Düsseldorf: Ein Treffen 36 Jahre nach dem Schleyer-Mord

Düsseldorf : Ein Treffen 36 Jahre nach dem Schleyer-Mord

Ex-Kanzler Helmut Schmidt und der Sohn des von der RAF ermordeten Hanns-Martin Schleyer sprachen sich aus.

Helmut Schmidt und Hanns-Eberhard Schleyer im Gespräch an einem Tisch. Welch ein Bild. Welch eine Unterhaltung im Magazin der "Süddeutschen Zeitung". Welch eine atmosphärische Aufladung durch Gefühle von Tragik, unentrinnbarer Schuld, Verantwortung für den Staat einerseits, den eigenen Vater andererseits, durch Gefühle (bei Schleyer) allmählicher Vergebung und dem Wissen (auch bei Schleyer), dass die Zeit selbst tiefe Wunden heilt.

Was bleibt, sind Narben. Bei Hanns-Eberhard Schleyer (68) fallen die Narben mehr auf als bei Schmidt (94), der manchmal karg und lakonisch wirkt. Denken lässt sich, dass der wache Greis es immer schon besser verstanden hat als andere, Emotionen wenn irgend möglich zu kontrollieren.

Hanns-Eberhard Schleyer gibt sich damit keine Mühe, warum auch. Schließlich war sein Vater Hanns-Martin Schleyer am 18. oder 19. Oktober 1977 von seinen Entführern mit drei Schüssen in den Hinterkopf ermordet worden, weil eben dieser Schmidt als damaliger Bundeskanzler der Staatsnötigung durch die Rote-Armee-Fraktion (RAF) und palästinensische Flugzeug-Entführer eisern — Schleyers Familie dachte: unmenschlich — widerstanden hatte.

Auszug aus dem Dialog: Schleyer: "Ich glaube, dass unser Staat nicht schwächer, sondern stärker geworden wäre, wenn er 1977 anders gehandelt und den Forderungen der Terroristen nachgegeben hätte." Schmidt: "Ihr Standpunkt, Herr Schleyer, ist für mich sehr sympathisch, aber ich kann ihn nicht teilen." Frage an Schmidt: "Würden Sie im Rückblick wieder genauso handeln?" Antwort: "Ich würde wahrscheinlich genauso handeln."

Zur Erinnerung: Nachdem Hanns-Martin Schleyer, der hoch gefährdete Präsident der deutschen Arbeitgeberverbände, am 5. September 1977 in Köln nach einem Massaker an seinem Chauffeur und drei Personenschützern an einen unbekannten Ort verschleppt worden war, lautete die Forderung der RAF-Kidnapper: Freilassung inhaftierter, zu lebenslanger Haft verurteilter Genossinnen und Genossen; im Gegenzug Freilassung des entführten Schleyer. Vom 13. bis 18. Oktober dann eine bis dato in der Bonner Republik nicht gekannte Verbrechens-Eskalation: Vier arabische Terroristen entführten den Lufthansa-Jet "Landshut" mit 86 Passagieren und sechs Crew-Mitgliedern und erhöhten so den Druck auf Schmidt und dessen Großen Krisenstab, zu dem unter anderem auch der damalige CDU/CSU-Oppositionsführer Helmut Kohl gehörte. Auf dem Flughafen in Mogadischu (Somalia) wurden die Geiseln von der Eliteeinheit GSG 9 des Bundesgrenzschutzes befreit. Der Erpressungsversuch gegen den Staat war endgültig gescheitert. Drei RAF-Verbrecher nahmen sich im Gefängnis das Leben, und Hanns-Martin Schleyer wurde ermordet, im Jargon seiner bis heute nicht identifizierten Mörder: "hingerichtet".

Weiterer Auszug aus dem Gespräch zwischen Schmidt und dem Sohn des Ermordeten: Frage an Schmidt: "Wann war Ihnen klar, dass es keine Hoffnung mehr gibt, Herrn Schleyers Vater zu retten?" Antwort: "Von dem Augenblick an, als das Flugzeug entführt worden war, waren die 87 Personen (es waren 92, nach der Ermordung des Piloten 91, d. Red.) an Bord wichtiger als die eine Person." Schleyer: "Mir zeigte es: Das Schicksals meines Vaters war nicht mehr oberste Priorität Ihrer Regierung."

Schmidt zu Schleyer: "Haben Sie mitbekommen, dass ich später in einer Rede davon sprach, eine Mitschuld am Tode Ihres Vaters zu haben?" Schleyer: "Ja, das habe ich. Das hat mir Respekt abgenötigt, ein Trost war es nicht." Weiter: "Herr Schleyer, was hat Sie dazu bewogen, Herrn Schmidt Anfang dieses Jahres den Hanns-.Martin-Schleyer-Preis zu verleihen?" Schleyer: "Ich habe gemerkt, wie sehr Sie der Tod meines Vaters über die Jahre und Jahrzehnte umtreibt. Solange meine Mutter gelebt hat, wäre der Preis unmöglich gewesen." Schmidt: "Das Verhalten Ihrer Mutter war in meinen Augen völlig in Ordnung. Es hat mich schon sehr erleichtert, nicht mit dem Bewusstsein leben zu müssen, dass die Familie Schleyer mir die damaligen Entscheidungen übelnimmt." Weiter: "Herr Schmidt, Sie haben damals Ihren Krisenstab angewiesen, auch exotische Vorschläge zu diskutieren. Gehörte Folter dazu?" Schmidt: "Ich will mich dazu nicht äußern." Strauß (CSU-Chef, d.Red.) soll vorgeschlagen haben, RAF-.Häftlinge zu erschießen." Schmidt: "Ich will das nicht bestätigen." Schmidt weiter: "Helmut Kohl hat damals angeboten, sich als Geisel austauschen zu lassen." Frage: "Tatsächlich? Ein sehr ehrenhaftes Ansinnen, oder?" Schmidt: "Nicht ehrenhaft, es war verrückt — eine Schnapsidee." —

Zum Schluss etwas zum Schmunzeln: Das SZ-Magazin schreibt, dass Schleyers 14-jährige Tochter beim Gespräch dabei war. Sie habe sich schon nach der Hälfte des dreistündigen Treffens als einzige Nichtraucherin die Augen reiben müssen: "Da erbarmte sich endlich jemand und machte das Fenster auf."

(RP)