Interview mit Ifo-Chef Sinn zu Griechenland: "Eine Billion Euro könnte weg sein"

Interview mit Ifo-Chef Sinn zu Griechenland : "Eine Billion Euro könnte weg sein"

Ifo-Chef Hans-Werner Sinn rät Griechenland zum Euro-Austritt. Für das krisengeschüttelte Land und für die Euro-Zone käme die Wiedereinführung der Drachme wesentlich billiger, meint der Münchner Ökonom im Interview mit unserer Redaktion.

Herr Professor Sinn, ist jetzt die Zeit reif für den Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone?

Sinn Die Zeit ist schon lange reif: Schon vor zwei Jahren habe ich gesagt, dass Griechenland im eigenen Interesse aus der Euro-Zone austreten sollte. Griechenland würde im Euro nie die Wettbewerbsfähigkeit erlangen, die es braucht, um aus seiner wirtschaftlichen Depression wieder heraus zu kommen. Im Euro müsste Griechenland seine Preise und Löhne um 30 bis 40 Prozent senken, damit die griechischen Produkte billiger werden. Das können sie nicht machen, das triebe das Land an den Rand des Bürgerkriegs. Die Griechen müssen den Euro so schnell wie möglich aufgeben und die Drachme wieder einzuführen. Dass sie dies bislang nicht tun, liegt daran, dass sie im Euro weiter Hilfen erwarten können und vor allem daran, dass auch die Gläubiger Griechenlands — Unternehmen, Banken, Fonds — davon ausgehen, dass sie von den Steuerzahlern nur dann gerettet werden, wenn Griechenland im Euroraum bleibt. Die griechische Bevölkerung wird von den Gläubigern quasi in Geiselhaft genommen, denn sie muss die Konsequenzen in Form einer Massenarbeitslosigkeit ausbaden.

Die Euro-Finanzminister befürchten weiterhin, der Euro-Austritt könnte eine negative Kettenreaktion auslösen wie damals nach der Pleite der Lehman-Bank. Warum liegen sie damit falsch?

Sinn Das ist ein interessengeleitetes Argument: Es wird von denjenigen vorgebracht, die unter allen Umständen ein europaweites Transfersystem etablieren möchten. Das erscheint vielen Ländern als der bequemere Weg, und vor allem wollen das die Gläubigerbanken. Deswegen sagen sie, wenn man diesen Weg nicht wählt, bricht die Welt zusammen. Es bricht nichts zusammen außer dem ein oder anderen Vermögensportfolio.

Warum nicht? Portugal, Spanien und Italien sind doch schon mit dem Krisenvirus infiziert!

Sinn Wir können Staatspleiten nicht dauerhaft verhindern, indem wir das deutsche Portemonnaie immer weiter aufmachen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Griechenland und Portugal es schaffen, innerhalb des Euro-Gebiets ihre Preise und Löhne um 30 bis 40 Prozent zu senken. Die Alternative wäre, dass wir diese Länder dauerhaft finanzieren. Das können und wollen wir nicht. Vielleicht ist die Euro-Zone deshalb nicht mehr zu halten, ich weiß es nicht.

Was wäre für die deutsche Volkswirtschaft billiger — das Ende des Euro in Kauf zu nehmen oder so weiter zu machen wie bisher?

Sinn Wir können keine Transferunion im Euro-System eingehen. Das ist nicht machbar, das würde unsere Wirtschaftskraft überfordern. Es gehören ja auch Spanien, Italien und Frankreich zu den Krisenländern. Jetzt stellen Sie sich mal vor, wir müssten auch deren Leistungsbilanzdefizite finanzieren. Diese Länder müssen sich überlegen, ob sie im Euro ohne unsere Transfers zurecht kommen oder nicht. Die Frage, ob dann der Euro überlebt oder nicht, halte ich für wichtig, aber nicht so wichtig wie die Frage, ob Deutschland Zahlmeister Europas wird. Bei Griechenland ist die Sache klar. Es ist für Deutschland und die Staatengemeinschaft insgesamt viel billiger, wenn das Land aus dem Euro austritt, denn nur dann können sie wieder Leistungsbilanzüberschüsse erwirtschaften und überhaupt irgend etwas zurückzahlen. Und nur der Austritt bietet Griechenland die Chance, von der Massenarbeitslosigkeit herunter zu kommen.

