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Analyse eines gesellschaftlichen Problems: Die Strategien der pädophilen Täter

Analyse eines gesellschaftlichen Problems : Die Strategien der pädophilen Täter

Nach dem Haftbefehl gegen einen ihrer Mitarbeiter rollt das Pädophilie-Thema erneut mit voller Wucht auf die Grünen zu. Doch nicht nur die Partei, auch viele soziale Einrichtungen haben auffällig oft mit dem Thema zu kämpfen.

Für das schwierige Pädophilie-Thema ist bei den Grünen an diesem Mittwoch die neue Fraktionschefin zuständig: "Wir sind alle sehr erschüttert", sagt Katrin Göring-Eckardt zu Beginn ihrer ersten Pressekonferenz nach ihrer Wahl zur Fraktionsvorsitzenden. Sollte sich der Verdacht gegen "unser Mitglied" erhärten, handele es sich um ein "unfassbares, furchtbares Verbrechen", das "mit allen Möglichkeiten bekämpft" werden müsse. "Wir sind sehr froh, dass Tom Koenigs sehr schnell reagiert und konsequent gehandelt hat", sagt sie und wirkt bei diesem letzten Satz fast ein wenig erleichtert.

Die Grünen haben nur zwei Wochen nach ihrem enttäuschenden Wahlergebnis vom 22. September erneut mit einem Tiefschlag umzugehen: Ein 61-Jähriger, der in Gießen das Wahlkreisbüro des Bundestagsabgeordneten und bisherigen Vorsitzenden des Ausschusses für Menschenrechte, Tom Koenigs, leitet, ist wegen des dringenden Verdachts auf Kindesmissbrauch verhaftet worden. Der Mann soll seit 2007 drei Mädchen und einen Jungen im Alter von sechs bis zwölf Jahren sexuell missbraucht haben — und zwar in mehr als 160 Fällen. Der verheiratete Tatverdächtige ist auch Mitglied des Landkreistags im hessischen Gießen. Dort kümmerte er sich um die Themen Arbeit, Wirtschaft, Energie und Verkehr. Auch in der Landespolitik ist er eine Größe: Er ist stellvertretendes Mitglied des Parteirats der Grünen in Hessen, des höchsten Organisationsgremiums der Landespartei.

Parteichef Cem Özdemir verurteilt den Fall ähnlich scharf wie die Fraktionschefs: "Kindesmissbrauch ist eine schwere und widerwärtige Straftat. Die Vorstellung, dass Kinder missbraucht wurden, ist unerträglich", sagt er. Die Ermittlungen lägen jetzt in den Händen der Polizei und Staatsanwaltschaft. "Tom Koenigs hat schnell gehandelt und die Polizei über den anonymen Hinweis informiert."

Der Partei kann dieser Fall von sexuellem Missbrauch Schaden zufügen, da er von der Debatte über pädophile Strömungen bei den Grünen in den 80er Jahren nur schwer zu trennen ist. Die Partei verweist zu Recht darauf, sie habe sich bereits vor 25 Jahren von ihrem falschen pädophilenfreundlichen Kurs der 70er und 80er Jahre verabschiedet. Doch steht die wissenschaftliche Untersuchung aus, in welcher Form und in welchem Ausmaß die Debatte über eine Legalisierung von Sex mit Kindern die Gesellschaft und auch das Verhalten Einzelner beeinflusst hat. Der Versuch Göring-Eckardts und ihres neuen Co-Fraktionsvorsitzenden Anton Hofreiter, den neuen Fall in den eigenen Reihen als Sonderfall zu geißeln, der nichts mit der "ekligen Debatte" (Hofreiter) aus ihren Gründungstagen zu tun habe, wird schwer durchzuhalten sein.

Im Handumdrehen wurden die biografischen Daten des Verdächtigen am Mittwoch von den Internet-Seiten der Grünen in Hessen und in Gießen gelöscht. Das Büro von Koenigs verweigerte über die eigene knappe Erklärung hinaus Angaben zu dem 61-Jährigen. Wann ist er in die Partei eingetreten? Aus welchen Beweggründen kam er zu den Grünen? Hat er sich in früheren Jahren für die pädophilen Strömungen in der Partei engagiert? Sollte dies der Fall sein, und die Grünen werden dies prüfen müssen, dann werden sie zumindest auch der Frage nachgehen müssen, ob der nun Verhaftete tatsächlich ein Einzelfall ist. Die Forscher Franz Walter und Stephan Klecha, die im Auftrag der Grünen die pädophilen Strömungen innerhalb der Partei in den 70er und 80er Jahren untersuchen, können nach ihrem bisherigen Forschungsstand keinen Zusammenhang zwischen dem verhafteten Grünen-Mitarbeiter und der früheren Debatte um Sex mit Kindern erkennen.

Gründliche Aufarbeitung der Vergangenheit

Die Grünen arbeiten die früheren pädophilen Strömungen in ihrer Partei mittlerweile sehr gründlich auf. Neben dem Auftrag an die Forscher beschloss der Bundesvorstand der Grünen in der vergangenen Woche, einen eigenen Arbeitskreis einzusetzen. Auch er soll sich mit der Aufarbeitung der Pädophilie-Vorwürfe beschäftigen und zugleich als Anlaufstelle für Opfer dienen. Dies war bei den Grünen zunächst umstritten, da sie sich nicht als Täter sehen.

Dem Menschenrechtspolitiker Koenigs, für den der dringend Tatverdächtige seit Jahren gearbeitet hat, ist aus Sicht von Experten kein Vorwurf zu machen. Ursula Enders, Mitgründerin der Hilfsorganisation für Missbrauchsopfer "Zartbitter", die auch ein Buch über Täterprofile geschrieben hat, geht davon aus, dass Koenigs sehr wahrscheinlich keinen Verdacht hätte schöpfen können. "Es ist gut möglich, dass der Politiker von den Neigungen und Aktivitäten seines Mitarbeiters nichts mitbekommen hat", sagt Enders. Den Begriff Pädophile lehnt sie ab, weil dies streng übersetzt "Kinderfreundliche" bedeutet. Enders spricht lieber von "Pädokriminellen" oder "Pädosexuellen". "Die Täter suchen sich bewusst ein Umfeld, in dem man ihnen die Tat nicht zutraut. Sie tun das, um nicht in Verdacht zu geraten. Eine der effektivsten Masken ist, Mitarbeiter eines Menschenrechtspolitikers zu sein", sagt Enders. Pädophile fänden sich auch besonders häufig dort, wo es um Kinderschutz gehe. Die in jüngster Zeit bekannt gewordenen Fälle beim Kinderschutzbund, bei der Beratungsorganisation Pro Familia oder auch in kirchlichen Einrichtungen bestätigten diese These, sagt Enders.

Expertenschätzungen zufolge finden 80 bis 90 Prozent der Fällen von sexuellem Missbrauch im direkten sozialen Umfeld der Kinder statt. Laut Kriminalstatistik werden jährlich rund 12.000 Kinder unter 14 Jahren sexuell missbraucht. In den meisten Fällen kommt es Schätzungen zufolge aber nicht zu einer Anzeige. Daher liegt die Dunkelziffer um ein Vielfaches höher.

(mar / qua)