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Der Brexit lehrt uns: Demokratie braucht Führung

Brexit-Brei in den Ausguss : Demokratie braucht Führung

Der Brexit zeigt uns: Es gab kaum Führung durch die gewählte Regierung, aber reichlich Volksverführung durch dreiste Schwätzer wie den Hallodri Boris Johnson oder den öligen Nigel Farage. Daraus müssen wir lernen.

Britannien bietet uns doppelten Anschauungsunterricht in schlechter politischer Praxis: Sowohl die direkte als auch die repräsentative Demokratie versagt. Der unselige Premier David Cameron machte einen Jahrhundertfehler, als er Zuhören zum Politik-Ersatz erklärte und seinem Volk 2016 eine Frage von historischer Dimension zur Abstimmung vorlegte. Das Ergebnis ist bekannt. Cameron handelte wie so viele seiner Kolleginnen und Kollegen auf dem Kontinent: „lämmchengleich als Volksempfänger“ (Thomas Schmid) und nicht wie eine politische Autorität, die zum Entscheiden befähigt, berufen und gewählt ist. Der berühmte Satz von Bundeskanzler Helmut Schmidt, wonach Demokratie Führung brauche, wurde ausgerechnet im Paradeland der Demokratie ignoriert. Es gab kaum Führung durch die gewählte Regierung, aber reichlich Volksverführung durch dreiste Schwätzer wie den Hallodri Boris Johnson oder den öligen Nigel Farage.

Wir sollten lernen: Man kann dem Volk, wie das etwa in Bayern geschehen ist, die Frage vorlegen, ob in Wirtshäusern ein absolutes Rauchverbot gelten solle; aber ein Plebiszit zu politischen Grund- und Existenzentscheidungen überfordert die Masse: Sie fühlt manches, weiß wenig, schwankt immer. Der fabelhafte Autor Ferdinand von Schirach zitiert in seinem neuen Buch „Kaffee und Zigaretten“ den weisen alten Goethe: „Der Mensch ist zu einer bestimmten Lage geboren; einfache, nahe, bestimmte Zwecke vermag er einzusehen, sobald er aber ins Weite kommt, weiß er weder, was er will, noch was er soll.“ Die besondere britische Tragik ist, dass das traditionsreiche Parlament im angerührten Brexit-Brei rührt und nichts Genießbares auf den Tisch bringt. Das Zeug gehört in den Ausguss; es müsste neu gekocht werden. Wer immer fix mit dem Wort auf EU und Brüssel schimpft, der schaue doch nach Britannien.

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