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Düsseldorf/Zahlé: Ein Volk auf der Flucht

Düsseldorf/Zahlé : Ein Volk auf der Flucht

Millionen Syrer hausen seit Jahren in Lagern jenseits der Grenzen. Ihre Situation ist kritisch wie nie - und trifft vor allem den Libanon.

Flüchtlingskinder durchwühlen Mülltonnen oder bieten sich auf der Straße als billige Schwarzarbeiter an. "Ob in der Hauptstadt Beirut oder hier in Zahlé im Bekaa-Tal nahe der syrischen Grenze - das Elend ist sichtbar", sagt Steffi Gentner, die im Libanon für die deutsche Hilfsorganisation "Humedica" die medizinische Betreuung von Kriegsflüchtlingen organisiert. Die Lage im Land wird sich erheblich verschärfen, nachdem das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen aus Geldmangel erneut seine Unterstützung zurückfahren musste.

Die elektronischen Lebensmittelkarten, die an die registrierten Flüchtlinge ausgegeben worden sind, werden nur noch mit zwölf Euro pro Monat geladen, umgerechnet 40 Cent pro Tag. Das ist zu wenig für eine gesunde, mengenmäßig ausreichende Ernährung. Der von Regierungszuwendungen und Spenden abhängigen Organisation fehlen unmittelbar 125 Millionen Euro, um rund sechs Millionen Bürgerkriegsflüchtlinge aus Syrien mit Essen zu versorgen. In Jordanien läuft deshalb die Hilfe für 440 000 Menschen im August sogar komplett aus, wenn keine Spendengelder eingehen.

Die Zahlen sind zutiefst verstörend: Allein vier Millionen Syrien-Flüchtlinge leben in den Nachbarländern Jordanien, dem Libanon, dem Irak und der Türkei. Weitere 7,6 Millionen seien innerhalb Syriens auf der Flucht, berichten die Vereinten Nationen. Vor dem Bürgerkrieg hatte Syrien knapp 21 Millionen Einwohner.

Wie viele Verzweifelte sich in den Libanon gerettet haben, ist unklar: 1,2 Millionen Flüchtlinge haben sich offiziell registrieren lassen, die Dunkelziffer könnte noch einmal Hunderttausende umfassen - auf jeden Fall viel zu viele Menschen für den Libanon und seine nur vier Millionen Einwohner. Staat und Gesellschaft geraten zunehmend aus den Fugen, auch der Wohnraum wird knapp und teuer.

Die Größenordnung der Katastrophe verstellt den Blick auf die tragischen Einzelschicksale: in der Fremde gestrandete und zerrissene Familien, Kinder, die im Zeltlager zur Welt gekommen sind und von einer heilen Welt nur träumen können, Alte und Schwache, die keine Kraft mehr haben und still sterben - auf der Flucht entweder vor den Schergen des Assad-Regimes oder blutrünstigen Terrormilizen wie dem "Islamischen Staat".

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"Es gibt große gemeinsame Bemühungen von nationaler und internationaler Seite, den syrischen Kindern eine Schulbildung zu vermitteln", berichtet Gentner. Jedoch werden bisher trotzdem nur 25 Prozent der Flüchtlingskinder in zwei Schichten in öffentlichen libanesischen Schulen unterrichtet, wobei problematisch ist, dass syrische Kinder es gewohnt sind, auf Arabisch unterrichtet zu werden und Einheimische in Französisch oder Englisch. Viele Flüchtlingskinder gehen wegen der Probleme des Welternährungsprogramms inzwischen nicht mehr zur Schule - ihre Eltern bieten sie unter anderem den Bauern als Feldarbeiter an, um zusätzliches Geld für Lebensmittel zu bekommen. Nach UN-Angaben sind davon in den Anrainerstaaten Syriens insgesamt 750 000 Flüchtlingskinder betroffen.

Große Lager wie in den Nachbarstaaten sieht man im Libanon nicht. Die Syrer werden vom Staat nur geduldet und zelten daher auf Äckern, die sie von Bauern gemietet haben. 1124 dieser Camps gibt es im Bekaa-Tal. Das Humedica-Projekt in Zahlé kostet in diesem Jahr rund 450 000 Euro und wird vom Auswärtigen Amt finanziert. Die mobilen Ärzte-Teams ziehen von Zeltdorf zu Zeltdorf und bieten Sprechstunden an - bis zu 160 Patienten werden pro Tag behandelt, berichtet ein Mitarbeiter, während er in Dschedita in Zeltsiedlung Nummer 38 die Wartenden einteilt.

Hier bekommen die anonymen Flüchtlingsmassen Gesichter: Da ist der vierjährige Abdala, der - wie so viele Kinder im Lager - Hepatitis A hat, eine Lebererkrankung, die durch verunreinigtes Trinkwasser verursacht wird. Liebevoll kümmert sich die einheimische Humedica-Ärztin Natalie auch um den zwölfjährigen Ahmad, der über eine Pilzerkrankung der Haut klagt. Einen Klapptisch weiter teilt die Apothekerin Iman Salben und Tabletten aus.

"Jahreszeitbedingt behandeln wir vor allem Krankheiten, die mit verunreinigtem Wasser zu tun haben, zum Beispiel Hautausschläge", berichtet Steffi Gentner. Die Müllentsorgung in den Zeltlagern werde immer kritischer, eine Kanalisation gibt es nicht. Mehr als die Hälfte der Einrichtungen sei inzwischen gefährlich verdreckt.

Mehr als 50 000 Patienten haben die fünfköpfigen Humedica-Teams bereits behandelt. Die Helfer eint die Sorge, dass die Welt die neue Katastrophe gar nicht wahrnimmt. "Das Geld fehlt vorne und hinten", sagt die Humedica-Koordinatorin: "Bis Ende Juni sind nur 21 Prozent der benötigten Spenden für 2015 eingegangen." Auch im fünften Jahr der Krise, in dem Nothilfeprogramme auf Entwicklungsprogramme umschwenken, müsse noch viel humanitäre Hilfe geleistet werden.

Lange war die Grenze zu Syrien offen, 10 000 Übertritte pro Woche wurden registriert. Seit Januar reguliert der Libanon den Zugang, um den Flüchtlingsstrom einzudämmen, so dass nur noch rund 3000 Menschen pro Woche einreisen. Doch die bange Frage bleibt, ob der Staat stabil genug bleibt, den Wirren im Nahen Osten zu trotzen.

Nicht nur die Flüchtlinge sitzen deshalb auf gepackten Koffern. Die libanesischen Bürger fühlen sich seit Langem umzingelt. Die Ungewissheit ist in fast jedem Gespräch spürbar. Die Zahl der Libanesen mit einer zweiten Staatsbürgerschaft hat sich durch den Syrien-Konflikt verdoppelt. Inzwischen sollen bereits mehr Libanesen im Ausland leben als in der Heimat.

(RP)