Donald Tusk: Pole ist Nachfolger von Herman Van Rompuy

EU-Ratspräsident Donald Tusk: Ein Pole ist Merkels Mann in Brüssel

Donald Tusk folgt auf den Belgier Herman Van Rompuy in ein Amt, das oft verkannt wird in Europa: das des Ratspräsidenten. Der 57-Jährige ist damit der erste Osteuropäer in einem EU-Spitzenamt. Der Bundeskanzlerin dürfte das gefallen.

Auf dem Parteitag seiner "Bürgerplattform" (PO) Anfang November schwenkte Donald Tusk einen rot-weißen Fußballschal mit der Aufschrift "Polska". Es war sein Abschied aus der polnischen Politik - zumindest für die kommenden Jahre. Denn heute tritt Polens ehemaliger Regierungschef sein neues Amt als Präsident des Europäischen Rates in Brüssel an. Tusk wird Nachfolger des Belgiers Herman Van Rompuy.

Fußball gehört neben Politik zu Tusks Leidenschaften. Der 57-Jährige mit dem jungenhaften Lächeln macht auf dem Spielfeld immer noch eine gute Figur. In seinem neuen Job "muss er lernen, kurze und präzise Vorlagen zu geben und vergessen, effektvoll ins Tor zu schießen", gab ihm die konservative polnische Zeitung "Rzeczpospolita" mit auf den Weg. Ein guter Tipp. Denn Tusk ist nicht nur der erste Osteuropäer auf einem EU-Spitzenposten. Anders als viele westeuropäische Politiker, die als abgehalfterte B-Kader nach Brüssel entsorgt werden, verlässt Tusk sein Land als Sieger. Das birgt Chancen und Risiken.

Tusks Vorgänger Van Rompuy, dem der britische Rechtsaußen Nigel Farage einst "das Erscheinungsbild eines unteren Bankangestellten" und das "Charisma eines feuchten Lappens" attestierte, erwies sich als kluger und bedächtiger Moderator zwischen den mächtigen Regierungschefs. Denn das ist letztlich die Aufgabe des EU-Ratspräsidenten: Er muss "28 Primadonnen zum Konsens bringen", wie es ein ehemaliger Berater Van Rompuys formulierte.

Innerhalb der EU kann sich Tusk auf eine mächtige Verbündete stützen: Sein Verhältnis zu Bundeskanzlerin Angela Merkel, mit der er meistens deutsch redet, charakterisiert er als "tiefe und einzigartige Freundschaft".

Tusk ist ein ganz anderer Typ als sein verschroben wirkender Vorgänger. "Viele meiner Aktivitäten, auch Politik, unternehme ich, weil ich etwas anderes will als Monotonie", verriet Polens Ex-Premier jetzt in einem Interview mit der "Financial Times". Diese Haltung brachte den gebürtigen Danziger schon als Jugendlichen in Opposition zur grauen Realität im kommunistischen Polen. Früh fand er zu der "Solidarnosc"-Bewegung, versorgte die streikenden Arbeiter der Danziger Lenin-Werft mit Wasser und Essen und landete sogar für drei Tage im Gefängnis.

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Nach der Wende in Polen verlief die Karriere des studierten Historikers wechselhaft. Er versuchte sich in mehreren politischen Konstellationen, die aus der "Solidarnosc" hervorgingen, zählte 2001 zu den Mitbegründern der PO. Seine Kandidatur bei der Präsidentenwahl 2005 endete mit einer Niederlage gegen den national-konservativen Lech Kaczynski. Kritiker sagten damals, Tusk wolle nicht hart genug arbeiten, der "Spaß-Faktor" sei ihm zu wichtig, er hole nicht das Maximum aus sich heraus.

Doch Tusk zählt zu denen, die mit den Aufgaben wachsen. 2007 gewann seine Partei mit großer Mehrheit die Parlamentswahlen. Seitdem bestimmte er als Regierungschef die Geschicke seines Landes. Als erster polnischer Premier seit dem Ende des Kommunismus schaffte er die Wiederwahl. Die Verweildauer seiner Amtsvorgänger betrug im Schnitt 13 Monate. Zu den Erfolgen von Tusks Amtszeit gehört, dass die polnische Wirtschaft sich selbst im Krisenjahr 2008 mit Wachstum behaupten konnte. Der Premier fand auch die richtigen Worte für eine entsetzte Nation, als im Frühjahr 2010 die Tupolew von Präsident Lech Kaczynski mit 100 Prominenten an Bord beim Landeanflug auf Smolensk abstürzte.

Zuletzt machten der Regierung Tusk allerdings Skandale und ein einsetzender Ermüdungseffekt in der Bevölkerung zu schaffen. Er selbst gibt deshalb freimütig zu, dass es genau der richtige Moment für den Absprung nach Brüssel war.

Der schwierigste Punkt in Tusks künftiger Arbeit dürfte das Verhältnis des Bündnisses zu Russland werden. Als polnischer Regierungschef zählte er zu den schärfsten Kritikern Moskaus innerhalb der EU. Während die künftige EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini sich schon mit allerlei naiv anmutenden Einschätzungen zum Thema Russland zu Wort meldete, hat Tusk keine Illusionen: "Russland ist nicht unser strategischer Partner. Es ist unser strategisches Problem." Seine Berufung auf den Posten gilt als Beweis, dass sich innerhalb der EU das Lager durchgesetzt hat, das sich eine härtete Gangart gegenüber Russland wünscht.

(RP)
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