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Kanzlerin ist mehr als Krisenmanagerin: Angela Merkel, die Mutter Europas

Kanzlerin ist mehr als Krisenmanagerin : Angela Merkel, die Mutter Europas

Mit weiblicher List, Unerschrockenheit und solider Regierung hat sich die Kanzlerin zur heimlichen Regentin des alten Kontinents entwickelt. Doch sie ist mehr Krisenmanagerin als gestaltende Visionärin.

Für den früheren US-Botschafter John Kornblum ist die Reihenfolge klar. Der mächtigste Mann der Welt ist US-Präsident Barack Obama, "dann kommt irgendein Chinese", meint der einstige Spitzendiplomat, der heute in Berlin lebt. "Und schließlich folgt, daran gibt es wohl kaum Zweifel, Bundeskanzlerin Angela Merkel."

Die so prominent eingeschätzte Deutsche ist bescheidener. "Wir sind so eine USA im Kleinen", sagt sie bisweilen. Und das gilt vor allem für Europa. Erst beim jüngsten EU-Gipfel zum gigantischen Haushalt von 1,08 Billionen Euro ließ die deutsche Regierungschefin wohlkalkuliert die Veranstaltung platzen. Der Sparvorschlag von 80 Milliarden Euro vom belgischen EU-Präsidenten Herman Van Rompuy ging ihr nicht weit genug. Da die Nehmerländer gegen weitere Kürzungen protestierten, entschied sich Merkel für eine Verschiebung des Problems. "Gründlichkeit geht vor Schnelligkeit", sagte sie.

Wer in Europa was erreichen will, kommt an ihr nicht vorbei

Typisch Merkel. Auf den Fluren der europäischen Behörden in Brüssel wird die Kanzlerin gern als Mutter Europas bezeichnet, in Anlehnung an das respektlos-anerkennende "Mutti", wie manche Christdemokraten Merkel zu Hause nennen. Tatsächlich hat sich die Deutsche zur zentralen Anlaufstation der europäischen Spitzenpolitiker entwickelt. Wer etwas in Europa erreichen will, kommt um ein Tête-à-tête mit der Kanzlerin nicht herum.

Wie sehr die Europäer inzwischen die unaufgeregte Führungsrolle der Deutschen akzeptieren, zeigt die jüngste Reise des polnischen Außenministers Radoslaw Sikorski nach Berlin. Der Pole mahnte dort wortreich eine stärkere Führungsrolle Merkels an. Wann gab es das je in der jüngeren Geschichte, dass ein polnischer Spitzenpolitiker auf ein mächtigeres Deutschland drang?

Unaufdringlich, fleißig, sachorientiert

Merkel hört solche Ermahnungen nicht ungern. Sie bleibt aber bei ihrem Stil. Unaufdringlich, fleißig, sachorientiert und eisenhart in Verhandlungen baut sie ihre Stellung im alten Kontinent aus. Die robuste deutsche Wirtschaft, die viertgrößte der Welt, ein effektives Europa-Management, nicht zuletzt ihre Bereitschaft zum Zuhören und Schlichten sowie ihre guten internationalen Kontakte machen sie zur Nummer eins in Europa. Und das ohne die Attitüde "Hoppla, jetzt komm ich".

Ihr norddeutsches kühles Temperament, ihr Sinn für feine Ironie und die schier endlose Geduld im Umgang mit 27 EU-Regierungen machen sie fast zum natürlichen Mittelpunkt der europäischen Staatenlenker. Auch Geld spielt eine Rolle. Zu einem Fünftel trägt die Bundesrepublik zum EU-Budget bei, voraussichtlich fast 200 Milliarden Euro in den kommenden sieben Jahren. Und der Krisenstaat Griechenland steht bei den Deutschen inklusive Garantien und Gewährleistungen mit 100 Milliarden Euro in der Kreide. Dazu kommen die Milliarden für Portugal und Irland.

Sie kommt nicht mit dicken Schecks

Merkel geht durchaus knausrig mit diesen Finanzmitteln um. Sie begleicht nicht einfach Rechnungen mit dicken Schecks, wie es noch ihre Vorgänger machten. Das ist auch nicht nötig. Längst haben sich die Amtskollegen der Kanzlerin daran gewöhnt, dass Deutschland auch eigene nationale Interessen verfolgt. Am liebsten würde sie die im Konzert mit den anderen EU-Ländern zur alleinigen Richtschnur ihres Handelns machen. Aber sie weiß, dass das Projekt der europäischen Einigung nach der schwersten Wirtschafts- und Finanzkrise der Nachkriegszeit maßgeblich von ihrem Krisenmanagement abhängt. In diese neue Führungsrolle ist sie hineingewachsen.

