Berlin: Ermittler auf der "Gorch Fock"

Berlin : Ermittler auf der "Gorch Fock"

Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) hat wegen einer angeblichen "Meuterei" nach einem tödlichen Unfall auf der "Gorch Fock" das Segelschulschiff umgehend in den nächstgelegenen Hafen nach Argentinien zurückbeordert. Dort soll es auf ein Ermittlerteam warten, mit dem die Bundeswehrführung Licht in die Verhältnisse an Bord bringen will. Nach Informationen unserer Zeitung werden auch Mitarbeiter des Wehrbeauftragten Hellmut Königshaus (FDP) dieser Aufklärungsgruppe angehören. Königshaus hatte die Nachforschungen ins Rollen gebracht.

Der Wehrbeauftragte wies im Gespräch mit unserer Zeitung Spekulationen um einen Aufstand an Bord zurück. "Es gab keine Meuterei", sagte Königshaus. Es hätten sich im November unter den Offizieranwärtern jedoch verschiedene Gruppen gebildet, die uneins darüber gewesen seien, wie die Ausbildung nach dem tödlichen Unfall einer Kameradin weitergehen solle. Die 25-jährige Sarah Lena Seele war in einem brasilianischen Hafen am 7. November aus der Takelage des Schiffes gestürzt und dabei zu Tode gekommen.

"Einige wollten danach selbst nicht mehr aufentern. Sie wollten nach dem schrecklichen Unfall jedenfalls nicht zur Tagesordnung übergehen", berichtete Königshaus. Als stellvertretend für diese Gruppe einige der Dienstälteren das den Vorgesetzten übermittelt hätten, sei das von der Schiffsführung als Meuterei empfunden worden. Diese Debatte sei eskaliert, als den Vertretern vorgeworfen worden war, die übrigen Offizieranwärter gegen die Schiffsführung aufwiegeln zu wollen.

In Berlin entwickelt sich eine Debatte um die Einhaltung der Sicherheitsbestimmungen. Königshaus will auch der Frage nachgehen, ob die Vorschriften ausreichende Sicherungsregeln enthalten oder gegebenenfalls ergänzt werden müssen. Zudem frage er sich generell, ob im Hochtechnologie-Zeitalter angehende Offiziere in die Takelage eines Schulschiffes geschickt werden müssen.

"Es ist mir sehr plausibel dargestellt worden, dass es auf hoher See bestimmte Herausforderungen gibt, die zu beherrschen man auf einem Schulschiff dieser Art besonders gut lernen kann", sagte Königshaus. Auch SPD-Verteidigungspolitiker Rainer Arnold hatte gegenüber unserer Zeitung "kein Problem damit, dass Soldaten an ihre Grenzen gehen". Die Ausbildung auf dem Segelschulschiff sei "identitätsstiftend für die Marine und deren inneres Gefüge" – allerdings dürfte das Hochklettern nur freiwillig erfolgen. Nach Informationen des Wehrbeauftragten sahen sich jedoch Soldaten dazu gezwungen, weil man ihnen gedroht hatte, sonst nicht Offizier werden zu können. "Die ,Gorch Fock' ist nicht das Problem, es geht darum, was an Bord geschieht", betonte Grünen-Wehrexperte Omid Nouripour. "Eine Ausbildung, die möglicherweise dazu führt, dass Kommandanten Matrosen den Mast hoch schreien, hat nichts mit einer modernen Marine zu tun", sagte Nouripour unserer Zeitung.

Den neuerlichen Todesfall nahmen die Eltern der 2008 tödlich verunglückten Jenny Böken aus Geilenkirchen zum Anlass, auch für die Todesumstände ihrer Tochter eine neue Untersuchung zu verlangen. Die 18-Jährige war ebenfalls mit der "Gorch Fock" unterwegs gewesen und ertrunken aus der Nordsee geborgen worden. Sechs Tote habe es in den letzten zwölf Jahren bei der "Gorch Fock" gegeben, beklagte Marlis Böken.

Wegen unzureichender Informationen auch über weitere Vorfälle geriet der Verteidigungsminister zunehmend in die Kritik.

(RP)
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