Deutschlands Panzer von großer Bündnis-Bedeutung Die Nato-Sicht auf die Leopard-Entscheidung

Brüssel · Die Nato-Staaten reagieren ausgesprochen positiv auf die deutsche Zusage bei den Leopard-Kampfpanzern. Doch die Entscheidung hat nur den Charakter eines Zwischenschritts. Auch andere müssen liefern. Und die Herausforderung wächst.

Bundeskanzler Olaf Scholz vor einem Leopard-2-Kampfpanzer bei einem Bundeswehrbesuch im Oktober letzten Jahres in der Lüneburger Heide.

Bundeskanzler Olaf Scholz vor einem Leopard-2-Kampfpanzer bei einem Bundeswehrbesuch im Oktober letzten Jahres in der Lüneburger Heide.

Foto: dpa/Moritz Frankenberg

Mit einem begeistertem „Yee-haw“ im amerikanischen Cowboy-Stil reagiert der ukrainische Vize-Außenminister Andrij Melnyk. Auch bei den Nato-Staaten herrscht Erleichterung über die Entscheidung der deutschen Bundesregierung, sowohl der Lieferung von modernen Leopard-2-Kampfpanzern durch Partner zuzustimmen als auch selbst ein Leo-PakeT auf den Weg zu bringen: Ausstattung für ein Bataillon inklusive 14 Panzern, Schulung der Besatzung, Munition und Wartung - der Chor der Danksagungen unter Nato-Regierungschefs ist am Mittwoch vielstimmig. Seit vielen Wochen war das von Deutschland spätestens beim Ramstein-Treffen der Vorwoche erwartet worden. Nun gibt es die willkommene Gelegenheit, die drohende Spaltung der Nato vom Tisch zu kehren. Verdrängt werden zunächst die Gedanken, die um deutsche Zögerlichkeit gekreist hatten.

Zuletzt hatten sich die EU- und Nato-Staaten wie nervöse und zunehmend aggressiver werdende Raubtiere belauert. Wer hat was schon oder noch nicht geliefert? Wer könnte deutlich mehr tun? Vor allem die baltischen Staaten drückten aufs Tempo. Mag es in Deutschland eine eher abstrakte Überlegung sein, dass ein siegreiches Russland ermutigt sein könnte, weiteres Territorium in den Griff nehmen zu wollen - im Baltikum ist das ganz konkret. Auch Finnland hat angesichts seiner direkten Grenze mit Russland eine große Deckungsgleichheit eigener Interessen mit den Interessen an einem Sieg der Ukraine.

Für die Nato war vom ersten Tag des russischen Angriffes auf die Ukraine klar, dass die Ukraine das völkerrechtlich garantierte Recht auf Selbstverteidigung hat, dass die Nato-Mitglieder ihr Recht auf Unterstützung einer angegriffenen Nation wahrnehmen, dass aber die Nato selbst kein Teil des Krieges werden dürfe. Deshalb lehnte das Bündnis alle Bitten der Ukraine ab, mit Nato-Kampfjets und Nato-Soldaten eine Flugverbotszone über der Ukraine durchzusetzen.

Es gehörte zwar nie zur offiziellen Linie der Nato, ihren Mitgliedern eine Lieferung moderner westlicher Kampfpanzer zu verbieten. Doch hatten sich die wichtigsten Lieferländer intern darauf verständigt, genau davon zunächst abzusehen. So kam es zur deutschen Idee eines Ringtausches: Panzer alter sowjetischer Bauart aus den Beständen vor allem der östlichen Bündnispartner für die Ukraine, die dann im Gegenzug von den westlichen Partnern durch moderneres Gerät ersetzt werden.

Wie entstand dann in Brüssel der Druck, von dieser Linie abzugehen? Das eine sind die schwindenden Verfügbarkeiten. Die Ersatzteile für die Sowjetpanzer in der Ukraine gehen genauso zur Neige wie deren Munition und die verfügbaren Exemplare selbst. Auf monatlich 120 Panzer wird der Verlust der ukrainischen Streitkräfte geschätzt. Auf der anderen Seite erkennt die Aufklärung der Nato-Staaten die Vorbereitung einer großen russischen Frühjahrsoffensive, nachdem die Angreifer die rund tausend Kilometer langen Frontabschnitte immer mehr konsolidieren konnten. Am Montag wurden die EU-Außenminister mit der Gefahr konfrontiert, dass Russland im Frühjahr 2023 die Ukraine überrollen könnte, wie es das eigentlich für den Februar letzten Jahres geplant hatte.

Damit rückte automatisch der deutsche Leopard-Kampfpanzer in den Blick der Nato-Staaten. Er ist für sie nicht irgendeines von vielen Waffensystemen. Seit die Nato ihre Strategien zur Verteidigung Westeuropas vor einem massiven Angriff aus dem Osten konzipierte, waren starke deutsche Panzerverbände das zentrale Element, um den gegnerischen Vormarsch zu verlangsamen und möglichst zu stoppen. Dieses historische Deutschland-Szenario ist jetzt das Ukraine-Szenario.

Die Ukraine braucht sehr schnell zwischen 100 und 300 Kampfpanzer, um den neuerlichen russischen Großangriffen standhalten und ihrerseits weitere eigene Territorien befreien zu können. Auch dafür ist der Leopard der Schlüssel. Denn der deutsche Exportschlager ist in über 20 Ländern verfügbar. Soweit die verschiedenen Muster miteinander kompatibel sind, ist es somit das einzige Modell, das im Verbund einzelstaatlicher Lieferungen im nötigem Umfang zügig verfügbar wäre.

Allerdings ist ein militärischer Erfolg verknüpft mit dem „Gefecht der verbundenen Waffen“, wie es im Nato-Jargon heißt. Dazu gehören auf der landgestützten Ebene Schützenpanzer für die Infanterie, Spähpanzer für die Aufklärung und Panzerhaubitzen für die Artillerie. Auf allen Feldern haben unter anderem Großbritannien, Frankreich und die Vereinigten Staaten bereits vor der deutschen Leopard-Entscheidung Zusagen getroffen. Deutschland hat, teils zusammen mit den Niederlanden, gerade bei der Stärkung der Artillerie und der Luftabwehr in der Ukraine mehr getan als andere Nato-Staaten, längst auch mit modernster westlicher Waffentechnik. Auch britische Kampfpanzer werden bereits in zwei Wochen geliefert, leichtere französische Modelle folgen bald darauf.

Wer Gefechtssituationen auf deutschen Truppenübungsplätzen verfolgt hat, weiß jedoch, dass die Luftunterstützung eine unverzichtbare Rolle spielt. Das erklärt, warum die Ukraine ihre Freude über die deutsche Entscheidung sogleich mit der erneuten Bitte um Kampfjets verband.

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