Europäerin aus Vernunft

Zeitweise war sie versucht, den Euro platzen zu lassen, wären die Kosten — politisch wie wirtschaftlich — überschaubar gewesen. Doch das waren sie nicht. Aus Merkel ist so nach ihrem anfänglichen Zaudern eine Europäerin aus Vernunft geworden. Ihr politisches Schicksal hat sie mit der Euro-Rettung verbunden. Anders als ihrem Vorbild Helmut Kohl fehlt der deutschen Kanzlerin die große Emotion in ihrem Einsatz für Europa. Eine mitreißende Rede über Krieg und Frieden in dem einst zerrissenen Kontinent ist von ihr nicht zu erwarten. Dennoch ist heute ein europäisches Krisenmanagement ohne Merkel kaum vorstellbar.

Keiner kann auch so souverän Noten verteilen, zu Anstrengungen mahnen, die Bedingungen für Hilfe formulieren wie die heimliche Präsidentin Europas. So ruft sie unbemerkt von der Öffentlichkeit den portugiesischen Präsidenten Anibal Cavaco Silva zur Ordnung, als der sich gar zu populistisch der Protestbewegung seines Landes gegen die harten Sparmaßnahmen anschließt. Auch den spanischen Amtsinhaber Mariano Rajoy drängt sie zu einer schnelleren Gangart, als der aus Rücksicht auf die grassierende Bereitschaft zur Revolte in seinem Land das Reformtempo allzu sehr drosselt. Und sie kann auch basta sagen. Als die Diskussion über einen Euro-Austritt Griechenlands überhand zu nehmen drohte, erklärte sie, das stehe nicht zur Debatte. Ihren Finanzminister Wolfgang Schäuble ließ sie in holprigem Englisch erklären: "There will be no Staatsbankrott in Greece." Danach hörte die Diskussion auf.

Nur einer kann ihr Respekt einflößen

Es gibt überhaupt nur einen, dessen Kompetenz und Machtbefugnis ihr Respekt einflößen: Mario Draghi, der Präsident der Europäischen Zentralbank. Der hochintelligente Italiener, der mit einer Mischung aus Verschlagenheit und Brillanz die mächtige Währungsbehörde führt, ist in der Krise fast zum gleichberechtigten Spieler neben Merkel geworden. Fein stimmt er sich dabei mit der Deutschen ab. Wenn sie im Parlament keine Unterstützung für weitere Hilfen für Krisenstaaten bekommt, öffnet er die Schleusen der Bank, ohne aber gleich verheerende Fluten auszulösen. Ohne ihn könnte Merkel nicht mehr agieren.

Ihre Macht ist auch sonst nicht allgewaltig. Die Nationalstaaten Europas, auch die kleinen, sind überaus selbstbewusst. Die Kanzlerin muss überzeugen, kann nicht befehlen. Ihren griechischen Amtskollegen Antonis Samaras ließ sie sogar gewähren, als der den Staatsbankrott des Mittelmeerlandes riskierte, um selbst an die Macht zu kommen. Auch Italiens Premier Mario Monti konnte sich bei einem spektakulären Gipfel gegen die Kanzlerin durchsetzen, als er die Rettungsfonds zur Sanierung von Banken einsetzen wollte.

Die Grande Nation ist tief verunsichert

Schließlich muss die Deutsche auf das komplizierte Verhältnis zu Frankreich Rücksicht nehmen. Die Grande Nation ist tief verunsichert, ihre Wirtschaft liegt am Boden. Leicht könnten sich die Franzosen unter ihrem linken Präsidenten François Hollande zu den Anführern der Nehmerländer aufschwingen. Der deutsch-französische Motor wäre abgewürgt.

Die Kanzlerin weiß um die Begrenzung ihrer Macht und auch um die Ressentiments, die den Deutschen zunehmend entgegenschlagen. Vielleicht kommt ihr dabei zugute, dass sie keine deutsche Idee vom gemeinsamen Europa hat. "Ich muss bei meinen internationalen Begegnungen höllisch aufpassen, dass ich nicht übertuppt werde", hat sie einmal ihre Maxime beschrieben. Vielleicht ist es am Ende vor allem ihre Vorsicht, die sie so stark macht.

Hier geht es zur Bilderstrecke: November 2012: Kanzlerin Merkel zu Gast in Portugal

(RP/sap)