Analyse Ein neuer Blick auf die Armut

Berlin · Für die Ökonomin Esther Duflo sind weder politische Systeme noch gesellschaftliche Eliten verantwortlich für Armut. Dahinter stünden "Abertausende von Problemen". Mit Eiern und Bananen fängt alles an, sagt Duflo.

Wenn die französisch-amerikanische Ökonomin Esther Duflo gefragt wird, wie viel ein Mensch zum Leben braucht, sagt sie, sehr wenig. Und präzisiert es dann: 30 US-Cent am Tag. Was die renommierte Armutsforscherin mit ihrem Partner Abhijit Banerjee ausrechnete, bezog sich "unglücklicherweise", wie sie selbst im Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" sagt, auf eine Ernährung ausschließlich durch Eier und Bananen. Zudem müsse man zum Beispiel in einem warmen Land wie den Philippinen leben und eine Unterkunft haben, für die man nicht zahlen müsse.

Duflo stellt nicht nur die Armutsschwelle nach unten infrage, sondern auch die Gefühlslage darüber hinaus. Es werde natürlich viel teurer, wenn man nicht nur von Eiern und Bananen leben wolle. Und vielleicht nicht in einem Zelt, sondern in einem richtigen Haus. "Das heißt aber noch lange nicht, dass man dann nicht mehr arm ist", lautet ihre Einschränkung.

Nach vielen Jahren der Feldforschung stellt sie zudem gebräuchliche Erklärungsmuster der Armut infrage. Verantwortlich für Armut ist nach ihrer Überzeugung - niemand. "Keine Person, kein System." Schuld an der Armut trügen weder Kapitalismus noch Sozialismus und auch nicht die Eliten eines Landes. "Ich sehe Armut nicht als ein einzelnes Problem, sondern als Tausende, Abertausende von Problemen, die zusammenhängen und sich manchmal sogar gegenseitig verstärken." Etwa nach dem Entwicklungsländer-Muster, dass Arme tendenziell viele Kinder bekämen, was dazu führe, dass sie schlechter ausgebildet seien, was darauf hinauslaufe, dass sie weniger verdienten.

Um mehr über die wahren Ursachen der Armut zu erfahren, unternahmen Duflo und Banerjee Experimente mit Kontrollgruppen, wie sie in der Medizin schon lange üblich sind. So fanden die Forscher zum Beispiel heraus, dass Mikrokredite im Kampf gegen die Armut nur bedingt helfen - und dass energiesparende Kochherde extrem simpel zu bedienen sein müssen, damit die Armen sie auch nutzen. Als die Studie fertig war, hatte die "Global Alliance for Clean Cookstoves" aber leider schon Hunderttausende von schwierig zu bedienenden Öfen verteilt.

Die Idee der Mikrokredite kam in den 90er Jahren groß in Mode. Auch die Ärmsten sollten zinsgünstiger Kleinstkredite bekommen, um damit ein eigenes Geschäft aufzuziehen. Ihr Erfinder, der aus Bangladesch stammende Ökonom Muhammad Yunus, bekam dafür 2006 sogar den Friedensnobelpreis. Doch Duflo und andere Forscher entlarvten das Mikrokredit-Business bald als Geschäftsmodell, das nur selten den Armen, meistens hingegen der Finanzindustrie und ihren Investoren nutzt. Denn zu kurze Kreditlaufzeiten der Mikrokredite nötigen die Schuldner allzu häufig, sich bei lokalen Kreditgebern erneut Geld zu leihen, um ihren Zahlungsverpflichtungen nachzukommen. Dadurch wird nicht selten eine Verschuldungsspirale in Gang gesetzt.

Das Phänomen Armut hängt nach Überzeugung vieler Ökonomen stark von der politischen Verfasstheit eines Staates ab. Also davon, ob in diesem Land skrupellose Machthaber große Teile ihrer Bevölkerung versklaven, ob Geschäfte nur dank korrupter Eliten möglich sind, ob es eine Rechtsstaatlichkeit, ein funktionierendes Bildungs- oder Sozialsystem gibt. Armutsbekämpfung ist danach also vor allem auch eine Frage der Qualität der staatlichen und politischen Institutionen.

Der Zugang zu Bildung entscheidet wesentlich darüber, ob der Weg aus der Armut gelingt. Hier muss die Armutsforschung gar nicht zwischen entwickelten und weniger entwickelten Ländern unterscheiden, denn die Aussage gilt für beide. Deutschland schneidet im Industrieländer-Vergleich der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) regelmäßig nicht besonders gut ab, wenn es darum geht, die Aufstiegsmöglichkeiten durch Bildung zu vergleichen. Kinder aus bildungsfernen Familien schaffen es hierzulande noch viel seltener als in anderen Ländern ans Gymnasium und ins Studium als Mitschüler aus dem Bildungsbürgertum.

Die OECD zeichnet in ihren Studien oft das Bild einer saturierten Nation, die sich um noch mehr Chancengleichheit nicht besonders bemüht: 20 Prozent der Deutschen zwischen 25 und 34 Jahren erwerben einen Bildungsabschluss, der höher ist als der ihrer Eltern, aber 22 Prozent bleiben hinter dem zurück, was Papa oder Mama vorgelegt haben. Damit überwiegt die Abwärtsmobilität, ein Trend, der international sehr selten ist, wie die OECD warnt.

Kritisch bewertet die OECD den hohen Anteil an Teilzeit-Jobs, befristeten Beschäftigungen oder selbstständiger Arbeit. Eine solche sogenannte atypische Beschäftigung übten im Jahr 2013 in Deutschland fast 40 Prozent aller Beschäftigten aus. Sie verdienen demnach deutlich weniger als Normalbeschäftigte. Besonders oft haben Frauen eine atypische Beschäftigung, weshalb sie auch häufiger armutsgefährdet sind.

Wenn sie an die drängendsten Probleme der Zukunft denkt, fällt Duflo als erstes der Umweltschutz ein. Die Zerstörung der Natur gehe in Entwicklungsländern schnell voran, gerade wenn sie ein wenig an Wohlstand gewönnen. "Der Klimawandel wird das Leben der Ärmsten sehr viel stärker beeinflussen als das der anderen", unterstreicht die Ökonomin.

Sie glaubt daran, dass schon in den nächsten Jahren niemand mehr unter der bisherigen Armutsgrenze von 1,25 Dollar leben muss. Dann werde die neue Armutslinie eben bei zwei Dollar liegen. Allerdings sei es genauso wenig annehmbar, von zwei Dollar zu leben, wie von 1,25 Dollar. Duflo ist sich sicher: "Armut wird uns immer begleiten."

(may- / mar)