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Berlin: Ende eines Attentäters

Berlin : Ende eines Attentäters

Vier Tage nach dem Terroranschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt konnte der mutmaßliche Täter ungehindert nach Italien reisen.

Große Tücher und Rettungsdecken reflektieren das flackernde Blaulicht auf dem Platz des 1. Mai der norditalienischen Stadt Sesto San Giovanni. Sie sollen an diesem frühen Freitagmorgen unweit des kleinen Bahnhofes einen Leichnam vor neugierigen Blicken schützen, den die Behörden bald identifizieren werden als "il killer di Berlino", als den europaweit mit Hochdruck gesuchten mutmaßlichen Mörder vom Berliner Weihnachtsmarkt.

Knapp 96 Stunden, nachdem der 24-jährige Tunesier Anis Amri am Berliner Breitscheidplatz mutmaßlich mit einem gekaperten Truck elf Weihnachtsmarktbesucher und den Fahrer tötete und 53 Menschen verletzte, ist er selbst tot. "Ohne zu zögern" habe er gegen 3.30 Uhr das Feuer auf zwei Polizisten eröffnet, schildert Marco Minniti, gerade frisch ins Amt des italienischen Innenministers gekommen. Der Neuling verkündet den Erfolg mit überschwänglichem Lob für einen anderen Neuling. Der junge Beamte Luca S. war noch Polizist auf Probe, als sein Kollege Amris Papiere sehen wollte, der Angesprochene eine Waffe aus seinem Rucksack zog und den Beamten an der Schulter verletzte. S. erschoss den Täter daraufhin.

Hat Amri "Allahu Akbar" gerufen, bevor oder während er den Abzug betätigte? Einige Medien melden das. Andere widersprechen. So unübersichtlich beginnt schon der Weg des jungen Tunesiers durch Europa. Fest steht, dass er 2011 mit einem Flüchtlingsboot über das Meer nach Lampedusa kam. Unklar ist, ob er dort dann im September eine Flüchtlingsunterkunft in Brand gesteckt habe. Andere recherchieren, dass er da schon weiter gereist und eine Schule angezündet haben soll. Klar ist, dass er für vier Jahre in Haft muss.

Saß er dort mit arabischen Islamisten zusammen und ließ sich ebenfalls radikalisieren? So wird es in italienischen Medien beschrieben. Andere verweisen darauf, dass er schon in seiner Heimat Sizilien einen Lkw gestohlen und vor einer Strafe wegen Raubes das Land verlassen habe. Wieder andere schildern, die Radikalisierung sei erst in Deutschland erfolgt.

Dahin kam er jedenfalls, obwohl die italienischen Behörden die Kriminalität und Identität Amris in das zentrale Schengen-Informationssystem eingegeben haben wollen. Darauf greifen auch die deutschen Behörden zu, um zu klären, wer denn da um Schutz bittet. Am 30. Juli 2015 ist es Amri, und zwar in Freiburg. Aber nicht als er selbst, sondern als junger Ägypter.

Zu diesem Zeitpunkt ist er erst wenige Wochen wieder auf freiem Fuß. Vom Gefängnis in Palermo hat ihn die italienische Justiz in die Abschiebezentrale von Caltanissetta gebracht. Doch Tunesien weigert sich, Amri zurückzunehmen. Keine Papiere. Von Italien bekommt er ein Dokument, wonach er das Land umgehend zu verlassen hat. Das tut er. Als "Flüchtling". Nach Deutschland.

Er trägt seinen Teil zur immer chaotischeren Situation im Sommer und Herbst 2015 bei, indem er mit mindestens sechs, vielleicht auch acht oder mehr Namen unterwegs ist. Etwa in Oberhausen. Oder in Kleve. Dann aktenkundig vor allem in Emmerich, wo er in einer Flüchtlingsunterkunft gemeldet ist und einen Asylantrag stellt. "Offensichtlich unbegründet", entscheidet die Behörde bereits im Juni.

Zwei Monate später greifen ihn Polizisten in einem Reisebus bei Friedrichshafen auf. Seine Papiere sind gefälscht. Weil er ausreisepflichtig ist, kommt er in Abschiebehaft in Ravensburg. Aber wieder weigert sich Tunesien. Die Klever Behörden bewirken seine Freilassung. Amri gibt an, nun in Karlsruhe zu wohnen. Es gibt tatsächlich Bilder, die ihn dort zeigen. Aber die Behörden finden ihn nicht.

Inzwischen haben das LKA und der Verfassungsschutz Amri in Berlin auf dem Schirm: Angeblich hat er Kontakt zum mutmaßlichen IS-Anwerber Abu Waala, offenbar ist er auf der Suche nach einer Waffe und nach Komplizen, mit denen er einen Anschlag unternehmen will. Er wird abgehört. Dabei entdecken die Observierer seine ausgeprägte kriminelle Seite. Als Drogenhändler und Kneipenschläger. Doch ist er auch Dschihadist? Es gibt zu dieser Zeit keine Belege, aus rechtlichen Gründen endet damit die Überwachung. Amri taucht ab.

Der Berliner Stadtteil Moabit scheint dabei eine Rolle zu spielen. Hier steht der Lkw, bis er Montag Abend in den Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche rast. Hier ist eine Moschee, die als IS-Anlaufpunkt gilt. Der Mann, der vor und nach dem Anschlag hier gefilmt wird, ist entgegen ersten Meldungen nicht Amid. Aber das Video, das der IS nach dem Tod Amris ins Netz stellt, scheint in Moabit aufgenommen worden zu sein.

Doch wie kam er unbehelligt nach Mailand? Die Alarmglocken läuten, als am Donnerstag von NRW aus jemand auf eines von Amris sieben Facebook-Profilen zugreift, das Konto danach gelöscht wird. Von Amri? Von Köln geht es womöglich per Bahn schnell nach Frankreich. Jedenfalls finden sich in seinem Rucksack Hinweise, wonach er vor allem Nahverkehrszüge gewählt haben könnte. Von Chambéry über Turin nach Mailand. Ankunft dort Freitag, ein Uhr. Von dort geht die U-Bahn nach Sesto San Giovanni. Das passt. Aber vieles bleibt zu klären. Amri wird daran nicht mehr mitwirken.

(RP)