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Interview mit Ökonom Michael Hüther: Die Folgen einer Rating-Senkung

Interview mit Ökonom Michael Hüther : Die Folgen einer Rating-Senkung

Der Chef des Instituts der deutschen Wirtschaft, Michael Hüther, spricht mit unserer Redaktion über die fragwürdige Arbeit von Standard & Poor's, über die Auswirkungen einer Herabstufung Deutschlands auf Sparvermögen und Bauzinsen und über die Perspektiven für Gold und Bundesanleihen.

Der Chef des Instituts der deutschen Wirtschaft, Michael Hüther, spricht mit unserer Redaktion über die fragwürdige Arbeit von Standard & Poor's, über die Auswirkungen einer Herabstufung Deutschlands auf Sparvermögen und Bauzinsen und über die Perspektiven für Gold und Bundesanleihen.

Was bedeutet die Androhung der Rating-Senkung für Deutschland?

Hüther Zunächst wirft das Vorgehen ein fades Licht auf Standard & Poor's. Die Ratungagentur begründet ihren Schritt mit einer drohenden Rezession. Das ist absurd, für die Ausfallwahrscheinlichkeit eines Landes kommt es darauf an, wie Staat und Wirtschaft strukturell aufgestellt sind, und nicht auf konjunkturelle Probleme.

Haben Rating-Agenturen zu viel Macht?

Hüther Ja. Es ist nicht gut, dass drei amerikanische Agenturen allein den Markt kontrollieren. Allerdings war die Politik es selbst, die die Rating-Agenturen mit dieser Macht ausgestattet hat. Sie hat die Eigenkapital-Regeln für Banken (Basel II) aufgestellt. Danach gilt bekanntlich: Die Banken müssen ihre Kreditnehmer raten lassen und ihre Aktivitäten nach Risiko gewichten. Das heißt: Je schlechter das Rating eines Schuldners ist, mit desto mehr Eigenkapital muss die Bank diesen Kredit unterlegen.

Was kann die Politik tun, um das Oligopol der großen Drei zu brechen?

Hüther Wir müssen Rating-Agenturen regulieren und verlangen, dass die verantwortungsvolle Arbeit nur von qualifizierten, erfahrenen Analysten übernommen wird. Derzeit gehen manche, oft junge Analysten rein schematisch vor. Am besten sorgen wir dafür für mehr Konkurrenz sorgen. Es wäre gut, wenn es mindestens zwei europäische Rating-Agenturen gäbe, die von den hiesigen Banken gegründet würden und den Amerikanern Konkurrenz machen.

Zurück zu Deutschland: Was bedeutet die Senkung des Ratings für Deutschland?

Hüther Standard&Poor's hat bisher nur eine Drohung ausgesprochen. Sollte Deutschland tatsächlich seine Bestnote AAA verlieren, wäre das schon ein Signal. Schließlich hat Deutschland Jahrzehnte lang die Bestnote gehabt. Auch Deutschland sollte den Schuldenabbau ernster nehmen. 26 Milliarden Euro Neuverschuldung für das Jahr 2012 sind 16 Milliarden Euro zu viel, schließlich sprudeln die Steuereinnahmen. Insofern ist der Ratingausblick auch ein Warnschuss.

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Viele Leute haben Angst um ihr Geld. Sind die Sparvermögen gefährdet?

Hüther Nein, die Bürger müssen keine Angst um ihr Vermögen haben. Selbst wenn das Rating gesenkt wird, müsste der Finanzminister zunächst nur etwas höhere Zinsen für seine Bundesanleihen zahlen. Angesichts der historisch niedrigen Zinsen von zwei Prozent ist das kein Problem.

Viele fürchten, dass nun die Europäische Zentralbank als Feuerwehr gerufen wird und es deshalb zu Inflation kommt.

Hüther Diese Sorge ist unbegründet, wir erwarten für das nächste Jahr weiter gut zwei Prozent Inflation. Bisher ist es der EZB stets gelungen, alles Geld, das sie für den Ankauf von Staatsanleihen ausgegeben hat, auch wieder zu neutralisieren. Der Anstieg der Inflation im Sommer resultiert aus dem Anstieg der Energiepreise, dieser Effekt verliert sich bald.

Ist es ordnungspolitisch denn zu vertreten, dass die EZB eingreift?

