Frankreich in Solidarität vereint: Ein Marsch für die Geschichtsbücher

Frankreich in Solidarität vereint : Ein Marsch für die Geschichtsbücher

Mehr als 50 Staats- und Regierungschefs schlossen sich den Demonstranten an, darunter auch Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Françoise sitzt auf einem Fahrradständer am Rande des Platzes der Republik. Die weißhaarige Pariserin ist tief gerührt beim Blick auf das Menschenmeer, das sich dort am Sonntagnachmittag zur größten Demonstration in Frankreich seit Weltkriegsende versammelt hat: "Es ist beeindruckend zu sehen, dass wir alle solidarisch sind", sagt die 73-Jährige.

Dankbar für die Solidarität

Solidarität zeigen an diesem denkwürdigen Sonntag in Paris nicht nur die rund eine Million Menschen, die auf die Straße gehen, um nach der beispiellosen Anschlagserie ein Zeichen zu setzen. Solidarisch sind auch rund 50 Staats- und Regierungschefs, die hinter den Angehörigen marschieren im Gedenken an die Opfer der beispiellosen Anschlagserie, die Frankreich in den vergangenen Tagen erschütterte. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) eingehakt an der Seite des französischen Präsidenten François Hollande, daneben der polnische Ministerpräsident Donald Tusk und Palästinenserpräsident Mahmut Abbas. "Frankreich kann sich auch in schweren Zeiten auf seine Freunde verlassen", sagt Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD).

Von den Ereignissen nach den Terroranschlägen in Paris berichten wir aktuell im Live-Blog.

Und Frankreich nimmt die Freundschaftsgeste gerne an in diesen schweren Zeiten, in denen drei Attentäter innerhalb von drei Tagen 17 Menschen töteten. "Es ist gut, dass sie da sind", bemerkt Françoise zur Anwesenheit der ausländischen Politiker. Die Staatsgäste laufen nur ein paar hundert Meter, von der Place de la République bis zum Rathaus des elften Pariser Stadtbezirks, streng bewacht von Scharfschützen auf den Dächern und insgesamt 5500 Soldaten und Polizisten. Die Hunderttausenden dagegen, die sich am Morgen schon rund um die monumentale Freiheitsstatue versammelt haben, gehen langsam bis zum Platz der Nation.

"Ich bin Charlie, ich bin Polizist, ich bin Jude, ich bin Franzose"

Angst zeigen sie dabei nicht. "Wenn wir ängstlich sind, haben die Attentäter gewonnen", sagt Raissa, eine 17-jährige Schülerin, die mit ihren Freundinnen gekommen ist. "Alle zusammen gegen den Fanatismus" steht auf einem rot-weißen Aufkleber, den viele Demonstranten auf ihre Jacken geklebt haben. Fast alle haben den Slogan der Solidaritätsbewegung mitgebracht, "Je suis Charlie" (Ich bin Charlie) in weißer Schrift auf schwarzem Grund. Gemeint ist die Satirezeitung "Charlie Hebdo", der der erste Anschlag am Mittwoch mit zwölf Toten galt.

Das Büro der Redaktion, die zur Hälfte ausgelöscht wurde, liegt nur wenige hundert Meter von der Place de la République entfernt. Hunderte Blumen und Kerzen erinnern in der Rue Nicolas Appert an die getöteten Journalisten und Zeichner. "Ich bin Charlie, ich bin Polizist, ich bin Jude, ich bin Franzose", steht mit Hand geschrieben auf einem Zettel, den einer der Trauernden an dem Gebäude aufgehängt hat.

Hollande steht vor einer Herkulesaufgabe

Er erinnert an die Opfer der Attentäter: neben den Journalisten von "Charlie Hebdo" mehrere Polizisten und vier Juden. Sie wurden von Amedy Coulibaly erschossen, dem Mann, der in Verbindung zu den Attentätern von "Charlie Hebdo" stand. Doch während die Brüder Kouachi sich zu Al Kaida bekannten, gestand Coulibaly in einem Video, das am Sonntag bekanntwurde, seine Zugehörigkeit zum Islamischen Staat.

"Diese Extremisten stehen nicht für den Islam", sagt die 20-Jährige Leila. Sie ist Muslimin und will mit den Attentätern nicht in einen Topf geworfen werden. Dass die Gefahr besteht, zeigen die zahlreichen Anschläge auf Moscheen und islamische Einrichtungen in den vergangenen Tagen. Vor einer Vermengung hat auch Präsident Hollande gewarnt.

Der Staatschef steht nun vor der schwierigen Aufgabe, die verschiedenen Religionen, die in seinem Land leben, wieder zu einem friedlichen Zusammenleben zu bringen. Frankreich hat die größte jüdische und muslimische Gemeinde Europas. Nach dem Trauermarsch hat Hollande einen Termin in der großen Synagoge an der Rue de la Victoire. Es ist ein Zeichen, das er damit setzen will, denn die französischen Juden sind durch eine Reihe antisemitischer Angriffe in den vergangenen Monaten tief verunsichert. Rund 7000 von ihnen wanderten im vergangenen Jahr nach Israel aus. Doch der Vorsitzende des Dachverbands jüdischer Organisationen (CRIF), Roger Cukierman, ruft die Juden ausdrücklich dazu, am Sonntag auf die Straße zu gehen. "Das Zusammenleben ist ein Muss", sagt er vorab in einem Interview.

97 Prozent für nationale Einheit

Dieses Zusammenleben scheint zu funktionieren an jenem kalten Sonntag in Paris. Rund um den 15 Meter hohen Sockel mit der Bronzefigur der Marianne, dem französischen Freiheitssymbol, flattern viele Fahnen. Vor allem natürlich die blau-weiß-rote Flagge Frankreichs, aber auch die Marokkos oder Israels. "Ich bin Jüdin. Ich bin nicht gläubig. Ich bin Charlie", hat eine Teilnehmerin auf einen Zettel geschrieben, den sie in einer Klarsichthülle um den Hals gehängt trägt.

97 Prozent der Franzosen sind laut einer Umfrage bereit, gegen den Terrorismus zusammenzustehen. Deshalb sind es nicht nur die Mitglieder der Regierung, die da am Sonntag durch die Straße gehen. Auch viele hochrangige Vertreter der Opposition sind dabei, darunter der Chef der Konservativen, Nicolas Sarkozy. Ein Zeichen der nationalen Einheit wollen die Politiker damit setzen. Eine Einheit, von der sich die Chefin des rechtspopulistischen Front National, Marine Le Pen, ausschließt. Sie hat ihre Anhänger dazu aufgerufen, woanders auf die Straße zu gehen. Wird die nationale Einheit über den 11. Januar hinaus halten?, ist am Sonntag die bange Frage. Die Demonstranten sind optimistisch: "Das hier ist ein Zeichen der Hoffnung."

Hier geht es zur Infostrecke: "Charlie Hebdo": Solidaritätsmarsch beeinruckt die Medien

(RP)