Griechenland nach den Krawallen: Athen gleicht einem Kriegsgebiet

Griechenland nach den Krawallen : Athen gleicht einem Kriegsgebiet

Die Griechen erschrecken sich selbst über das Ausmaß der Gewalt. Nach den Protesten gegen die neuen Sparbeschlüsse gleicht Athen einem Trümmerfeld. Zahlreiche Gebäude sind ausgebrannt. Auch Waffengeschäfte sollen geplündert worden sein.

Am Tag nach den nächtlichen Protesten wurde in der griechischen Hauptstadt erst nach und nach das wahre Ausmaß der Zerstörung offenbar. In manchen Straßen sah es am Montag wie auf einem Schlachtfeld aus. Mindestens 45 Gebäude wurden in Brand gesetzt, mehr als 170 Menschen wurden bei Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und den Sicherheitskräften verletzt.

Feuerwehrleute waren bis zum Morgen damit beschäftigt, weiter schwelende Brände zu löschen. Reinigungskräfte sammelten geschätzte 40 Tonnen Schutt auf. Noch immer hing der Geruch von Tränengas in der Luft. Aus Protest gegen das umstrittene Sparpaket waren am Sonntag mehr als 100.000 Menschen in Athen auf die Straße gegangen. Randalierer setzten Häuser und Geschäfte in Brand. Auch in anderen Städten des Landes kam es zu Unruhen.

Ein Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung berichtete, auch ein Waffengeschäft sei geplündert worden. Die Täter waren dabei allem Anschein nach zielstrebig und professionell vorgegangen. In ihren Händen befinden sich nun vermutlich die Schusswaffen, die in dem Laden am Montagmorgen fehlten. Hightech-Feuerwaffen in den Händen von Radikalen - ein beunruhigender Gedanke.

Brüssel und Berlin zeigten sich unterdessen nach dem kurz vor Mitternacht verkündeten positiven Votum der griechischen Abgeordneten zu den Sparauflagen der Troika aus EU, EZB und IWF erleichtert. Die Entscheidungen in Athen seien "ein erster wesentlicher Schritt auf dem richtigen Weg", sagte Außenminister Guido Westerwelle. Nun aber gehe die eigentliche, schwierige Arbeit mit der Umsetzung der vereinbarten Reformen erst los. Regierungssprecher Steffen Seibert sagte, die Beschlüsse zeigten "den Willen und die Bereitschaft der Griechen, große eigene Anstrengungen zu unternehmen".

Noch aber sind nicht alle Bedingungen erfüllt.

Auch EU-Währungskommissar Olli Rehn begrüßte das grüne Licht des griechischen Parlaments zu einem zweiten Sparprogramm. Zugleich betonte er, dass noch nicht alle Bedingungen für die Freigabe des zweiten Hilfspakets von 130 Milliarden Euro erfüllt seien. Dazu gehören weitere Einsparungen von 325 Millionen Euro und die schriftliche Zusicherung der großen griechischen Parteien, das Sparprogramm auch über die nächste Wahl hinaus umzusetzen.

Für das Gesetz stimmten 199 Abgeordnete, 74 votierten dagegen.
Die griechische Regierungskoalition schloss anschließend 43 Abgeordnete aus ihren Reihen aus. Als Grund wurde deren Abstimmungsverhalten genannt. Die Sozialisten verbannten 22 ihrer Abgeordneten, die Konservativen 21. Ihre Mehrheit im 300 Sitze zählenden Parlament schrumpfte damit von 236 auf 193. Ein dritter Koalitionspartner, die rechtsgerichtete LAOS-Partei, war de facto bereits am Freitag aus der Regierung ausgeschieden, nachdem sich ihr Vorsitzender öffentlich gegen eine Zustimmung ausgesprochen hatte.

Aufruf zur Ruhe bleibt unbeachtet

Zu Beginn der Abstimmung rief Ministerpräsident Lukas Papademos zur Ruhe auf und verwies auf die katastrophale finanzielle Lage des Landes. "Vandalismus und Zerstörung haben in einer Demokratie keinen Platz und werden nicht toleriert", sagte er. Jedem müsse der Ernst der Lage bewusst sein.

Einige der Demonstranten vor dem Parlament schenkten dem Aufruf des Regierungschefs allerdings kein Gehör. Bei den schlimmsten Krawallen in Athen seit Jahren wurden Kinos, Banken und Cafés zerstört, neun historische Gebäude gingen in Flammen auf. Nach Angaben der griechischen Handelskammer ESEE wurden mindestens 40 Geschäfte niedergebrannt oder schwer beschädigt. "Die meisten werden wohl nie wieder öffnen", teilte der Verband in einer Stellungnahme mit. "Die Innenstadt sieht aus, als wäre sie bombardiert worden."

Angriff auch auf das Internet

Unter den 170 Verletzten waren nach offiziellen Angaben 106 Polizisten. Mindestens 74 mutmaßliche Randalierer seien verhaftet, weitere 92 in Gewahrsam genommen worden.

"Kriminelle haben all das ins Visier genommen, was an Athen am besten war - seine neoklassizistischen Monumente", sagte der Chef der Kulturpolitik bei den griechischen Konservativen, Thanassis Davakis. "Der Schaden muss rasch beseitigt und das Gedächtnis der Stadt wiederhergestellt werden."

Ebenfalls aus Protest gegen die Abstimmung in Athen legten Aktivisten der Hackergruppe Anonymous nach eigenen Angaben am Montag vorübergehend mehrere offizielle griechische Internet-Seiten lahmt, unter anderem die des Finanzministeriums und die des Parlaments. Am Nachmittag waren beide aber wieder zu erreichen.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Athen nach der Nacht der Wut

(APD)
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