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Lübecker wird Chef des Rettungsschirms ESM: Ein Deutscher soll den Euro retten

Lübecker wird Chef des Rettungsschirms ESM : Ein Deutscher soll den Euro retten

Am Montag startet der Rettungsschirm ESM – und der Lübecker Klaus Regling wird sein Chef. Der Sohn eines Tischlermeisters wacht über 500 Milliarden Euro und ist überzeugt: Europa hat mehr als die Hälfte des Weges geschafft. Ein Besuch in seinem kargen Luxemburger Büro.

Am Montag startet der Rettungsschirm ESM — und der Lübecker Klaus Regling wird sein Chef. Der Sohn eines Tischlermeisters wacht über 500 Milliarden Euro und ist überzeugt: Europa hat mehr als die Hälfte des Weges geschafft. Ein Besuch in seinem kargen Luxemburger Büro.

In einer Reihe mit den Euro-Vätern wird Klaus Regling nie genannt. Doch ein bisschen ist die Gemeinschaftswährung auch sein Baby. An der Seite des Finanzministers Theo Waigel bereitete er in den 90er Jahren die Einführung vor und formulierte jene Defizitvorgaben, die den Euro so stabil wie die D-Mark machen sollten. Dass eine Schuldenkrise kommen und den Euro in Gefahr bringen könnte, schien damals unmöglich. "Ich habe nicht gedacht, dass wir jemals einen permanenten Euro-Rettungsfonds brauchen", sagt der Volkswirt im Rückblick. Nun ist er Chef eben jenes ESM, der am Montag seine Arbeit aufnimmt.

Auch den Vorgänger EFSF managte Regling. Als er im Juli 2010 die Aufgabe bekam, den befristeten Rettungsschirm aufzubauen, startete er in einem leeren Bürotrakt auf dem Luxemburger Kirchberg — mit einer Kaffeemaschine als "Überlebenshelfer". Damals glaubte Regling noch, allein die Existenz des EFSF reiche zur Beruhigung der Lage aus. Ein Irrtum. Der EFSF wurde rasch gebraucht und stützt heute Irland, Portugal und Griechenland mit 190 Milliarden Euro.

Regling: Die Krise ist noch nicht vorbei

Die Fonds kaufen den Pleite-Staaten mit Hilfskrediten Zeit für Reformen, damit diese wieder auf die Beine kommen. Irland hat dies fast geschafft. Die grüne Insel kehrt langsam an die Märkte zurück. "Irland wäre vermutlich nicht mehr in der Euro-Zone, wenn es den Rettungsschirm EFSF nicht gäbe", ist Regling sich sicher.

Der 62-Jährige lässt sich von der Grund-Überzeugung seines Vaters, eines Tischlermeisters, leiten: "Gib nie mehr aus, als du verdienst." Der gebürtige Lübecker ist eine Schlüsselfigur im Krisenmanagement. Seine Worte haben an den Märkten Gewicht. Und deshalb wägt der nüchterne Analytiker sie besonders sorgsam. Wer in diesen Tagen sein karg eingerichtetes Büro im Luxemburger Europaviertel betritt, dem gibt Regling eine Kernbotschaft mit: "Die Krise ist noch nicht vorbei. Aber wir haben mehr als die Hälfte des Weges bei den nationalen Anpassungslasten geschafft."

Dann nimmt er ein Blatt mit Grafiken zur Hand, die beweisen sollen: Zur Schwarzseherei besteht kein Anlass. Das Defizit in der Euro-Zone ist nicht mal halb so groß wie das der USA. Die Unterschiede in der Wirtschaftskraft zwischen den Euro-Staaten schwinden. "Unsere Krisenstrategie wirkt. Und zwar besser als weithin wahrgenommen wird", sagt Regling.

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Das predigt er auch auf Verkaufstouren zu Anlegern in aller Welt. Denn der ESM gibt, mit den Garantien der Euro-Länder im Rücken, Anleihen aus. Das eingenommene Geld verleiht er zu Minizinsen an Krisenstaaten weiter. "Ich muss Investoren davon überzeugen, dass ESM-Anleihen eine sichere Anlage sind. Das geht nur, wenn sie Vertrauen in den Fortbestand des Euro haben."

Für harte Linie angefeindet

Früher hat Regling bei einem Hedgefonds in London gearbeitet und kennt die Märkte wie kaum ein anderer. Und Unsicherheit ist Gift für sie. Auch deshalb mag er das Gerede über den "Grexit" gar nicht: "Ein Austritt Griechenlands aus der Währungsunion wäre die teuerste aller denkbaren Lösungen."

Wäre Regling ein eitler Mensch, müssten ihm automatische Strafen für Defizitsünder eine späte Genugtuung sein. Denn als Deutschland unter Kanzler Gerhard Schröder den Stabilitätspakt brach und später mit Frankreich aufweichte, war Regling Generaldirektor für Währung in der EU-Kommission. Für seine harte Linie gegen Berlin wurde er damals angefeindet. Nun gibt ihm die Schuldenkrise recht.

"Im Rückblick war es ein großer Fehler, dass mit Deutschland und Frankreich, die beiden größten Länder der Euro-Zone, die Kernregeln der Währungsunion als Erste missachtet haben", sagt er. Das lud Hellas und andere Staaten ein, die Vorgaben ebenfalls zu missachten. Doch Rechthaberei ist nicht Reglings Ding. Ihm geht es um die Sache: Er will als Herr über Europas Rettungs-Milliarden die Krise überwinden helfen und sein Baby retten. Der ESM sei kein Wundermittel, könne aber sehr wirksame Arbeit leisten, meint Regling.

Doch der Kampf gegen die Krise muss letztlich in den Hauptstädten gewonnen werden. "Meine größte Sorge ist, dass einige Krisenländer nicht die politische Kraft haben, den schmerzhaften, aber wirksamen Reformkurs bis zum Ende durchzuhalten. Das wäre eine Katastrophe", meint der Volkswirt. Doch wenn sie es schaffen, könnte die Währung gestärkt aus der Krise hervorgehen. Und Klaus Regling hätte doch noch seinen Platz in den Geschichtsbüchern: nicht als Euro-Gründervater, aber als Retter der Währungsunion.

Hier geht es zur Infostrecke: Der Euro-Rettungsschirm ESM

(RP/das)