssel. Dort verweisen sie zwar darauf, dass sie am 8. November vergangenen Jahres neue Regeln beschlossen, ein fraktionsinternes Beschwerdeverfahren installiert, die Beteiligung externe Sachverständiger ermöglicht, vertrauliche Beratung angeboten und alle Mitarbeiter und Mitglieder der Fraktion mit Anti-Belästigungs-Regeln vertraut gemacht hätten. Zugleich starten sie jedoch auch einen Appell an alle Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, sich über das offizielle Verfahren zu melden, wenn sie sexuelle Belästigungen oder anderweitig unangemessenes Verhalten erlebt hätten. Die Fälle könnten nur untersucht werden, wenn es offizielle Beschwerden gebe.

Das Erstaunliche an diesem Vorgang ist, dass „mehr als ein Dutzend“ Betroffene und Wissende dem „Stern“ offenbar mehr Vertrauen schenkten als den eigenen Verfahren. Denn nach denselben Quellen sollen sowohl die spätere Fraktionschefin und EU-Grünen-Spitzenkandidatin Terry Reintke als auch der Chef der deutschen EU-Grünen, Rasmus Andresen, bereits seit Oktober 2022 von den Vorwürfen gewusst, diese intern beraten, aber keine konkreten Konsequenzen daraus gezogen haben. Abgesehen von den neuen abstrakten Regeln gut ein Jahr später.

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