Regierungsparteien einhellig empört: Empörung über Steinbrücks "Stinkefinger"

Regierungsparteien einhellig empört : Empörung über Steinbrücks "Stinkefinger"

SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück hat mit einer Geste die nächste Debatte über seine Person losgetreten.

Wie ein Lauffeuer breitete sich gestern am frühen Abend das Foto von SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück in sozialen Netzwerken und auf Nachrichten-Plattformen im Internet aus. Zu sehen ist der Mann, der nächste Woche die Bundestagswahl gewinnen will, mit gerecktem Zeigefinger. Eindeutiger geht's nicht.

Unter der Rubrik "Sagen Sie jetzt nichts" des Magazins der "Süddeutschen Zeitung" werden regelmäßig Prominente gebeten, ein Interview nur mit Gesten zu geben. Auf die Frage, "Pannen-Peer, Problem-Peer, Peerlusconi — um nette Spitznamen müssen Sie sich keine Sorgen machen, oder?" zeigte Steinbrück den Stinkefinger.

Wie auch bei Wortlaut-Interviews von Spitzenpolitikern üblich, bekam Steinbrück die Gelegenheit, die Fotos freizugeben. In einem Blog des "SZ-Magazins" heißt es, Steinbrücks Sprecher Rolf Kleine habe das Foto verhindern wollen, Steinbrück selbst soll aber gesagt haben: "Nein, das ist okay so." Eine Bestätigung dafür war gestern Abend von der SPD nicht mehr zu erhalten. Vielmehr verteidigte Steinbrücks Sprecher auf "Spiegel Online" das Foto, nachdem es nun erscheint. "Ich sehe in dem Foto keine Schwierigkeit. Warum sollte ich eine Schwierigkeit sehen?"

Auch Steinbrück verteidigte am Rande einer Wahlkampfveranstaltung in München die Geste: "Da werden einem Fragen gestellt, die man übersetzt in Gebärden, in Grimassen, in Emotionen", sagte er. "Das schauspielert man dann. Und ich hoffe, dass die Republik auch den Humor hat, diese Grimassen und diese Gebärdensprache bezogen auf die Fragen richtig zu verstehen."

Tatsächlich dürfte sich der Kanzlerkandidat wohl bis zur Bundestagswahl noch jede Menge Fragen zu seinem nonverbalen Kraftausdruck anhören müssen. Die Regierungsparteien zeigten sich einhellig empört. "Erst die Kavallerie, dann die Clowns, jetzt der Stinkefinger. Da verwechselt jemand das Kanzleramt mit dem Kasperletheater. Peinlich, peinlich, peinlich", sagte CDU-Gesundheitsexperte Jens Spahn. Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) schrieb auf Twitter: "Das kann doch wohl nicht Stil eines Bundeskanzlers sein." Die Geste verbiete sich als Kanzlerkandidat, erklärte Liberalen-Chef und Vizekanzler Philipp Rösler.

Steinbrücks Wahlkampf war in den ersten Monaten von einer Pannen-Serie geprägt. In einer "Sturzgeburt", wie er es selbst beschrieb, war er zum Kanzlerkandidaten ausgerufen worden, nachdem Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier ausgeplaudert hatte, dass er nicht Kanzlerkandidat werden wolle. Es schlossen sich die Debatten um seine Vortragshonorare, die Höhe des Kanzlergehalts, die Kosten von Weißwein und seine Bezeichnung "Clowns" für italienische Politiker an. Steinbrück musste viel einstecken, in Teilen auch überzogene Kritik. Am 16. Juni beim Parteikonvent zeigte er im Gespräch mit seiner Frau Emotionen. Er brach in Tränen aus, als sie ihm offensiv den Rücken stärkte und erklärte, wer ein so schönes Leben aufgebe, wie Steinbrück es hatte, um Kanzler zu werden, der müsse etwas wollen.

Anschließend lief es für den Kanzlerkandidaten runder. Seit dem TV-Duell, in dem Steinbrück leicht besser abgeschnitten hatte als die Kanzlerin und in dem er den Analysen nach vor allem unentschlossene Wähler hatte auf seine Seite ziehen können, verspürte die SPD sogar leichten Aufwind in den Umfragen. Die Wahlarena in dieser Woche schlug für Steinbrück positiv zu Buche. Auch die vielen negativen Berichte über ihn hatten nachgelassen. Daher schlug die Vorabveröffentlichung des "SZ-Magazins" gestern krachend ein. Zuletzt hatte Steinbrück sich im Gegensatz zu Kanzlerin Angela Merkel als Rock'n'Roller der Politik inszeniert. SPD-Chef Sigmar Gabriel nannte ihn nach dem TV-Duell "coole Sau".

(qua)
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