Hüther Das darf man nicht dogmatisch sehen. Wenn ein Notfall vorliegt, muss der Rettungswagen auch mal bei Rot über die Ampel fahren dürfen. So lange es der EZB gelingt, das zusätzlich gedruckte Geld an anderer Stelle wieder einzusammeln und die Preise stabil zu halten, darf sie auch Staatsanleihen kaufen. Wer sonst, wenn nicht die EZB, sollte Liquiditätsengpässe am Markt überbrücken, bis die von Merkel und Sarkozy vereinbarten Vertragsänderungen greifen? Wichtig ist nur, dass die EZB nichts systematisch dafür genutzt wird.

Staatsanleihen sind eine beliebte Anlage für sicherheitsbewusste Anleger. Kann man dazu noch raten?

Hüther Mit Ausnahme von Griechenland, wo es nun einen Schuldenschnitt geben wird, sind europäische Staatsanleihen weiter sicher. Sie bieten ihren Besitzern einen regelmäßigen Zinsfluss. Für deutsche zehnjährige Bundesanleihen dürften die Zinsen in der näheren Zukunft auf rund drei Prozent anstiegen. Das derzeitige Zinsniveau ist mit zwei Prozent unterdurchschnittlich und resultiert aus der Flucht in deutsche Anleihen. Das wird sich wieder normalisieren.

In Krisenzeiten flüchten viele gerne in Gold. Ist das sinnvoll?

Hüther Gold ist eine riskante Vermögensanlage. Es wirft keine Zinsen ab und lebt nur von den Ängsten der Menschen. So schnell wie der Goldpreis stiegt, kann er auch wieder fallen. Ich persönlich kaufe kein Gold.

Was ist mit den Hypothekenzinsen? Würden die sich durch eine Senkung des Ratings verändern?

Hüther Unabhängig von der drohenden Rating-Senkung erwarte ich einen leichten Anstieg der Hypothekenzinsen. Sie sind derzeit mit 3,5 Prozent für zehnjährige Kredite ungewöhnlich niedrig. Mit der steigenden Nachfrage nach Immobilien und dem steigenden Zins bei alternativen Anlagen wie Bundesanleihen werden auch die Bauzinsen auf vier bis 4,5 Prozent etwas ansteigen.

Reichen die Maßnahmen, die Merkel und Sarkozy am Montag beschlossen haben, aus, um den Euro dauerhaft zu retten?

Hüther Ich bin sicher, dass es den Euro auch in zehn Jahren noch geben wird. Merkel und Sarkozy haben das Richtige beschlossen: Die Staaten werden enger an die Kandare genommen, Schuldensünder werden automatisch bestraft. Nun muss ihnen der Rest Europas noch folgen.

Was nutzen Italien neue Regeln? Italien braucht im nächsten Jahr 300 Milliarden Euro frisches Kapital …

Hüther: Italien ist nicht Griechenland. Wenn das Land sein Sparpaket umsetzt, werden sich die Märkte beruhigen und Rom wird seine Kredite refinanzieren können. Es gibt keinen Käuferstreik bei italienischen Anleihen, allenfalls muss der Staat hohe Zinsen zahlen.

Sieben Prozent wie zuletzt kann sich Italien aber nicht lange leisten.

Hüther Gemach. Italien kann sich sieben Prozent Zinsen ein, zwei Jahre lang durchaus leisten. Danach sollte das Sparpaket wirken, dann gehen auch die Zinsen wieder herunter. Man sollte sich nicht verrückt machen lassen. Derzeit liegt die Zinslastquote Italiens (Zinsen im Verhältnis zum Sozialprodukt) nicht einmal halb so hoch wie zu Lira-Zeiten. Und außerdem sind die Renditen deutlich zurückgekommen seit Mitte letzter Woche.

Merkel und Sarkozy haben Eurobonds, also gemeinsam aufgenommenen Krediten der Eurostaaten, eine Absage erteilt. Richtig?

Hüther Absolut. Eurobonds vergesellschaften die Haftung für Schulden, davon geht ein gefährlicher Anreiz aus, zu Lasten anderer Länder zu konsumieren. Aber auch hier bin ich entspannt. Da man für Eurobonds die EU-Verträge ändern muss, wofür man wiederum die Zustimmung aller 27 Staaten braucht, wird es zu Eurobonds nicht kommen.

Antje Höning führte das Gespräch.

(RP/top)