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Washington: Edward Snowdens Vater attackiert Obama

Washington : Edward Snowdens Vater attackiert Obama

Lon Snowden reist demnächst nach Moskau. Nach Hause holen will er seinen Sohn, den Geheimdienst-Enthüller, aber nicht mehr.

Lon Snowden hat einen Eid abgelegt: "Ich schwöre, dass ich die Verfassung der Vereinigten Staaten gegen alle Feinde verteidigen werde." 30 Jahre, bis Januar 2009, stand er in Diensten der Küstenwache. Lon Snowden, Oberstabsfeldwebel im Ruhestand, kräftige Statur, aus einer Familie von Polizisten und Militärs stammend, spricht gern von seiner patriotischen Gesinnung. Kryptisch fügt er hinzu, dass er sich in seinem Beruf um Belange der nationalen Sicherheit zu kümmern hatte und leider nicht in die Details gehen könne.

Anfangs sah es so aus, als würde er nach Moskau fliegen, seinem Spross Edward, der die gigantischen Spähprogramme des US-Geheimdienstes enthüllt hat, ins patriotische Gewissen reden und ihn überzeugen, nach Hause zu kommen – vielleicht nicht gleich, wohl aber in ein paar Wochen. Demnächst reist er tatsächlich nach Moskau; Anatoli Kutscherena, der russische Anwalt seines Sohnes, hat ihm bereits die Einladung geschickt, ohne die Amerikaner kein Visum erhalten.

Der genaue Termin bleibt vorläufig geheim, doch es geht offenbar nicht mehr darum, Edward zurückzuholen. "Wo mein Sohn den Rest seines Lebens verbringt, ist seine Entscheidung", sagt Lon im Interview mit George Stephanopoulos, der einmal Sprecher des US-Präsidenten Bill Clinton war und heute das politische Wochenmagazin des Fernsehsenders ABC News moderiert. Eine Heimkehr sei nur sinnvoll, wenn Edward auf ein faires Verfahren bauen könne. Daran glaube er, der Vater, im Moment nicht.

Der Ton, den Barack Obama, dessen Minister und einige Senatoren anschlagen, wenn sie über seinen Sohn reden, lasse ihn zweifeln, ob eine Geschworenen-Jury überhaupt neutral und unvoreingenommen urteilen könne, sollte es zu einem Prozess kommen. "Sie haben den Brunnen vergiftet", klagt Snowden senior und mokiert sich über den Staatschef, der vor wenigen Tagen unter dem Druck einer beunruhigten Öffentlichkeit Reformen skizzierte, in deren Ergebnis dem Abhörgeheimdienst NSA straffere Zügel angelegt werden sollen.

Um die Wogen zu glätten, zitierte Obama Gesetze, die die Rechte von Whistleblowern schon jetzt wirksamer schützen, weshalb sich Edward Snowden im Vertrauen auf Gerechtigkeit ohne Zögern der amerikanischen Justiz stellen möge. "Absolut unwahr", protestiert Lon. "Entweder wird der Präsident von seinen Beratern in die Irre geführt, oder er führt absichtlich das amerikanische Volk in die Irre."

Der Tacheles redende Oberstabsfeldwebel a.D. – es ist die Geschichte einer ziemlich dramatischen Wandlung. Im Juni schien es noch so, als wollte er unter dem Siegel strengster Verschwiegenheit an einem Kompromiss basteln. Da muss die Bundespolizei FBI noch geglaubt haben, die Sorge des Vaters ausnutzen zu können. Kaum war Edward in Russland gelandet, standen Bundespolizisten vor Lons Haus in Allentown, Pennsylvania. Sie wollten, dass er nach Moskau fliegt, wo sein Sohn festsaß im Transitbereich des Flughafens Scheremetjewo.

Als Lon zum ersten Mal davon erzählte, Wochen später, nahm er schon kein Blatt mehr vor den Mund. "Halt mal, ich werde nicht auf der Rollbahn sitzen und ein emotionales Werkzeug für euch sein", will er dem FBI geantwortet haben. Im Laufe der Zeit habe er begriffen, sagte er der "Washington Post", dass seinen Sohn daheim nichts Gutes erwarte. "Sie werden ihn in ein Loch werfen. Er wird nicht reden dürfen."

Der Anwalt, der den kantigen Ex-Offizier vertritt, ist übrigens Republikaner. Bruce Fein begann seine Karriere Anfang der 80er Jahre im Justizministerium der Regierung Ronald Reagans. Er ist ein Mann, der sich als Kämpfer für die Freiheit des Einzelnen versteht und in scharfen Worten missbilligt, was sich der Staat unter Reagans Parteifreund George W. Bush im Namen der Terrorabwehr an Vollmachten aneignete. Wo immer sie im Duett auftreten, und das tun sie neuerdings oft, geben Snowden senior und sein Advokat eine Geschichtslektion, indem sie sich auf die Gründer der amerikanischen Republik berufen.

Als eine Art Kronzeugen führen sie Thomas Paine ins Feld, einen Journalisten, der 1776 unter dem Titel "Common Sense" das politische Manifest der Unabhängigkeitsbewegung verfasste. "Ein wahrer Patriot", zitieren sie Paine, "rettet sein Land vor seiner Regierung."

(RP)