Wie müsste der Austritt Griechenlands organisiert werden?

Sinn Die griechische Regierung müsste über Nacht die Währungsumstellung bekannt geben und am nächsten Morgen alle Konten umstellen auf Drachme. Das ist ein relativ einfacher Akt. In vergleichbaren Fällen war nach der Abwertung die Wettbewerbsfähigkeit des Landes schnell wieder hergestellt. Das Kapital würde nach Griechenland zurückkehren. Die reichen Griechen trauen sich derzeit nicht nach Griechenland, weil sie damit ihr Vermögen riskieren würden. Die kommen erst wieder nach einer Abwertung, nicht vorher. Junge Menschen würden wieder Arbeit bekommen. Das zwanghafte Zusammenhalten der Euro-Zone bedeutet, dass man sich an den Menschen in Griechenland versündigt.

Worauf müssen sich die Deutschen kurzfristig schlimmstenfalls einstellen, würde Griechenland aus dem Euro ausscheiden?

Sinn Derzeit zahlen wir in ein Fass ohne Boden. Die Lasten Deutschlands würden dagegen bei einem Austritt Griechenlands zumindest begrenzt. In der Übergangszeit müsste Griechenland zwar noch für ein, zwei Jahre Geld aus Deutschland erhalten, aber danach könnte man die Zahlungen reduzieren. Das Geld, das wir jetzt geliehen haben, wird ohne Austritt nie wieder zurückkommen, mit dem Austritt schon eher, aber ehrlich gesagt erwarte ich es auch dann nicht wirklich.

Was kostet uns die Rettung Griechenlands jetzt schon?

Sinn 80 Milliarden Euro für Hilfskredite, für die Deutschland gebürgt hat, sind jetzt schon weg. Hinzu kommen die deutschen privaten Verluste aus dem Haircut bei unseren Banken und Versicherungen. Die sind nicht genau bekannt, machen aber vermutlich ebenfalls ein bis zwei Dutzend Milliarden Euro aus. Die Verluste sind schon da, man sträubt sich nur, sie zu verbuchen.

Wie teuer wird die Euro-Rettung insgesamt für uns?

Sinn Der in Griechenland verlorene Betrag ist klein im Vergleich zu der Summe, für die wir insgesamt haften: Um den Euro zu retten, sind wir bereits gewaltig ins Risiko gegangen. Wir haften, wenn man einen möglichen Staatskonkurs Italiens, Griechenlands, Spaniens, Portugals und Irlands ins Auge fasst, während der Euro noch überlebt, schon für über 600 Milliarden Euro. Und wenn der Euro zusätzlich zerbrechen sollte, kommen noch einmal gut 300 Milliarden Euro für nicht einbringliche Target-Forderungen hinzu. Insgesamt könnte dann eine knappe Billion Euro weg sein.

Sollte Deutschland besser die D-Mark wieder einführen?

Sinn Nein, wir sollten versuchen, am Euro festzuhalten. Der Euro hat ja nicht nur Probleme, sondern er bringt uns auch große Vorteile im Außenhandel. Und er ist politisch von Vorteil: Er hilft, die Einheit Europas nach innen und nach außen zu sichern.

Finden Sie, Frau Merkel hat bisher unterm Strich eine gute Krisenpolitik gemacht?

Sinn Im Prinzip hat sie richtig gehandelt. Es gab keine wirkliche Alternative zum Durchwursteln. Ich hätte mir aber gewünscht, sie wäre von Anfang an härter gewesen und hätte auf den Maastrichter Vertrag gepocht. Schon beim ersten Griechenland-Paket hätte sie die Beteiligung privater Gläubiger durchsetzen müssen. Ich gebe zu, ohne in der Verantwortung zu stehen, kann man leicht reden. Bei aller Kritik im Detail finde ich es anerkennenswert, dass die Kanzlerin dem enormem Druck der anderen Länder, ein Transfersystem zu errichten, bisher noch einigermaßen standhält.

Birgit Marschall stellte die Fragen.

(das)
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