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Washington: Entsetzen über Video mit US-Soldaten

Washington : Entsetzen über Video mit US-Soldaten

Ein 40-Sekunden-Film aus Afghanistan nährt den Verdacht, dass amerikanische Soldaten am Hindukusch alle moralischen Werte vergessen. Die Regierungen in Kabul und Washington zeigten sich schockiert. Die US-Armee begann sofort mit Ermittlungen.

Nur 40 Sekunden dauert der schockierende Film. Er zeigt vier Marine-Infanteristen, die auf die Leichen von drei Männern urinieren, vermutlich getötete Taliban, während sie lachen und Witze machen. "Hab noch einen schönen Tag, Kumpel", spottet einer mit künstlich hoher Stimme. Ein anderer ruft: "Goldig, wie eine Dusche". Das langgezogene "Yeaaah" eines Dritten hört sich an, als spiele er wohlige Erleichterung, weil er endlich Wasser lassen kann.

Am Mittwoch kursierte das Video erstmals im Internet, versehen mit dem Hinweis eines anonymen Absenders. Demnach soll es sich bei dem uniformierten Quartett um Scharfschützen des dritten Bataillons der 2. Marineinfanterie-Division handeln. Kaserniert in Camp Lejeune im Bundesstaat North Carolina, war die Einheit nach vorläufigen Informationen bis August 2011 am Hindukusch im Einsatz, bevor sie turnusmäßig zurückbeordert wurde. Noch bevor die Echtheit des Videos endgültig erwiesen ist, begann die aus der gleichnamigen Fernsehserie bekannte Strafverfolgungsbehörde der Marine Navy CIS, mit Ermittlungen.

Verteidigungsminister Leon Panetta sprach von zutiefst verstörenden Aufnahmen. Er habe angeordnet, der Sache unverzüglich auf den Grund zu gehen und die Schuldigen zur Rechenschaft zu ziehen. Ihm habe sich der Magen umgedreht, als er die Aufnahmen zum ersten Mal sah, fügte Pentagon-Sprecher John Kirby hinzu.

Der Rat für islamisch-amerikanische Beziehungen, eine Bürgerrechtsinitiative amerikanischer Muslime, machte seinem Ärger in einem Protestschreiben an Panetta Luft. Die Leichenschändung verstoße gegen sämtliche Regeln, nationale wie internationale, die derart "ekelhafte und unmoralische" Handlungen verbieten. Der afghanische Präsident Hamid Karsai sprach von einem "völlig unmenschlichen" Akt. Das Kommando der internationalen Truppen in Afghanistan (Isaf) erklärte: "Dieser respektlose Akt ist unerklärlich und unvereinbar mit den hohen moralischen Standards, die wir von den Koalitionsstreitkräften erwarten."

Nach Recherchen des US-Senders NBC News steht zweifelsfrei fest, dass die vier Soldaten einem vorübergehend von Camp Lejeune nach Südafghanistan verlegten Truppenteil angehörten. Sie seien bereits identifiziert, allerdings zögere man noch, ihre Namen bekanntzugeben.

Politisch kommt der Skandal höchst ungelegen. Seit Monaten knüpft das Kabinett von Präsident Barack Obamas geheime Gesprächsfäden zu gemäßigten Taliban, bahnt es im Stillen einen Dialog an, der allmählich offiziellen Charakter bekommen soll. Das Weiße Haus will den Spielraum für einen Friedenskompromiss ausloten und den angepeilten Truppenabzug, bisher vage für 2014 geplant, möglichst beschleunigen.

Deshalb bricht Marc Grossman, Obamas Sondergesandter für Afghanistan und Pakistan, am Wochenende zu einem Sondierungstrip in die Krisenregion auf. Die Taliban, sieht Grossmans Plan vor, sollen demnächst im Golfstaat Katar ein Büro einrichten, das als Anlaufstelle für spätere Pendeldiplomatie genutzt werden kann.

Ob die – offensichtlich von Kameraden der Täter mit der Kamera festgehaltene – Leichensschändung die Bemühungen des Emissärs stört oder gar durchkreuzt, bleibt abzuwarten. Folgt man den Worten eines Taliban-Sprechers, sieht es eher nicht danach aus. Da es sich nicht um eine politische Angelegenheit handele, so Zabihullah Mujahid, würden die Gespräche auch keinen Schaden nehmen, zumal sie sich ohnehin nur in einem Frühstadium befänden.

Es ist nicht der erste Skandal um Leichenschändung durch ausländische Soldaten in Afghanistan. Zuletzt machten im August Vorwürfe Schlagzeilen, dass ein britischer Soldat getöteten Taliban Finger abgeschnitten und diese als Souvenir behalten haben soll. Auch Bundeswehrsoldaten hatten vor einigen Jahren mit einem Totenkopf vor Kameras posiert. Britische Medien berichteten jüngst, dass britischen Soldaten "Tötungs-Clips" mit Jagdszenen auf Afghanen gezeigt werden, um sie zu desensibilisieren.

In den USA allerdings dürfte eine alte Debatte neue Nahrung bekommen: die Diskussion über die Brutalisierung der eigenen Truppe, wie sie mit den Kriegen in Irak und Afghanistan einherging. Eines der Symbole dafür ist der irakische Kapuzenmann, Elektrodrähte an den Fingerkuppen, gepeinigt von seinen Aufpassern im Gefängnis von Abu Ghraib, dem Foltergefängnis in Bagdad.

Vor einem Jahr ging der Fall des "Kill Teams" um die Welt, eine Verbrechensserie in Südafghanistan. Dort machte eine Gruppe von fünf Soldaten der 5. Stryker Brigade, offenbar aus reiner Mordlust, Jagd auf unschuldige Zivilisten. Anschließend ließen sich die GIs mit ihren Opfern fotografieren, wie Großwildjäger neben ihren Trophäen.

(RP)