Sarajevo: Erste Volkszählung spaltet bosnischen Staat noch tiefer

Sarajevo: Erste Volkszählung spaltet bosnischen Staat noch tiefer

20 000 Staatsbeamte sind mit Formularen im ganzen Land unterwegs – bis 15. Oktober sollen alle Haushalte in Bosnien-Herzegowina registriert sein. Exakte Schätzungen gibt es nicht: Die letzte Volkszählung fand 1991 statt, also vor dem Krieg, der ein Jahr später ausbrach. Die aktuelle Einwohnerzahl wird grob auf 3,7 Millionen geschätzt, gegenüber 1991 rund 700 000 Bürger weniger. Der Krieg forderte 100 000 Tote, Hunderttausende flohen außer Landes.

In jedem anderen Staat ginge es bei einem Zensus um die Erhebung demografischer und wirtschaftlicher Daten, damit der Staat planen kann. In Bosnien geht es vor allem um die Frage: Gibt es überhaupt eine bosnische Nation?

Das Land ist seit dem Friedensvertrag von Dayton 1995 in zwei selbständige Teilstaaten getrennt – Bosniaken und Kroaten bilden eine Föderation, bosnische Serben bekamen ihre Republika Srpska. Die übergeordneten Bundesorgane sind praktisch lahmgelegt durch eine exzessiv praktizierte Veto-Politik.

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Laut Zensus 1991 lebten in Bosnien 43,7 Prozent Bosniaken (Muslime), 31,4 Prozent Serben (Orthodoxe) und 17,3 Prozent Kroaten (Katholiken). Diese Quoten dürften nach der neuen Zählung ganz anders aussehen – Ergebnisse werden im Januar erwartet – und neue ethnische Konflikte provozieren, weil dann politische Macht und Finanzen neu verteilt werden müssen. Es gibt kaum Einrichtungen, die nicht nach ethnischem Proporz besetzt sind.

Den stärksten Rückgang werden wohl die bosnischen Kroaten verzeichnen, ihr Anteil wird nur noch auf zehn Prozent geschätzt. Hauptursache ist die starke Abwanderung in die Mutterrepublik Kroatien. Nur eine Minderheit im Land sieht sich als Bosnier, für die ein einheitlicher Staat wichtig ist. Experten bezweifeln deshalb, ob die Daten der neuen Volkszählung zur Aussöhnung beitragen werden.

(RP)
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